Ariana Grande - Petal: Viel Glanz, wenig Reibung - Musikexpress
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31.07.2026
Von chillig bis willig – Ariana Grande macht auf ihrem achten Album keine großen Fehler, verbuddelt sich aber selbst in Feelgood-Soulpop.
Ariana Grande nennt ihr achtes Album PETAL– Blütenblatt. Ein Titel, der fast schon zu perfekt passt für eine Künstlerin, die seit Jahren unter dem Vergrößerungsglas der Öffentlichkeit agiert. Ein zartes Zellgeflecht, ständig betrachtet, bewertet, kommentiert. Zu klein, zu dünn, zu verändert, zu perfekt – Grande war nie nur Popstar, sie war immer auch Projektionsfläche für Fans und Hater gleichermaßen. Das muss man erst mal aushalten, und die Müdigkeit und unterschwellige Wut, die sich bei ihr über die Jahre breitgemacht hat, thematisiert sie unter anderem auf dem Album. Sie bezeichnet das selber als „Ausbruch“, ich würde es eher vorsichtige Kritik an den Show-Verhältnissen nennen und daran, was deren Erbarmungslosigkeit mit Menschen macht.
Die Brutalität des frühen Blühens
In der Öffentlichkeit steht Grande schon seit ihrer frühen Jugend. Lange bevor sie zum globalen Pop-Phänomen wurde, war sie in Nickelodeon-Serienproduktionen zu sehen, wuchs vor Kameras und zuckrigen Kulissen auf und wurde, ähnlich wie Britney, Christina, Justin und Miley, Schritt für Schritt vom Wunderkind zur Weltstar-Marke. Ihr italienisch-amerikanischer Hintergrund, ihr klassischer Popstar-Look und ihre ständigen optischen Veränderungen wurden dabei immer wieder öffentlich diskutiert. Bewertung war ihr ständiger Begleiter und die Suche nach Strategien des Ausweichens und Gegensteuerns auch.
Zum Glück für sie: Eine ihrer unterschätztesten Fähigkeiten ist Selbstironie, zur uneitlen Eigenveräppelung. Bei „Saturday Night Live“ hat sie immer wieder gezeigt, dass sie sich selbst nicht für eine unantastbare Ikone hält. Als „Elf On The Shelf“ bewies sie perfektes komödiantisches Timing, spielte mit ihrem Image und nahm genau jene Erwartungen auseinander, die sie sonst einengen. Auch ihre Rolle als Glinda in „Wicked“ zeigte eine andere Seite: Grande kann Figuren verkörpern, sie kann überzeichnete Welten ernst nehmen und gleichzeitig mit ihnen spielen. Das brachte ihr schließlich sogar eine Oscar-Nominierung und den Respekt der Schauspiel-Branche ein.
Man wüsste daher gerne, was passierte, wenn Ariana Grande endlich auch musikalisch alle Schutzschichten abfallen ließe.
Keine Flanke, keine Verwundung
PETAL will ein Statement-Album sein. Eines, das aufräumt mit Klischees und Gerüchten. Es dreht sich um Selbstbild, öffentliche Wahrnehmung, gescheiterte Beziehungen und den Versuch, zur Abwechslung mal wieder bei sich selbst anzukommen. Aber es öfnnet sich nicht wirklich. Keine Flanke geöffnet, keine wirkliche schwere Verwundung gezeigt.
Grande arbeitete erneut mit Max Martin zusammen, dem schwedischen Hitproduzenten, der seit Jahrzehnten weiß, wie man Emotionen in perfekt ausgeleuchtete Popmomente verwandelt. „Der Schwede war wieder am Werk“, würde mein Sohn sagen (er ist Jahrgang ’95 und hört sofort raus, wo der Pop-Philosoph mal wieder seine Finger im Spiel hat- „Nordic Pastell“ …). Hier ist es der Track „Hate That I Made You Love Me“, den er veredelte. Ein blubberndes Kleinod, das Grandes etwas dünnes Stimmchen feenglitzern lässt und ihre Fähigkeit, musicalhaft zu modulieren in den Vordergrund mixt. Mit der Zeile „Is it really my fault that you all gave me your hearts of your own free will?“ benennt Grande hier eines ihrer Hauptprobleme in und mit dem Biz. Vermutlich ein Hit, der im Radio nicht weiter stören wird. Naja, darum geht hier ja natürlich auch …

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Was nervt
Manchmal wirkt PETAL leider wie ein Raum, in dem jede Ecke weich gepolstert wurde. Nichts stört, nichts kratzt, nichts bleibt hängen. Das hier ist Mainstream-Pop in seiner stromlinienförmigsten Form. Glatt gebügelt, makellos produziert, professionell bis ins letzte Detail. „Oh Well“ kommt suppig daher, „Bad Thing“ trippig, upbeatig, wie anscheinend immer noch angesagt … Das Titelstück zertritt das Blütenblatt zwar akustisch durch aggressive Synth-Akzente, traut sich aber zu wenig. Auch wenn Grande hier singt „Bitch, I’m practically drowning in my blessings“, vermatscht sie diesen Anflug von Verzweiflung sofort wieder mit der Egalpop-Gabel.
Ariana Grande klingt also auf diesem Album wie jemand, der eigentlich dauernd etwas anderes sagen möchte, als sie uns letztendlich mitteilt. Ihre an die Startlinie getragene Wut auf die Umstände ihres (Liebes-)Lebens kommt nie am Ziel an. Sie wird sofort wieder in hübsche Melodien, harmonische Chöre und sanfte, hallige Arrangements eingewickelt wie ein halbtotes Kaninchen in eine Wolldecke, nachdem man es vom Straßenrand gerettet hat. Grande will mit der Faust auf den Tisch schlagen – aber die Tischdecke verrutscht nicht und das Kaffeegeschirr bleibt stehen. Man hört ihr Zögern in fast jedem Song.
Kein Durchdrehen weit und breit
PETAL ist nicht misslungen. Es ist schon auch schon beeindruckend, wie elegant hier alles funktioniert. Wie professionell. Grandes Stimme kann elfenhaft schweben, flirren, mühelos zwischen Höhen wechseln. Aber emotional bleibt sie oft im rein Melancholischen, Zurückhaltenden gefangen. Pop bleibt hier Pop im Sinne von: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Das hier ist so am Ende doch Feel-Good-Musik ohne echtes Feelgood. Sie klingt tröstlich, aber nicht befreiend. Sie möchte empowern, wagt sich aber nicht auf Abwege. Sie macht genau das, was sie soll – aber eben nicht das, was sie könnte. Hier ballert nichts. Man hätte sich zur Abwechslung gerne mal von Grande überraschen lassen.
Die 33-Jährige ist, wie viele ihrer Kolleginnen natürlich auch, ein Superprofi im US-Showzirkus. Und diese meiden zum größten Teil (Ausnahmen bestätigen die Regel …) Fehler und Risse wie der Teufel das Weihwasser, obwohl sie vermutlich wissen, dass Irritation in der Musik wirkt wie Chili-Öl in der Suppe. Darum stimmt da was nicht, wenn Grande in „Freak“ sagt „I won’t give you your fantasy this time“. Denn sie tut es ja schon wieder. Text und Musik heben sich auf der Bedeutungsebene unironisch dauernd wieder gegenseitig auf. Ariana Grande macht Behauptungsmusik, aber das macht sie halt gut. Wer weiß, was als Nächstes kommt? „Big Feelings“ z. B. ist ein von kraftvollen Pianoakzenten geprägter Track, der zeigt, was hätte sein können. Er hat nämlich wirklich das Zeug zum Klassiker.
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