Rückkehr des „Arschgeweihs“: Gemischte Reaktionen bei Tätowierern in Hamm

wa.deHammStand: 23.08.2026, 05:30 UhrKommentareUns auf Google folgenDie 2000er sind zurück, und mit ihnen das Steißbeintattoo – für manche schick, für andere eine peinliche Modesünde. Auch Tätowierer sind sich ...

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Rückkehr des „Arschgeweihs“: Gemischte Reaktionen bei Tätowierern in Hamm

Stand: 23.08.2026, 05:30 Uhr

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Die 2000er sind zurück, und mit ihnen das Steißbeintattoo – für manche schick, für andere eine peinliche Modesünde. Auch Tätowierer sind sich uneinig.

Hamm – Hüfthosen, Schultertaschen, Plateauschuhe, dünne Augenbrauen: Ein Spaziergang durch die Innenstadt reicht, um zu merken, dass die 2000er zurück sind. Manche Trends sind von kurzer Dauer. Eine neue Mini-Bag oder eine Cargo-Hose werden in der nächsten Saison schon wieder ausgetauscht. Andere Trends lassen sich jedoch nicht so leicht abschütteln. So auch das „Arschgeweih“.

Frau in Jeans, Hintern und Arschgeweih woman in jeans, back and lower back tattoo BLWS298462Woman in Jeans Butt and Arschgeweih Woman in Jeans Back and Lower Back Tattoo

Vor allem Frauen unter 30 lassen sich derzeit ein „Arschgeweih“ stechen. © Imago Stock&people/Imago Images

Umgangssprachlich werden so längliche, symmetrische Tattoos auf dem unteren Rücken genannt, die meist im sogenannten Tribal-Stil gestochen sind. In den 2000er-Jahren war dieses Motiv besonders beliebt, Stars wie Christina Aguilera machten es salonfähig. Mit der Zeit wurde der Stil des Jahrzehnts und damit auch das „Steißbeintattoo“ zunehmend als Modesünde verschrien.

Es gibt einen Unterschied zu den 2000er-Tattoos

Jetzt, wo dieser Stil sein Comeback feiert, wird jedoch auch das „Arschgeweih“ wieder beliebter. Das beobachten auch Tätowierer in Hamm. Allerdings mit einem Unterschied: „Das Tattoo wird heutzutage eher feiner und dünner im sogenannten Micro-Tribal-Stil gestochen“, erklärt Christopher Vickers, der bis vor Kurzem Inhaber des BraamBeach Studios war. Neben neuen Kundinnen kommen auch Frauen vorbei, die ihr altes „Arschgeweih“ auffrischen lassen möchten. Vickers versteht die Rückkehr des Trends: „Richtig gestochen kann das Tattoo die natürlichen Körperlinien schön akzentuieren und durchaus sexy sein.“

Tolga Altunkaya, Inhaber des Studios Mori Ink in Heessen, ist da anderer Meinung. „Das war schon in meiner Kindheit eine Jugendsünde, und das ist es heute wieder.“ Vor allem Frauen unter 30 kommen zu ihm, um sich ein „Steißbeintattoo“ stechen zu lassen. „In 25 Jahren werden sich viele von ihnen denken: Wie peinlich. So wie unsere Mütter jetzt.“

Verrückte Trends und „Reparaturen“ auf der Haut: Tätowierer berichten über Arschgeweih und Co. - bitte Fotos bei Mori Ink (Ahlener Straße 96, 59073 Hamm Deutschland) Patrick Wenig ist der Kunde

Tolga Altunkaya erzielt einen Großteil seiner Einnahmen mit Rettungsaktionen. © Robert Szkudlarek

Bevor Altunkaya sein Studio in Hamm eröffnete, arbeitete der gebürtige Hammer in Hannover als Tätowierer. Dort seien die Leute deutlich mutiger gewesen, neue Trends auszuprobieren. In Hamm seien sie zurückhaltender. „Ich habe mir schon vor zehn Jahren ein Sleeve-Tattoo machen lassen.“ So bezeichnet man ein großflächiges Tattoo auf dem Arm, das an einen Ärmel erinnert. „Als ich damit zu Besuch in Hamm war, haben die Leute mich angeguckt, als sei ich gerade vom Auto angefahren worden.“

Das erste Tattoo kam direkt am 18. Geburtstag

Tattoos haben Altunkaya schon immer fasziniert. Sein erstes ließ er sich direkt an seinem 18. Geburtstag stechen. Auch Christopher Vickers konnte es kaum erwarten, endlich sein erstes Tattoo zu bekommen. Und er ist sich sicher: Wenn seine Mutter nicht gewesen wäre, hätte er schon mit vier Jahren eines gehabt.

