Wildberries-Drohnenangriff: Ukraine trifft Russland hart

Mit den Drohnenangriffen auf zwei Logistikzentren des russischen Onlinemarktplatzes Wildberries in der Nacht auf Samstag hat die Ukraine eine neue, verwundbare Kategorie von Zielen tief im Hinterland der Aggres...

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Wildberries-Drohnenangriff: Ukraine trifft Russland hart

Mit den Drohnenangriffen auf zwei Logistikzentren des russischen Onlinemarktplatzes Wildberries in der Nacht auf Samstag hat die Ukraine eine neue, verwundbare Kategorie von Zielen tief im Hinterland der Aggressoren eröffnet. Durch die Attacke auf das Lager in Kotowsk gut 430 Kilometer südöstlich von Moskau wurden offiziell sieben Menschen getötet und 25 weitere verletzt. Der Angriff auf das Wildberries-Areal in Elektrostal gut 50 Kilometer östlich der Hauptstadt tötete demnach eine Person und verletzte 37 weitere. Aus Elektrostal stiegen gewaltige Schwaden schwarzen Rauches auf, die noch in großer Entfernung zu sehen waren.

Wildberries dient als Plattform für die Produkte Zigtausender Händler, sogenannter Seller, verdient selbst an Kommissionen. So ist das Unternehmen laut dem Wirtschaftsportal Forbes hinter dem Suchmaschinen- und Dienstleistungsanbieter Yandex und seinem Wettbewerber Ozon zum drittgrößten russischen E-Commerce-Konzern geworden, mit einem Schätzwert von elf Milliarden Euro. Im Lager in Elektrostal, dem mit mehr als 360.000 Quadratmetern größten von Wildberries, arbeiteten Tausende Menschen. Es ist ausweislich von Bildern, die auf dem Messenger Telegram kursieren, niedergebrannt. Vermutlich war das Lager nicht durch Luftabwehr geschützt.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete die Attacken als Antwort auf russische Angriffe auf die zivile Infrastruktur der Ukraine. Gemeint war offenbar eine Serie opferreicher Schläge gegen den Logistikdienstleister Nova Post.

Auch Kiew wird zum Ziel

Zwar enthielten kremltreue Medien ihren Nutzern den Anblick der brennenden Logistikzentren vor, beschränkten sich auf die Opferzahlen und die Meldung, dass Terrorermittlungen eröffnet worden seien. Aber als das russische Militär am Sonntagmorgen seine jüngste Angriffswelle auf Kiew und dessen Umland meldete, hob es hervor, neben Rüstungsbetrieben seien auch „Logistikzentren“ der Ukrainer „zerstört“ worden, und erwähnte ein „Sortierzentrum“ von Nova Post.

Nach ukrainischen Angaben griff Russland die Ukraine in der Nacht auf Sonntag mit 41 Raketen und 125 Drohnen an. 17 Raketen und 108 Drohnen seien abgefangen worden. Nach offiziellen Angaben wurde in Kiew eine 89 Jahre alte Frau getötet und mindestens 16 Personen wurden verletzt. Beschädigt wurden demnach Wohnhäuser, Bürogebäude und der Eingang einer U-Bahn-Station.

Folgen eines russischen Raketenangriffs in Kiew am Sonntag
Folgen eines russischen Raketenangriffs in Kiew am SonntagEPA

Über die Wildberries-Logistikzentren hatte Selenskyj geäußert, sie seien benutzt worden, um russische Soldaten auszurüsten und um Drohnen zu fertigen. Tatsächlich vertreibt Wildberries etwa Schutzwesten, Helme und  Tarnanzüge, was ein Schlaglicht auf die mangelhafte Ausrüstung durch die Armee wirft, sowie Glasfaserkabel, die für Drohnen benutzt werden.

Ende Juni hat Selenskyj eine „vierzigtägige Einflussoperation“ gegen Russland befohlen, die „den Krieg beenden“ solle. Ihm zufolge sollen die Russen erkennen, dass der Krieg auch schrecklich für sie selbst ist. Bisher hatten die Verteidiger dazu ihre Angriffe auf Raffinerien ausgeweitet und so einen Treibstoffmangel in Russland ausgelöst. Auch diese Angriffe gehen weiter: Ebenfalls in der Nacht auf Samstag brach in einem Lager für Ölprodukte in Noginsk wenige Kilometer östlich von Moskau ein Brand aus. In der Nacht auf Sonntag fing dann mindestens ein weiteres solches Lager im nordkaukasischen Stawropol Feuer. Zwei sogenannte Z-Telegram-Kanäle russischer Angriffskriegsunterstützer gaben daraufhin Bilder aus Stawropol als Bilder aus Kiew aus, wie dem Portal Agenstwo auffiel.

Zahlreiche „Seller“ betroffen

Die Ausweitung der Angriffe auf die Logistikzentren trifft nun zahlreiche  Unternehmer, die über „Marketplaces“ ihre Produkte verkaufen. Für solche, die nun zerstört wurden, haben die „Seller“ keinen Entschädigungsanspruch, das haben Wildberries und auch kurz darauf Ozon gerade durch Änderungen ihrer Geschäftsbedingungen hervorgehoben. Auch eine Zusatzversicherung deckt Schäden durch Drohnenangriffe nicht ab.

In tränenreichen Social-Media-Clips äußerten sich Betroffene, die über Wildberries Produkte vertreiben, verzweifelt über ihre Lage, in der sie Kredite weiter bedienen und Löhne weiter zahlen müssen, aber ihre Einkünfte wegbrechen. „Heute sind nicht nur Waren verbrannt“, schrieb eine Kosmetikunternehmerin. „Es ist auch die Illusion verbrannt, dass jemand die Unternehmer schützen wird.“

Die Wildberries-Gründerin, Tatjana Kim, äußerte, man arbeite an einem „Unterstützungsmechanismus für die Verkäufer“, das sei ein „schwieriger Prozess“. Zehn bis 15 Prozent der Lagerkapazitäten von Wildberries seien betroffen, berichtete das Wirtschaftsportal The Bell. Gegenüber der kremltreuen Zeitung „Wedomosti“ schätzten Fachleute den Schaden auf bis zu 50 Milliarden Rubel, knapp 560 Millionen Euro.