Sahra Wagenknecht kann die AfD eher ertragen als die CDU – welch ein Irrsinn!
KI-Stimme. InfoLiebe Leserin, lieber Leser, meinen Newsletter schreibe ich gerne zu Hause unter dem schrägen Dachfenster. Ich habe dann ein Stück Himmel direkt über mir. Zumindest in der Theorie, denn die Sonne...
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KI-Stimme. Info
Liebe Leserin, lieber Leser,
meinen Newsletter schreibe ich gerne zu Hause unter dem schrägen Dachfenster. Ich habe dann ein Stück Himmel direkt über mir. Zumindest in der Theorie, denn die Sonne brennt gnadenlos auf das Glas, wenn ich nicht die Jalousie runterziehe. In diesen Hitzewochen fliehe ich irgendwann mit dem Laptop in die Küche, wo wir neuerdings eine Klimaanlage haben, die wir demnächst mit einem Balkonkraftwerk kombinieren wollen. Denn was uns wohl allen in diesem Sommer klar geworden ist: Wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass sich eine tagsüber aufgeheizte Wohnung nachts abkühlt. Und wenn die Hitze tagelang anhält, dann bleibt selbst die Altbau-Hochparterre-Wohnung mit dem Hofgarten vor dem Schlafzimmer nicht mehr kühl.
In einer dieser Wohnungen ist in diesen Hitzetagen ein Nachbar gestorben. Er war alt, über 90, und ging nur noch selten mit seinem Rollator vor die Tür. Allein im Juni und Juli dieses Jahres starben wie er mehr als 12.000 Menschen an der Hitze. Viele von ihnen werden ebenfalls sehr alt gewesen sein und/oder Probleme mit dem Herz-Kreislauf-System gehabt haben. Doch es ist zynisch, mit den Schultern zu zucken.
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Genau das passiert gerade in der Gesellschaft und auch in den politischen Debatten. Wir streiten über das Renteneintrittsalter. Über Steuersenkungen und Krankenkassenbeiträge. Kurz: Wir streiten über ein paar Euro mehr oder weniger in unseren Portemonnaies, mehr werden die angekündigten Reformen ohnehin nicht bringen, wie Dominik Bath analysiert. Und es geht um Wehrpflicht, Kriegstüchtigkeit, Sicherheit und die Angst vor der AfD. Angesichts der geopolitischen Lage wichtige Themen, aber warum bloß herrscht mit Blick auf die Hitze, die Dürre, die Brände im politischen Betrieb das große Schweigen? Selbst ein Cem Özdemir, der grüne Regierungschef von Baden-Württemberg, tritt vor allem als Lobbyist der sterbenden Autoindustrie auf, so die Bilanz nach Hundert Tagen im Amt, die Christoph Link zusammengetragen hat.
Preppen von links: Klimaaktivisten bereiten sich auf die Katastrophe vor
Was ist eigentlich mit den Klimaaktivisten? Da klebt niemand mehr auf der Straße, da trommelt kaum noch jemand eine Demo zusammen. Haben sie resigniert, weil die Erhitzung um drei Grad kaum noch aufzuhalten ist, weil die Weltgemeinschaft andere Sorgen hat?