„Mein Vater ist ein bisschen verrückt. Er ist englischer Soldat und selbst tätowiert. Schon als kleines Kind hat er mich zu Shows der Army in Paderborn mitgenommen.“ Das Erste, woran er sich bei diesen Veranstaltungen erinnere, sei die Tattoobude mit den vielen tätowierten Soldaten. Zunächst sollte es für ihn aber beim Bewundern aus der Ferne bleiben.

Mit 18 war es dann endlich so weit. Seine Eltern fuhren für zwei Wochen in den Urlaub. „Ich habe sie zum Flughafen gebracht, bin von dort direkt ins Tattoostudio gefahren und habe das Geld, das mein Vater mir für die Zeit gegeben hatte, komplett auf den Kopf gehauen.“ Was passierte, als seine Eltern zurückkamen und die Tätowierung sahen, möchte er lieber nicht erzählen.

Die Entscheidung, Tätowierer zu werden, fiel jedoch erst später. „Es gibt ein Sprichwort: Niemand, der in der Schule aufgepasst hat, wird Tätowierer.“ Er lacht. Vor rund 15 Jahren habe er angefangen, sich intensiv mit dem Tätowiergeschäft zu beschäftigen, anderen Tätowierern über die Schulter zu schauen und viel zu üben. Alles auf eigene Faust. „Es gibt in Deutschland keine offizielle Ausbildung zum Tätowierer.“ Tatsächlich kann jeder ein Gewerbe anmelden und sich Tätowierer nennen. Für Vickers ist das schwer nachvollziehbar: „Friseure müssen eine Ausbildung machen, und Haare wachsen nach. Ein Tattoo bleibt ein Leben lang.“

[Foto: © Andreas Rother]   -->   Hamm:  Tattoo-Geschichte, gemeinsam mit der Lippewelle: Wer hat Hamm-Tattoos auf der Haut? Zum Jubiläum 50 Jahre Großstadt hatten wir aufgerufen und besuchen jene, die uns ihre Tattoss zeigen und die Geschichte dazu erzählen. Teil 2: Andre Westhoff bei Christopher Vickers im Tattoo-Studio Braam Beach Tattoo

Christopher Vickers beklagt, dass Tätowierer in Deutschland keine Ausbildung brauchen. © Andreas Rother

Hinzu kommt heute, dass sich jeder im Internet eine Tätowiermaschine kaufen kann. „Viele kommen mit Tattoos, die ihr Bruder oder irgendjemand anderes mit so einer Maschine gestochen hat.“ Vickers steht dann vor der Aufgabe, das Tattoo so umzugestalten, dass die Kunden am Ende wieder zufrieden sind.

Manches lässt sich aber nicht mehr retten

Auch Altunkaya erzielt einen Großteil seiner Einnahmen mit solchen Rettungsaktionen. Was sich für den Unternehmer rentiert, ist für den Künstler allerdings oft ein undankbarer Job. „Manchmal würde ich lieber etwas Neues, Kreatives machen.“ Hinzu kommt: Manche Tattoos sind einfach nicht mehr zu retten. „Ganz böse gesagt: Wenn man auf Scheiße Gold sprüht, ist es immer noch Scheiße.“

Die meisten Kunden seien jedoch zufrieden mit dem neuen Ergebnis. „Und das ist die Hauptsache.“ Und wenn gerade kein Kunde da ist, wissen die Tätowierer ihre freie Zeit ebenfalls zu nutzen. „In den Pausen tätowieren wir uns im Studio gegenseitig“, sagt Christopher Vickers. Ein wahrer Vertrauensbeweis unter Kollegen. Welches Motiv er als Nächstes geplant hat? „Ach, die Liste ist lang. Aber auf so einem Körper ist ja zum Glück viel Platz.“