Russland gegen die Nato, China gegen Taiwan: Der Westen wäre überfordert
Das Szenario, das westliche Militärstrategen nicht schlafen lässt, ist leicht zu beschreiben und, wie sich herausstellt, fast völlig unerforscht: Russland greift ein Nato-Mitglied an, während China gegen Taiwan...
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Das Szenario, das westliche Militärstrategen nicht schlafen lässt, ist leicht zu beschreiben und, wie sich herausstellt, fast völlig unerforscht: Russland greift ein Nato-Mitglied an, während China gegen Taiwan militärisch vorgeht. Das schilderte das Medium The Atlantic vor wenigen Tagen.
Auf die Frage, was der Westen tatsächlich tun würde, wenn Russland und China gleichzeitig Fronten in Europa und Taiwan eröffneten, gaben ranghohe Militärs und Strategen meist zu, es nicht zu wissen. Einige zeigten sich beschämt darüber, wie wenig Arbeit bisher in dieses Thema geflossen ist.
„Szenario, auf das wir nicht vorbereitet sind“
„Sagen wir einfach: Das ist das Szenario, auf das wir derzeit nicht vorbereitet sind“, sagte Florence Gaub, die Direktorin der Forschungsabteilung am Nato Defence College in Rom. Die Strategen des Bündnisses seien sich dieser Lücke aber „durchaus bewusst“, so Gaub.
Admiral Rob Bauer, der bis zu seiner Pensionierung im vergangenen Januar den Nato-Militärausschuss leitete, sagte, ihm seien innerhalb des Bündnisses keine koordinierten Bemühungen bekannt, sich auf das vorzubereiten, was er als Worst-Case-Szenario bezeichnete. „Was werden wir tun? Wer bekommt welche Truppen?“, fragte er im Interview mit dem amerikanischen Magazin. „Ich denke, es wäre klug, das durchzudenken.“
Das ist deshalb relevant, weil die Annahmen, die das Szenario bislang als vernachlässigbar erscheinen ließen, still und leise ihre Gültigkeit verloren haben. Früher wurde es irgendwo zwischen einer verlorenen Atomwaffe und einer Alien-Invasion eingeordnet. Nach dem Motto, eine derart große Verschwörung ließe sich nicht verbergen und Satelliten würden ohnehin rechtzeitig warnen. Verändert hat sich nicht die Vorwarnzeit, sondern das Kräfteverhältnis innerhalb dessen, was danach folgen würde.
Mark Montgomery, ein pensionierter Konteradmiral der amerikanischen Marine, der Planspiele zu dieser Frage geleitet hat, sagte, die letzte ernsthafte Studie zu einem Zweifrontenkrieg gegen Russland und China liege etwa 15 Jahre zurück. „Es lief nicht gut“, fasste Montgomery zusammen. Den USA fehlten die Vorräte und die industrielle Kapazität, um lange an zwei Fronten zu kämpfen, und man könne sich nicht darauf verlassen, dass Verbündete die Differenz ausgleichen.
„Jede einzelne dieser Kennzahlen hat sich verschlechtert. Keine einzige hat sich verbessert“, sagte Montgomery. Die europäischen Verteidigungsausgaben seien zwar unter dem Druck der USA gestiegen, „aber ihre Streitkräfte haben bislang keine Verbesserung gezeigt“.
Auf der anderen Seite entwickelten sich die Kennzahlen in die entgegengesetzte Richtung. Russland hat seine Ziele in der Ukraine zwar nicht erreicht, aber eine gewaltige Industriebasis auf Kriegskurs gebracht und die Drohnenkriegsführung auf die harte Tour gelernt. China, das weltweit die meisten Drohnen baut, hat die USA bei der Zahl der Kriegsschiffe und bei weitreichenden Raketen überholt. Beide Länder halten regelmäßig gemeinsame Manöver im Rahmen dessen ab, was ihre Staatschefs eine „Partnerschaft ohne Grenzen“ nennen, und China ist zum wichtigsten Technologielieferanten für Russlands Rüstungsindustrie geworden, während es gleichzeitig Öl und Gas kauft, die Russlands Wirtschaft am Laufen halten.
Russlands und Chinas „Partnerschaft ohne Grenzen“: Putin und Xi rücken enger zusammen als je zuvor.