Klimaaktivisten, Umweltschützer und Anhänger linker Gruppen bereiten sich im Kollapscamp auf Katastrophen durch die Erderhitzung vor. © FUNKE Foto Services | Reto Klar
Tatsächlich blicken die Klimaaktivisten bereits in die Zukunft. Und sie sehen sie deutlich dystopischer, als es die Fantasie der Mehrheit angesichts von ein paar Hitzetagen zulässt. Ihnen geht es nicht nur um Dürren, Überschwemmungen, Tote. Sondern auch um gesellschaftliche Veränderungen, die eine Diktatur wahrscheinlicher machen. Und darauf wollen sie sich vorbereiten. Kurz gesagt: Sie preppen, allerdings nicht nur mit Wasser, Konserven und Kurbelradio, sondern mit Szenarien. Theresa Martus hat sie in ihrem sogenannten Kollapscamp im Norden Brandenburgs besucht. Lesen Sie hier ihre Reportage.
Fast 50 Grad mit Stromausfall: So war der Urlaub in Tunesien
Die anderen, also wir, sind im Hier und Jetzt und nicht in irgendeiner dystopischen Zukunft. Und wir schwitzen und warten auf den Wetterumschwung. In Tunesien gibt es hingegen seit Wochen keine Abkühlung. Dort klettert in diesem Sommer das Thermometer ständig über 40, bisweilen Richtung 50 Grad. Klimaanlagen laufen im Dauerbetrieb, doch das hält das Stromnetz nicht aus. Anne-Kathrin Neuberg-Vural hat mit ihrer Familie am eigenen Leib erlebt, was es bedeutet, wenn bei einer Hitze, für die unser Körper nicht gemacht ist, die Klimaanlage ständig ausfällt. Doch während sie mit ihrem Mann und den Kindern nach Deutschland zurückfliegen konnte, sind die Bewohner der Hitzeregionen den Folgen des Klimawandels jetzt schon brutal ausgeliefert.

Meistens war es viel zu heiß: Anne-Kathrin Neuberg-Vural im Urlaub in Tunesien. © Privat | Anne-Kathrin Neuberg-Vural
Zurück zur Politik. Natürlich kommt sie nicht um die Hitze herum. Denn da sind die Wasserstraßen mit ihren historisch niedrigen Pegeln, die einen normalen Schiffsverkehr nicht mehr zulassen. Und da wird schnell gehandelt: mit der Aufhebung des Sonntagsfahrverbots für Lkw. Ist verständlich, denn irgendwie müssen ja die Waren, das Öl, das Gas und was wir sonst noch wollen und brauchen, von A nach B kommen. Hitzefest macht uns das noch lange nicht. Wir müssten viel größer denken, schreibe ich in meinem Kommentar, nicht so dystopisch wie die Klimaprepper, aber pragmatisch.
Sachsen-Anhalt: Was für eine Nummer zieht Sahra Wagenknecht ab?
Doch in der Politik ist wie in der Gesellschaft besagtes Hier und Jetzt der Antrieb und nicht der Weitblick. Und dieser enge Blick führt dazu, dass wir uns kaum vor und zurück bewegen. Zu nah ist immer die nächste Wahl. Derzeit blicken wir auf die Ost-Wahlen, vor allem auf Sachsen-Anhalt. Eigentlich ein kleines Bundesland, das längst nicht repräsentativ ist für die Bundesrepublik. Aber die Wahl am 6. September könnte eine Zeitenwende einläuten. Denn in Umfragen liegt die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund bei 42 Prozent – und damit satte 20 Prozent vor der CDU. Nun geht es nur noch darum, die Übernahme der Regierung durch die Rechtsaußen-Partei, die Partner der Höcke-AfD in Thüringen ist, zu verhindern. Siegmund, der Menschenfänger, als Ministerpräsident: Damit das nicht passiert, will sogar die Linke CDU-Mann Sven Schulze wählen.

Merz muss weg: Das ist das Motto von Sahra Wagenknecht. Nimmt sie dafür einen Pakt mit der AfD in Kauf? © Peter Gercke/dpa | Peter Gercke/dpa
Aber dann ist da noch Sahra Wagenknecht und ihr BSW. Die Populisten von links, die beim Thema Russland und Migration deutliche Überschneidungen zur AfD haben, machen Stimmung gegen die Brandmauer – und könnten den Steigbügel halten, mit dem Siegmund sich auf den Regierungssitz hievt. Offenkundig ist für Wagenknecht ein CDU-Mann wie Schulze ein größeres Übel, analysiert Melanie Amann in ihrem Kommentar. Wie konnte die frühere Ikone der Linken so tief sinken?
Wo Kultur auf politische Wirklichkeit trifft: Ist das Russische Haus ein Hotspot für Spione?
Apropos Liebe zu Russland: Kennen Sie das russische Haus in der Berliner Friedrichstraße? Gleich auf der Höhe des benachbarten Gendarmenmarktes soll dort russische Sprache, Kultur und Geschichte vermittelt werden. Es gibt einen Konzertsaal, ein Kino, eine Bibliothek, eine Buchhandlung und eine Cafeteria. Betrieben wird es von einer Agentur, die dem russischen Außenministerium untersteht. Seit 2022, seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, ist es auf der Sanktionsliste. Zudem steht es unter Spionage- und Propagandaverdacht. Philipp Siebert erklärt, was hinter den Vorwürfen steckt.

