Schimpf-Expertin übers Fluchen beim WM-Schauen: "Fußball gibt schon viele Sprüche her"
Sprache und Emotionen Schimpf-Expertin übers Fluchen beim WM-Schauen: "Fußball gibt schon viele Sprüche her" Sprachwissenschafterin Oksana Havryliv erklärt, warum sich "Trottel" und "Arschloch" wacker ...
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Sprache und Emotionen
Schimpf-Expertin übers Fluchen beim WM-Schauen: "Fußball gibt schon viele Sprüche her"
Sprachwissenschafterin Oksana Havryliv erklärt, warum sich "Trottel" und "Arschloch" wacker halten – und wo eigentlich am meisten geschimpft wird
Anna Giulia Fink
Oksana Havryliv, ursprünglich aus der Ukraine, zog 1994 als Germanistin nach Wien. Da kam ihr auch die Idee, sich mit dem Schimpfen zu befassen – bei einer Heurigen-Runde mit Wissenschafterinnen und Wissenschaftern. Heute gilt sie im deutschsprachigen Raum als führende Expertin auf dem Gebiet. Ein Gespräch über harmloses und problematisches Schimpfen, über Fluchen in Zeiten der Fußball-WM und hoher Temperaturen und warum man hierzulande anders beleidigt als in Italien oder in slawischen Sprachen.
STANDARD: Es ist Sommer und teils sehr heiß, außerdem fiebern viele bei der WM mit: Sind beides Momente, in denen das Schimpfen Hochsaison hat?
Havryliv: Fußball gibt schon viele Sprüche her, die sich schnell verbreiten oder zu Memes werden. Ich komme aus der Ukraine und dort haben sich im März 2014, kurz nachdem die Krim besetzt worden war, die Fans von zwei ukrainischen Fußballteams, Shakhtar Donetsk und Metalist Charkiw, vor einem Match zusammengetan, um gemeinsam mit Sprechgesängen gegen Putin zu protestieren. Der damalige Slogan "Putin – khuilo!" hat sich dann verbreitet, auch in Österreich. Ich wurde dann dauernd gefragt, was es bedeutet. Schimpfwörter lassen sich oft nicht wörtlich übersetzen, weil es unterschiedliche Schimpfkulturen gibt. "Khuilo" ist in einigen slawischen Sprachen eine sehr derbe Bezeichnung für das männliche Glied. Im Deutschen kann man das mit "Riesenarschloch" übersetzen.
STANDARD: Sie zählen in Ihrem Buch Nur ein Depp würde dieses Buch nicht kaufen eine Reihe von Funktionen des Schimpfens auf. Welche sind die positiven, produktiven?
Havryliv: In diesem Fall hat das Schimpfen die Funktion des Widerstands und des Erzeugens des Gefühls von Zusammenhalten. Ähnlich war das mit dem Funkspruch eines ukrainischen Marineinfanteristen: "Russisches Kriegsschiff – fick dich!". Auch beim Terroranschlag in Wien im November 2020 war das mit dem Spruch "Schleich di, du Oaschloch" der Fall: Einerseits hatte das eine Ventilfunktion, eine kathartische Funktion angesichts der Grausamkeit des Geschehens, und andererseits erzeugte das auch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Auch das Fußballmatch-Schauen mit Freundinnen und Freunden hat diese korporative Funktion, bei dem das gemeinsame Schimpfen ein Gruppenzugehörigkeit zeigt. Schimpfen kann auch motivierend gemeint sein, wenn man ein Wort zur Motivation herausschreit. Die wichtigste Funktion des Schimpfens ist ganz generell jene des Abreagierens von Emotionen, von negativen vor allem, aber auch von positiven. Das "Bist du deppert!" beim Gruppenspiel Österreich gegen Algerien ist auch zu einem Meme geworden. Es erinnert viele an das "I werd narrisch!“ beim 3:2 Österreichs gegen Deutschland bei der Fußball-WM 1978.
STANDARD: Beides sind aber eigentlich Momente der Freude und des Jubels.
Havryliv: Oft sind Schimpfwörter oder an sich negativ konnotierte Ausdrücke Jubelausrufe. Bei der Fußball-Europameisterschaft 2021 wurde Marko Arnautović, österreichischer Fußballer mit serbischen Wurzeln, heftig kritisiert dafür, dass er während des Spiels Österreich gegen Nordmazedonien "Ich ficke deine albanische Mutter" ausgerufen hat. Der Ausruf wird in slawischen Sprachen auch als Jubelruf verwendet. Es ist natürlich ein vulgärer Ausdruck, der oft bedeutungsentleert zum Ausdruck unterschiedlichster Emotionen und auch als Pausenfüller gebraucht wird und bei dem niemand an den Geschlechtsakt mit der Mutter denkt. Der Ausdruck entspricht im Deutschen eher "Scheiße", "Verdammt" oder gar "Oida". Hinzu kam aber, dass Arnautović dazu noch einen abwertenden Begriff für Albaner benutzt hat – weshalb das dann schon als persönlicher Angriff gewertet wurde. Arnautović hat sich anschließend dafür entschuldigt.
STANDARD: Auch hierzulande wird der Ausdruck von Jugendlichen verwendet. Warum eigentlich immer gegen die Mutter?
Havryliv: Das hängt mit Tabus zusammen, gegen die durch das Schimpfen verstoßen wird. Auch die Schwester wird oft genannt, manchmal der Vater. In der slawischen Sprache ist es oft die Mutter, im Nahen Osten sind es oft weibliche, aber auch männliche Verwandtenbeleidigungen. Auch bei "Hurensohn" wird eigentlich ein Mann beschimpft, die Mutter aber gleich mitbeleidigt.
