Reit-WM in Aachen: Michael Jung liegt nach dem Gelände auf Goldkurs
Auf dem Aachener Geländekurs wird Reitsport zum Denksport. Olympiasieger Michael Jung und sein Pferd Chipmunk bewahren den Durchblick und starten als Goldfavoriten in das Finale der Vielseitigkeits-WM.
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Es war nicht eindeutig zu erkennen, wer von beiden die meisten Schulterklopfer abbekam in dem Gewusel hinter dem Zieleinlauf. Der Reiter Michael Jung oder sein Pferd Chipmunk? Beide verdienten es gleichermaßen, mit Lob überhäuft zu werden, nach ihrer rasanten Tour durch das Aachener Gelände. Als Führende der Vielseitigkeitsprüfung starten die Olympiasieger aus dem Schwabenland nun in das abschließende Parcoursspringen am Sonntag (15.30 Uhr/ARD).
Schon vor der Ziellinie hätte Michael Jung mit all den Zuschauern abklatschen können, so dicht gedrängt standen sie an der Streckenbegrenzung. Zeit blieb für solche Spielchen nicht, die Sekunden liefen unerbittlich herunter, als Chipmunk noch einmal seinen Galopp beschleunigte und über das letzte Hindernis flog. 18 Jahre alt ist dieses Pferd inzwischen, das seinen Reiter zu so vielen Erfolgen geführt hat, darunter der Olympiasieg in Paris 2024. „Er ist sensationell, wie ein guter Wein, der mit dem Alter immer besser wird“, sagte Jung nach seinem Ritt im ZDF-Interview.

Fünf Sekunden weniger als die Idealzeit von 9:50 Minuten brauchten Jung und Chipmunk für den 5600 Meter langen Kurs durch die Aachener Soers, was nicht unbedingt zu erwarten war, denn nur vier von insgesamt 88 Starterpaaren waren zuvor unterhalb des Limits geblieben. „Es war gar nicht so einfach zu timen“, erklärte Jung, „ich wollte es nicht zu schnell angehen und erstmal in das Pferd hineinhorchen, in den Rhythmus kommen.“ Zum Ende des Kurses hatte Chipmunk aber noch so große Reserven, dass Jung das Tempo erhöhen konnte. „Das war gigantisch.“
Und es war notwendig, um den zweiten Platz seiner Mannschaft hinter dem britischen Team abzusichern. Jungs Teamkameradinnen Libussa Lübbecke mit Caramia, Malin Hansen-Hotopp mit Quidditch und Julia Krajewski mit Nickel waren zwar ohne größere Probleme, aber mit Zeitstrafpunkten ins Ziel gekommen. Lübbeckes Pferd hatte zudem ein Hindernis nicht innerhalb der vorgegebenen Begrenzung übersprungen und erhielt dafür zusätzlich neun Strafpunkte.
Schon früh war die erste britische Reiterin Gemma Stevens ausgeschieden – ihr Pferd Flash Cooley hatte zweimal den Einsprung zum achten Hinderniskomplex verweigert. Das erhöhte den Druck auf ihre drei Teamkameraden, die anschließend „all in“ gehen mussten, dafür belohnt wurden und ohne Fehler nahe am Zeitlimit durch den Kurs kamen. Gleich drei britische Paare lauern nun hinter Jung auf den Einzel-Titel.
Ein früher Schreckmoment mit Folgen
Der frühe Schreckmoment blieb auch in der deutschen Equipe nicht unbemerkt und führte zu der Teamorder, möglichst sicher durch das Gelände zu kommen. Dort, wo andere gestrauchelt waren, wählten sie alternative Routen, die der Kursdesigner eingeplant hatte. Nicht immer führte also der direkte Weg über die 42 Einzelsprünge zum Glück. Diese Streckenplanung diente auch der Sicherheit von jüngeren und unerfahreneren Paaren. Die Umwege kosteten zum Teil zwar einige Sekunden, gaben Reitern und Pferden aber mehr Ruhe und Überblick, um Distanzen und Absprungpunkte besser zu erkennen.
Den idealen Weg über die komplexen, mit Zahlen und Buchstaben markierten Routen zu finden, bei hohem Tempo auf dem von 35.000 Zuschauern gesäumten Kurs, hatte das deutsche Team von Beginn an als größte Herausforderung bei dieser Weltmeisterschaft ausgemacht. „Es gibt so viele Optionen, da braucht man schon ein Studium, um das alles ordentlich verarbeiten zu können“, hatte etwa Julia Krajewski erkannt.
Und Christoph Wahler, der als Einzelreiter für Deutschland antritt, sah sich vor einer großen Denksportaufgabe: „Wir wollen alle geradeaus die direkten Wege gehen, aber was passiert, wenn man ausweichen muss?“ Der Thailänder Weerapat Pitakanonda schied etwa im Wasserkomplex aus, weil er nach einer Verweigerung seines Pferdes den Überblick verlor und ein Hindernis ausließ. Wahlers Sorge aber blieb unbegründet. Sein Pferd D’Accord verstand genau, was von ihm erwartet wurde. Schneller als dieses Paar kam kein zweites ins Ziel. Bei 9:41 stoppte die Uhr, mit 29,4 Minuspunkten aus der Dressur starten sie nun von Position fünf ins Finale.
Der Abstand zwischen dem zweitplatzierten deutschen und dem führenden britischen Team beträgt knapp 15 Punkte. Die Goldmedaille und damit die erfolgreiche Titelverteidigung ist nicht unerreichbar, aber die Deutschen müssen auf Fehler der Konkurrenz hoffen.
Dennoch war die Erleichterung nach dem gelungenen Geländetag groß: „Wir sind als Trainerteam extrem zufrieden und stolz auf die Mannschaft“, sagte der deutsche Gelände-Spezialist Andreas Dibowski. „Die Engländer sind für ihr Risiko belohnt worden und haben eine Top-Runde nach der anderen abgeliefert. Deshalb haben wir Michi grünes Licht gegeben, weil wir wussten, er kann für sich und das Team nur positiv reiten, wenn er das Maximum rausholt. Und das hat er sensationell abgeliefert.“