© Alexander Kazakov/imago
Die USA sind derweil überdehnt. Sie bleiben im Iran gebunden, haben Schiffe und Flugzeuge aus Asien und Europa abgezogen, um den Nahen Osten zu verstärken, und schätzungsweise zwei Drittel ihres Vorrats an modernen Flugabwehrraketen sind seit Februar aufgebraucht worden – derselbe Mangel, der auch der Ukraine die Abfangraketen ausgehen lässt. Donald Trumps wiederholte Drohungen gegen die Nato taten ihr Übriges.
Nato-Generalsekretär Mark Rutte hat das schwelende Problem – wenn auch nur kurz – offen angesprochen. „China blickt auf Taiwan“, sagte er im Dezember. „Und ich bin überzeugt, dass China, sollte es dort militärisch aktiv werden, Druck auf seinen Juniorpartner Russland unter Putins Führung ausüben wird, um uns hier in Europa auf Trab zu halten.“
Wie würde Europa reagieren?
Die detaillierteste öffentlich zugängliche Arbeit zu diesem Problem leistet nicht etwa ein großer westlicher Thinktank, sondern das European Values Center for Security Policy, ein kleines Institut in Prag, das seit 2024 rund 20 Runden von Kriegsspielen zu einem Zweifrontenszenario durchgeführt hat. Der Institutsdirektor Jakub Janda sagte, die Ergebnisse seien für Europäer durchweg alarmierend. In fast jedem Szenario priorisieren die USA China und ziehen Ressourcen aus Europa ab, sodass die Nato-Verbündeten Russland allein aufhalten müssen.
Eines von Jandas Szenarien beginnt nicht einmal mit einem Schuss: China verhängt ein Exportverbot für Rohstoffe für Europas Verteidigungsindustrie und hält das Embargo fünf Monate lang aufrecht, bis den europäischen Rüstungsfabriken die Vorprodukte ausgehen. Erst dann, mit uneingeschränktem Zugang zu chinesischen Lieferungen, greift Russland an.
Die Hindernisse, dieses Szenario zu untersuchen, sind zum Teil bürokratischer Natur. Planübungen sind für Klarheit ausgelegt – zwei Teams, feste Regeln, ein Schauplatz –, und „Mehrfachkrisen-Umgebungen“ sprengen dieses Format. Eric Heginbotham vom Security Studies Program am MIT sagte, das Thema werde inzwischen häufiger diskutiert als früher. „Es ist zweifellos kompliziert, aber ich glaube nicht, dass es zu kompliziert ist, um es zu untersuchen. Ich glaube nur nicht, dass es bislang jemand getan hat.“
Auf europäischer Seite gibt es durchaus Planungen. Die Bild-Zeitung berichtete über einen dreistufigen Nato-Reaktionsplan für einen russischen Angriff auf die baltischen Staaten: Abwehr eintreffender Raketen und Drohnen bei gleichzeitigen Angriffen auf russische Militärziele, einschließlich Kaliningrad; Aufbau einer „autonomen Verteidigungszone“ aus Drohnen und Bodenrobotern entlang der Grenzen zu Russland und Belarus; und, in einer späteren Phase, Tiefschläge auf russischem Territorium gegen Flugplätze, Rüstungsbetriebe, Brücken und Bahnknotenpunkte. Die Nato will diesen Plan bis Ende 2027 umsetzen.
Das ist jedoch ein Plan für eine Front. Die Lücke, die Gaub und Bauer beschreiben, entsteht, wenn sich gleichzeitig eine zweite Front öffnet – und die historische Bilanz für genau diesen Fehlertyp ist wenig ermutigend. Stalin erhielt vor Juni 1941 Warnungen seiner eigenen Generäle und Spione und weigerte sich, ihnen zu glauben. Washington bereitete sich nicht auf Pearl Harbor vor. Europa spaltete sich vor 1914 in zwei Bündnisse, und niemand sagte voraus, was deren Zusammenprall kosten würde.
„Die Anzeichen dafür, dass es zum Zusammenstoß kommen würde, waren eindeutig, und wir waren einfach nicht bereit dafür“, sagte David Santoro, Präsident des Pacific Forum in Hawaii, der 2023 eine Übung leitete, bei der China Taiwan angriff, während Nordkorea Südkorea überfiel. „Wir kämpften darum, Schritt zu halten und die Kräfte aufzuteilen. Und dabei ging es noch nicht einmal um Europa.“
Dieser Beitrag erscheint im Rahmen einer Kooperation zwischen der Ostdeutschen Medienholding und bne IntelliNews. Der Beitrag erschien zuerst hier auf Englisch.
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