Rekonstruktion einer Eskalation: Wie sich rechte Medien auf das Berliner Volksbad einschossen

Aus Sicherheitsgründen muss eine Schwimmveranstaltung für Schwarze Kinder an der Volksbühne abgesagt werden. Zuvor hatten seit Dienstag rechte Medien und die AfD teils mehrmals am Tag gegen das Vorhaben gehetzt.

  • 5 min read
Rekonstruktion einer Eskalation: Wie sich rechte Medien auf das Berliner Volksbad einschossen

Vor der Volksbühne sollten Kinder und Jugendliche der Schwarzen Community für einige Stunden exklusiv baden dürfen. Das war die Idee, doch am Donnerstag haben das Theater und ein beteiligter Verein die Aktion abgeblasen – aufgrund von Bedrohungen und einem „Klima, in dem die physische und psychische Sicherheit der Kinder und Jugendlichen nicht gewährleistet werden kann“.

Das Theater hatte über mehrere Tage im Fokus von rechten Medien gestanden, die mit bemerkenswertem Eifer über das Theater und sein Schwimmbecken berichteten. Eine besondere Rolle spielte dabei das Onlineportal „Nius“ unter Leitung von Julian Reichelt, dem langjährigen Chefredakteur der Bild-Zeitung.

Das Portal machte den Programmpunkt als Erstes zum Thema: Erst um 1 Uhr, dann um 2 Uhr veröffentlichte das rechte Krawall-Medium Nius je einen Artikel über das Volksbad. In dem ersten wurde das Kunstprojekt als „Elite-Pool“ der „Kultur-Schickeria“ bezeichnet – obgleich der Eintritt zu dem Schwimmbecken kostenlos ist. Der zweite Text zielte genau auf jene Veranstaltung, die nun abgesagt worden ist: die kurzzeitige exklusive Nutzung des Beckens durch den Verein Each One Teach One, einen Verein, der sich für die Schwarze Community in Berlin engagiert. In der Überschrift des Nius-Artikels hieß es: „Berliner Volksbad schließt weiße Menschen vom Schwimmen aus”.

Von Nius zur Pankower CDU zu Alice Weidel

Eine der Ersten, die das Thema aufgriff, war die Pankower CDU-Politikerin Aileen Weibeler. Bereits am Dienstagvormittag beklagte sie sich auf TikTok: „Ich darf nicht ins Schwimmbad, weil ich weiß bin”. Kurz nach 13 Uhr veröffentlichte die Bild-Zeitung einen Artikel. Auch „Welt“ berichtete in mehreren Texten und TV-Beiträgen und schickte der Volksbühne einen Fragenkatalog, darunter etwa: „Wird es ähnliche Tage auch für asiatische/arabische/weiße Menschen geben? Wie soll bemessen werden, wer als Schwarz gilt? Per Selbstauskunft, Augenmaß oder anders?“. Kolumnist Rainer Meyer schrieb von „staatlich finanzierter Rassenkunde“.

Um 14.37 Uhr am Dienstag postete der X-Account der AfD einen KI-generierten Beitrag, der lachende junge Männer mit dunkler Hautfarbe planschend in einem Pool vor dem Volkstheater zeigt, dazu die Schrift: „Rassentrennung auf Staatskosten in Berlin: Du bist weiß?“ Dann kein Zutritt”. Wohlbemerkt war die Veranstaltung für Kinder zwischen sechs und 14 Jahren gedacht. Am Abend meldete sich sogar Co-Parteichefin Alice Weidel höchstselbst zu Wort, ebenfalls auf X, und sprach von einer angeblichen „Apartheid“.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.

Externen Inhalt anzeigen

Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können.

Video: Dominik Lenze, Julia Weiss, Nassim Rad

Im Laufe des Dienstags änderte die Volksbühne online eine Formulierung in ihrer Programmankündigung. Statt „Exklusiv für die Schwarze Community geöffnet“ hieß es nun: „Das Volksbad ist heute für Each One Teach One (EOTO) e. V. reserviert.“ Die Fixierung rechter Medien auf das Theaterprojekt war damit allerdings nicht vom Tisch. Am Mittwoch veröffentlichte das rechtslibertäre Onlineportal Apollo News, welches dem Reichelt-Portal Nius nahe steht, mehrere Beiträge, die sich am „Volksbad“ abarbeiteten.

