Russlands Amazon im Visier: Ukraine will im September alle Wildberries-Lager in Russland zerstört haben

Das Logistikunternehmen ist der größte Online-Händler Russlands. Der Kommandeur der ukrainischen Drohnentruppen beschreibt in einem Interview einen klaren Plan – und begründet die Attacken.

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Russlands Amazon im Visier: Ukraine will im September alle Wildberries-Lager in Russland zerstört haben

Seit Längerem attackieren die ukrainischen Truppen Raffinerien und andere Energieinfrastruktur in Russland. Seit Wochen sind zudem Standorte des Logistikunternehmens Wildberries im Visier.

Nach Angaben der Agentur Reuters wurden inzwischen fast 20 große Zentren teilweise oder vollständig zerstört, obwohl sie oft weit hinter der Frontlinie gelegen sind. Eine große Zahl russischer Kleinunternehmen verkauft ihre Waren über die Lager von Wildberries, das oft als Russlands Amazon beschrieben wird.

Nun gibt der Kommandeur der ukrainischen Drohneneinheiten, Robert Brovdi, im Krieg gegen die Armee des russischen Machthabers Wladimir Putin ein klares Ziel vor. Spätestens im September sollen alle Logistiklager von Wildberries zerstört worden sein. „Nichts wird übrig bleiben“, sagte Brovdi dem Online-Portal für Verteidigungs- und Sicherheitspolitik „The Baltic Sentinel“. „Sie können das als Versprechen auffassen.“

Nichts wird übrig bleiben.

Robert Brovdi, Kommandeur der ukrainischen Drohneneinheiten

Brovdi sagte weiter: „Dies ist ein Appell – wenn auch ein ziemlich nachdrücklicher – an Putin, radikale Maßnahmen zu ergreifen. Und mit radikalen Maßnahmen meinen wir, verdammt noch mal aus der Ukraine abzuziehen und das Blutvergießen zu beenden.“

KYIV, UKRAINE - OCTOBER 26: Air reconnaissance commanding officer Robert 'Madiar' Brovdi addresses the Verkhovna Rada of Ukraine on October 26, 2023 in Kyiv, Ukraine. (Photo by Oleksii Samsonov/Global Images Ukraine via Getty Images)

Der Kommandeur der ukrainischen Drohneneinheiten, Robert Brovdi, spricht 2023 im Parlament in Kyjiw.

© Getty/Global Images Ukraine/Oleksii Samsonov

Der 50-Jährige kommandiert seit etwas mehr als einem Jahr die Truppen für unbemannte Systeme der ukrainischen Streitkräfte. Er beaufsichtigt dem Bericht zufolge 14 spezialisierte Drohneneinheiten, die von Bataillonen bis hin zu Brigaden reichen und aus Tausenden Drohnenbesatzungen bestehen.

Wildberries hatte in Russland eigenen Angaben zufolge Anfang 2026 mehr als 40 eigene Lagerhäuser. Inklusive Sortierzentren und weiteren Logistikeinheiten beläuft sich die Zahl auf mehr als 200 Logistikstandorte insgesamt. Ziel der ukrainischen Attacken sind bisher die großen Lager.

Brovdi beschrieb die Angriffe auf die Logistikzentren von Wildberries in ganz Russland als eine Möglichkeit, die russische Gesellschaft zu beeinflussen, weil das Unternehmen „Millionen von Verkäufern“ miteinander vernetze. „Mehr als eine Million Verkäufer in einem Land mit 140 Millionen Einwohnern. Jeder Verkäufer beschäftigt weitere zwei, drei oder sogar zehn Menschen“, sagte Brovdi.

400.000

Russen sollen als Händler auf Wildberries aktiv sein.

Bis zu 400.000 Russen sind einem Bericht der Agentur dpa zufolge als Händler auf der Online-Plattform unterwegs – und erleiden enorme Verluste, die der Internetriese ihnen nur zu einem Bruchteil ersetzt. In den sozialen Netzwerken sind die Klagen groß. Etwa die Hälfte des russischen E-Commerce läuft über Wildberries. 

Seit dem ersten Angriff am 18. Juli werden beinahe täglich Wildberries-Standorte attackiert, es gab Tote und Verletzte. Der Schaden wird einem Bericht des „Manager Magazins“ zufolge auf umgerechnet bereits etwa drei Milliarden Euro geschätzt. Wildberries-Gründerin und Chefin Tatyana Kim nannte die gezielten Angriffe auf ihr Unternehmen demnach einen „Akt des Terrorismus“.

Der ukrainische Kommandeur Brovdi sagte weiter, der zweite Grund für die Angriffe sei, dass das Unternehmen seiner Ansicht nach „den Krieg aktiv unterstützt“. Wildberries vertreibe „SVO-Produkte“. SVO ist die russische Abkürzung für „spezielle Militäroperation“. Dies ist der Begriff, den Machthaber Wladimir Putin für Russlands groß angelegte Invasion und den Krieg verwendet.

„Sie haben nicht einmal versucht, die Tatsache zu verbergen, dass sie damit Geld verdienten – und immer noch Geld damit verdienen –, weil wir noch nicht alles niedergebrannt haben“, sagte Brovdi.

A pedestrian walks past a pick-up point of Russian e-commerce firm Wildberries in Moscow on August 5, 2026. Since mid-July, Ukraine has struck around 20 sites belonging to the Russian e-commerce giant Wildberries across various parts of Russia and in annexed Crimea. Wildberries is a highly popular online retail platform in Russia, often dubbed the "Russian Amazon". (Photo by Igor IVANKO / AFP)
Eine Frau passiert in Moskau ein Gebäude des Unternehmens Wildberries.

© AFP/Igor Ivanko

Diese Argumentation wird aber sogar von der Ukraine wohlgesonnenen Beobachtern bezweifelt. Wildberries sei kein militärisches Ziel, sagte der Journalist Wladislaw Gorin der dpa zufolge in seinem Podcast beim russischen Exil-Medium „Meduza“. Die Argumentation sei mit der Moskaus vergleichbar, als das russische Militär im Winter Kraftwerke in der Ukraine bombardierte, weil die angeblich auch Wärme und Strom für ukrainische Soldaten produzierten, sagte Gorin demnach.

Wie das österreichische Portal „News.at“ berichtet, wurden auf Wildberries ErsteHilfe-Sets, Funkgeräte, Schutzwesten, Nachtsichttechnik und Bauteile für Drohnen angeboten.

Eine eigene Kategorie mit dem Titel „Alles für die militärische Spezialoperation“, der russischen Bezeichnung für den Krieg, sei erst nach Beginn der massiven Angriffe im Juli 2026 verschwunden. Einzelne Produkte seien ausdrücklich mit ihrer Nutzung im Krieg beworben worden.

„Meduza“-Recherchen zeigten dem Bericht zufolge zugleich, dass die öffentlich belegbare Versorgung nicht mit einer zentral gesteuerten Lieferkette des russischen Verteidigungsministeriums gleichgesetzt werden könne.

Es sei möglich, dass ukrainische Dienste Informationen über konkrete militärische Warenströme durch bestimmte Wildberries-Zentren verfügen. Aus offenen Quellen lasse sich das nicht überprüfen. Tatsächlich hat Kyjiw bisher keine Belege für bestimmte Güter vorgelegt.