Rente mit 63: CSU-Experte warnt vor teurem Kurswechsel bei Reformplänen
Innerhalb der Koalitionsparteien CDU und SPD wächst die Kritik am geplanten Rentenpaket der Regierung. Der CSU-Politiker und Rentenexperte Florian Dorn warnt vor Eingriffen in die Finanzierung.
- 5 min read

Vier ältere Nordseeurlauber gehen zum Strand (Symbolbild). Foto: dpa
Rente mit 63: „Dieses Privileg kostet jährlich knapp 10 Milliarden Euro“
Die Kritik am geplanten Rentenpaket der Regierung wächst. Der CSU-Politiker und Rentenexperte Florian Dorn warnt vor Eingriffen in die Finanzierung.WirtschaftsWoche: Herr Dorn, vor der Sommerpause galt das von der Rentenkommission ausgearbeitete Reformkonzept noch als „Gesamtkunstwerk“. Jetzt wächst die Kritik. Wie groß ist die Gefahr für das Projekt?
Florian Dorn: Ich sehe die Gefahr für das Rentenpaket insgesamt nicht als groß an. Sowohl Friedrich Merz als auch Bärbel Bas und Markus Söder haben sich geschlossen hinter die Vorschläge der Kommission insgesamt gestellt und das wurde auch im Koalitionsausschuss beschlossen. Ich glaube daher, dass wir weiterhin einen Konsens haben, das Rentenpaket insgesamt umzusetzen. Vollkommen klar ist aber auch: Im parlamentarischen Verfahren werden wir in den Details der Empfehlungen der Rentenkommission, die eine oder andere Frage noch gemeinsam klären – und auch klären müssen. Das ist normal.
Die aktuelle Kritik bezieht sich aber nicht nur auf Detailaspekte, sondern auf die zentrale Forderung der Abschaffung der Rente mit 63. Kann die Reform ohne diesen Aspekt gelingen?
Nein. Da handelt es sich um einen zentralen Baustein, ohne den das Ganze finanziell nicht mehr tragen würde. Zieht man den heraus, dann steht die Finanzierungsgrundlage zur Stabilisierung der gesetzlichen Rentenversicherung und damit der ganzen Reform plötzlich infrage. Hinzu kommt, dass ich die jetzt geäußerte Kritik inhaltlich auch nicht nachvollziehen kann.

Der CSU-Bundestagsabgeordnete Florian Dorn war Mitglied der Kommission, die das Reformpaket für die Rente erarbeitet hat. Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Zur Person
... ist seit der Wahl 2025 Mitglied des Deutschen Bundestages für die CSU. Zuvor arbeitete der Volkswirt für das ifo Institut. Er war einer von drei Abgeordneten der schwarz-roten Bundesregierung, die das Rentenreformkonzept erarbeiteten. Im Herbst soll es nach bisheriger Planung umgesetzt werden.
Wieso nicht?
Aktuell profitieren innerhalb der abschlagsfreien Rente für besonders langjährig Versicherte – also der sogenannten Rente mit 63, die ja eigentlich inzwischen eine Rente mit 64,5 ist – statistisch meist besserverdienende und eher gesunde Männer mit ohnehin überdurchschnittlichen Renten. Dieses Privileg kostet jährlich knapp 10 Milliarden Euro, was wieder von der jüngeren Generation, aber auch von Personen mit geringeren Einkommen oder auch unterbrochenen Erwerbsbiografien und von Rentnern mitbezahlt werden muss.
Bei der Einführung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren wurde damals argumentiert: Diejenigen, die lange Arbeitsjahre in körperlich schweren Berufen gearbeitet haben und nicht mehr können, sollen früher gehen können. Genau das haben wir in der Kommission aufgegriffen. Wir wollten weg von der Gießkanne, hin zur gezielten Unterstützung für diejenigen, die rentennah aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr können. Das jetzige Wiederaufbrechen nach dem Motto „man braucht doch die Gießkanne“ führt aus meiner Sicht weg von dieser Feinjustierung und stellt die Stabilisierung der gesetzlichen Rente, die wir durch die Gesamtreform erreichen, infrage.
Die Kritik kommt vor allem aus dem Osten. Manuela Schwesig, die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, hat sich direkt nach der Präsentation Ihrer Pläne entsprechend positioniert. Mittlerweile haben sich ihr alle Regierungschefs der neuen Länder angeschlossen. Haben Sie die Lebensrealität dort nicht genügend bedacht?
Die gesetzliche Rente ist gerade für Menschen in Ostdeutschland sehr, sehr wichtig. Sie macht dort einen sehr großen Anteil an der Alterssicherung aus. Uns war deshalb völlig klar, dass es darauf ankommt, die Entwicklung der gesetzlichen Rente insgesamt zu stabilisieren. Die Gesamtreform, wie wir sie vorschlagen, führt dazu, dass die Rentenentwicklung in der gesetzlichen Rente für die jetzigen Rentner nicht schlechter wird als im Status quo – also als wenn wir nichts machen –, aber in Zukunft für alle besser wird.
Das heißt: Gerade die Menschen in Ostdeutschland, die noch sehr stark von der gesetzlichen Rente abhängig sind, profitieren davon, dass wir die gesamte Rentenentwicklung stabilisieren und für die Zukunft stärken. Ein Einsatz für die „Rente mit 63“ ist dagegen ein Einsatz für einen Teil der Rentnerinnen und Rentner auf Kosten der anderen und auf Kosten einer günstigeren Beitrags- und Rentenentwicklung. Deswegen irritiert mich diese Kritik: Es geht im Kern darum, ob wir insgesamt stabilisieren und insgesamt die Rentner und Beitragszahler besserstellen – oder ob wir einen Teil subventionieren zulasten der übrigen.

Rentenreform
Gefährden die Ost-Rebellen Merz' Rentenreform?
Ostdeutsche Länder begehren immer lauter gegen die Rentenpläne von Merz und Bas auf. Wodurch wird der Protest genährt – und warum flammt er jetzt auf?
Hat man das im Osten nicht verstanden?
Warum die Kritik von dort kommt, müssten Sie die Kritiker fragen. Auch dort gibt es sehr viele Menschen, die nicht von der Möglichkeit profitieren, abschlagsfrei früher in Rente zu gehen. Natürlich haben alle ihre Lebensleistung erbracht und möchten eine gute Rente haben. Die Frage ist aber, wie wir das fair abbilden.
Kann das denn gelingen?
Ja. Die Möglichkeit, früher in Rente zu gehen, bleibt weiterhin bestehen – auch nach den Empfehlungen der Reformkommission. Künftig soll das weiterhin mit 64 Jahren möglich sein. Der Unterschied ist: Wer zwei oder drei Jahre früher in Rente geht, bekommt entsprechend 24 oder 36 Monate länger die Rente ausgezahlt, zahlt in dieser Zeit aber keine Beiträge mehr. Damit ändert sich die Berechnungsgrundlage für die eigene Rente: Die gezahlten Beiträge müssen über Abschläge auf eine längere Rentenphase umgerechnet werden. Wer früher angefangen und länger gearbeitet und länger eingezahlt hat, kann sich das eher leisten. Aus meiner Sicht ist das kein Ungleichgewicht, sondern fair: Jeder kann individuell entscheiden, ob ihm das reicht. Aber dann eben nicht auf Kosten der anderen.

Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln
Anzeige
IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich Die besten Produkte im Überblick