Der Buchladen Mnogoknig im Russischen Haus in der Friedrichstraße in Berlin. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini
Meine Kollegin Alina Juravel, die in Moldawien aufgewachsen ist, besucht trotzdem regelmäßig die Buchhandlung des russischen Hauses. Sie liebt die Literatur in ihrer Muttersprache, überhaupt die russische Kultur, die mit der Bedrohung, mit der Machthaber Putin in Deutschland und Europa Druck ausübt, nichts zu tun hat. Mich hat ihr persönlicher Einblick sehr bewegt, schließlich habe ich einen Teil meiner Jugend mit den Romanen von Dostojewski verbracht, ich habe mitgelitten mit dem tragischen Helden Raskolnikow in „Schuld und Sühne“. Und ich liebe die Musik von Tschaikowski, Strawinsky und Schostakowitsch. Früher habe ich sogar meinen Kindern „Immer lebe die Sonne“ vorgesungen, ein russisches Kinderlied, das Fredrik Vahle auch in Deutschland berühmt machte – und zwar auch mit einem russischen Refrain, den ich ganz wunderbar weich fand. Meine heimliche Sehnsucht nach Russland ging so weit, dass ich eine Freundin beneidete, weil sie auf der Waldorfschule Russisch lernen durfte.

Birgitta Stauber, Textchefin © Montage | FMG/Reto Klar/FFS
Bei aller Folklore und Wehmut: Wenn das russische Haus eine Deckung für Spionage ist, wenn dort Propaganda betrieben wird, hat es wohl keinen Platz mehr in Berlin, zumindest solange der Putin-Apparat besteht. Doch wird es geschlossen, dann haben auch die Filialen des Goethe-Instituts in Russland keine Zukunft. Was zeigt: Natürlich ist die Kultur, die eigentlich grenzenlos, die universell sein sollte, zum Spielball in diesem Krieg geworden, ein Krieg, in dem wir längst drinstecken.
Die Sonnenfinsternis? Habe ich verpasst. Trotz bester Aussicht.
Zurück zu unserer Dachgeschosswohnung. Von der Küche geht ein schöner Südwest-Balkon ab, der den Blick über die Dächer unseres Kiezes freigibt. Am Abend haben wir Sonne pur, wie prädestiniert für eine Beobachtung der Sonnenfinsternis. Doch wir waren zu beschäftigt, um uns rechtzeitig um Schutzbrillen zu kümmern. Also blieben wir im Wohnzimmer, das in ein ganz eigentümliches Licht getaucht war. Und wir erinnerten uns an 1999, als unsere Zwillinge Babys waren und wir als junge, stolze Eltern in Freiburg in die komplette Finsternis geblickt hatten. Heute danke ich meinen Kindern für die tollen Fotos. Sie hatten sich rechtzeitig eingedeckt und ein einsames Dach im Berliner Süden entdeckt.
Ganz ehrlich: Auch ich fühle mich in diesem Hier und Jetzt wohler als in einem Camp, in dem düstere Zukunftsszenarien durchgespielt werden. Wahrscheinlich geht es so den meisten Menschen und auch den Verantwortlichen in der Politik. Kein Wunder, dass sich die Debatten vor allem um das Geld in der Tasche drehen. Es ist uns eben näher als eine diffuse Zukunft.
Wie immer wünsche ich Ihnen einen erholsamen Sonntag,
Ihre Birgitta Stauber