Zeitgleich legte Nius nach, dokumentierte akribisch die Änderungen der Volksbühne im Programm – stets verbunden mit der Behauptung, dass Weiße angeblich diskriminiert würden.

In einem Youtube-Video sprach ein Nius-Mitarbeiter von „irgendwelchen Linksradikalen”, die „Rassentrennung” betreiben würden. Ebenfalls am Mittwoch fand sich ein bekannter rechter Demostreamer bereits vor der Volksbühne ein. In der Zwischenzeit hatten sich die Artikel von Nius und Apollo auch in obskuren Telegramgruppen verbreitet, selbst der Kanal des Neonazi-Verlags „Sturmzeichen“ griff die Berichte auf.

AfD-Politiker wendet sich an „Alle Weißen“

Am Donnerstag forderte der Brandenburger AfD-Politiker Dennis Hohloch auf seinem Instagram-Kanal: „Alle Weißen morgen ab 12.00 Uhr ins Volksbad!”. In einem Kurzvideo, das er auf YouTube und Instagram veröffentlichte, sagte er: „Geht doch mal um 12 Uhr ins Volksbad und guckt, ob ihr reingelassen werdet“.

Berlin, Deutschland, 14.08.2026: Mehrere Personen mit AfD-Plakaten tauchen am Nachmittag vor dem sogenannten Volksbad der Berliner Volksbühne auf. Hier war für den Nachmittag eigentlich ein Event geplant, bei dem ausschließlich schwarze Kinder und Jugendliche im Wasser planschen durften. Die Veranstaltung wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt. Die Menschen mit AfD-Plakaten werden unter verbalen Beschimpfungen von Anwesenden vertrieben. *** Berlin, Germany, August 14, 2026 Several people carrying AfD signs showed up in the afternoon in front of the so-called Volksbad at the Berliner Volksbühne. An event had actually been planned for that afternoon, during which only Black children and teenagers were allowed to splash around in the water. Copyright: xdtsxNachrichtenagenturx dts_130170

Mehrere Personen mit AfD-Plakaten tauchten am Freitag Nachmittag vor dem Volksbad der Berliner Volksbühne auf

© IMAGO/dts Nachrichtenagentur/IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Am selben Tag entschieden EOTO und Volksbühne schließlich, die Veranstaltung aus Sicherheitsbedenken abzusagen. Den Verein hatten nach eigenen Angaben inzwischen Drohungen erreicht. „Wir können die sichere An- und Abreise der angemeldeten Besucher*innen ebenso wenig garantieren wie einen entspannten Feriennachmittag“, teilte die Volksbühne mit. Während Verein und Theater sich zu dieser Absage entschlossen, sendete Nius zeitgleich eine weitere Online-Sendung über das „Volksbad“. Der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber von „Welt“, Ulf Poschardt, kommentierte die Absage bei X mit „Hahahaha“.

Am Freitagvormittag blieb zumindest der von manchen befürchtete, von anderen herbeigerufene Ansturm „Aller Weißen“ aus. Hauptsächlich Journalisten fanden sich vor dem Theater ein, um auf eine Stellungnahme des Theaters zu warten. Nius-Mitarbeiter liefen auf dem Platz vor dem Theater umher und befragten Passanten. Irgendwann verschwanden sie. Später kommen einige Mitarbeiter der Volksbühne und tragen ein großes Banner mit sich, entrollen es.

In großen, gut lesbaren Buchstaben steht dort geschrieben: „Fickt euch!“. Später am Nachmittag tauchten laut dts-Nachrichtenagentur noch einige AfD-Anhänger auf, um mit Plakaten vor dem Volksbad und dem „Fickt-euch“-Banner zu posieren. Die Protestler wurden schließlich unter großem Trubel von Passanten vertrieben, es kam zu hitzigen Wortgefechten und Beleidigungen.