STANDARD: Auch Frauen, vor allem jüngere, nennen sich gegenseitig "Bitch".
Havryliv: Sie benützen das oftmals, um den Männern damit zu zeigen, dass sie sie nicht beleidigen können damit, weil sie das Wort eben selbst verwenden. Es ist ein Beispiel für Bedeutungsverbesserung durch Selbstbezeichnung und für die Abnutzung des Wortes, das dadurch seine Stärke verliert.
STANDARD: Sie sagen, Schimpfen umfasst Fluchen und auch alles, was man tut, wenn man Unmut, Kritik, Empörung ausdrückt. Um beim Fußball zu bleiben: "Aaaaahhh"-Ausrufe und "Das gibts doch nicht!" bei einem gegnerischen Tor oder auch mit Blick auf die Temperaturen "Ich halte diese Hitze nicht mehr aus!". Das klingt harmlos, ab wann wird es aber problematisch?
Havryliv: Das situationsbezogene Schimpfen ist meiner Meinung nach das harmlosere Schimpfen: Fluchen, das Ausrufen von "Verdammt", "Das gibt es doch nicht!" oder ähnliches. Man schimpft also über eine Situation und nicht gegen eine Person. Das kann man sich antrainieren, indem man sich den Gebrauch personenbezogener Schimpfwörter abgewöhnt, wie das im Laufe der Zeit beim N-Wort oder bei nationalsozialistisch belasteten Ausdrücken passiert ist. Ich halte nichts von persönlichen Angriffen, auch wenn man neutrale Wörter oder Verniedlichungen verwendet, weil sie trotzdem aggressiv aufgeladen sind, beispielsweise mit einem aggressiven Gesichtsausdruck einhergehen. Auch etwas vermeintlich Witziges kann beleidigend sein, wenn es ironisch oder sarkastisch personenbezogen ist.
STANDARD: Sie sagen, dass Schimpfen mit Tabus, die Schimpfkultur mit den Werten und Problemzonen der jeweiligen Gesellschaft zusammenhängt. Blasphemisches Fluchen komme eher im katholischen Südeuropa vor, etwa in Italien ("porca madonna"), im Jiddischen werde besonders kreativ verwünscht ("Du sollst in deinem Hemd keinen Platz finden!"). Im deutschsprachigen Raum schimpft man viel mit Fäkalausdrücken. Was sagt das aus?
Havryliv: Vor allem die Deutschen, aber auch die Schweizer und Österreicher, gelten weltweit als besonders ordnungsliebend, als sauberkeitsliebend. Das Leben im deutschsprachigen Raum ist sehr stark reglementiert im Vergleich mit anderen Ländern. Das ist natürlich auch positiv, aber das Tabu bricht man eben, indem man gegen diese Ordnung und Sauberkeit verstößt – indem man buchstäblich zu diesen schmutzigen Lexika greift.
STANDARD: Wo und unter welchen Umständen schimpft man Ihren Untersuchungen nach am meisten? Im privaten, wenn weniger Leute dabei sind, oder in der Masse?
Havryliv: Am meisten im Auto. Das behaupten zumindest die befragten Personen. Weil sie alleine sind, also eine gewisse Distanz da ist, und weil sie sich viel ärgern beim Autofahren. Oft ist es ein monologisches Schimpfen. Dieses indirekte Beschimpfen kommt laut meinen Befragungen dreimal häufiger vor als das direkte Beschimpfen von Anwesenden.
STANDARD: Sie befassen sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Schimpfen. Wie sehr hat sich das Vokabular seither verändert?
Havryliv: Erwachsene schimpfen eher konservativ, da ändert sich also nicht viel. In meinen Umfragen 2006 und 2016 gaben sie beide Male an, dass die drei am häufigsten genutzten Schimpfwörter "Trottel", "Arschloch" und "Idiot" sind. Ich glaube nicht, dass sich 2026 viel verändert hat, vielleicht die Reihenfolge. 80-Jährige gaben 2006 an, "Scheiße" überhaupt nicht zu benützen, das war lange in Österreich nicht gebräuchlich und kam erst in den 1980er-Jahren aus Deutschland her. Heute 80-Jährige gebrauchen das Wort schon. Sie sagen auch, sie hätten in ihrer Kindheit noch eine Ohrfeige dafür bekommen, für Jüngere heute wird das wiederum kaum als Schimpfwort wahrgenommen und sehr viel benutzt.STANDARD: Wie schimpfen Jüngere?
Havryliv: Bei Jugendlichen tut sich mehr beim Schimpf-Vokabular: 2006 war "Fuck you" sehr gebräuchlich, das ist inzwischen viel seltener geworden. Zugleich hat "Fick dich" zugenommen. Hier kommen laufend Modewörter hinzu, beispielsweise "amk" oder auch gesprochen "emeke", das der früh verstorbene Rapper und Vlogger Gilette Abdi geprägt hat: Es ist eine Abkürzung des türkischen Begriffs "amina koyim", was wörtlich "Ich setze es in die Vagina!" bedeutet, also sehr vulgär ist, wird aber eher im Sinne von "Ich mach dich fertig" verwendet wird oder auch einfach nur als "Scheiße". Der Ausdruck war zwischen 2018 und 2022 in den Jugendsprachen in Österreich sehr populär und wird heute kaum gebraucht. (Anna Giulia Fink, 13.6.2026)
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