Köln: Warum diese Kirche für die Anwohner so wichtig ist
Während den Gemeinden überall im Land ihre Mitglieder davonlaufen, kämpfen in Köln Hunderte für den Erhalt einer evangelischen Kirche. Was treibt die Demonstranten an? Ein Ortsbesuch.
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Köln. Ein letztes Mal läuten die Kirchenglocken zum Gottesdienst. Die Demonstrierenden, die sich an diesem Juli-Samstag vor der Lutherkirche in der Kölner Südstadt versammelt haben, hören für einen Moment andächtig zu. Sie sehen traurig aus, wütend, enttäuscht. Bis zuletzt hatten sie gehofft, die evangelische Kirchengemeinde in ihrer Entscheidung, die Kirche zu schließen, umstimmen zu können. Doch heute wird die Lutherkirche entwidmet. Danach darf hier kein Gottesdienst mehr stattfinden.
Die Lutherkirche sei „im Grunde ein Modell für die ganze Stadt oder für Deutschland“, wie gutes Zusammenleben funktionieren könne, sagt Jan Krauthäuser, Mitgründer der Initiative „Rettet die Lutherkirche“. „Für mich ist es sehr frustrierend, dass ausgerechnet solch ein Ort jetzt geopfert werden soll.“
Wie Krauthäuser sehen es wohl auch die etwa 200 Demonstrierenden, die sich laut Schätzung seiner Initiative hier vor der Kirche versammelt haben. Rund 13.000 Unterschriften hat die Gruppe in den vergangenen Wochen im Rahmen einer Petition gesammelt.
Was bewegt in der Kölner Südstadt so viele Demonstrantinnen und Demonstranten dazu, für den Erhalt eines Gotteshauses sogar auf die Straße zu gehen – wo doch die Mitgliederzahlen der Kirche seit Jahren sinken?
Unterstützung bei ihrem friedlichen Protest bekam die Initiative, die aus dem Kulturförderverein „Südstadt Leben“ entstand, auch von Prominenten. So gehören etwa der Schriftsteller Navid Kermani oder die kölsche Kabarettistin Biggi Wanninger zu den Unterzeichnern der Petition. Auch der Kölner Kulturrat, die zentrale Interessenvertretung der Kulturszene in der Domstadt, machte sich für die Lutherkirche stark.

Jan Krauthäuser und eine Mitstreiterin: Mit Megafon für den Kirchenerhalt. Foto: Alina van Wezel
In Zeiten, in denen die Kirchen in Deutschland rapide an Mitgliedern verlieren und immer weniger Menschen einen Bezug zum Glauben haben, wirkt der Protest hier in der Volksgartenstraße auf den ersten Blick widersprüchlich.
Die evangelische Kirche zählte vergangenes Jahr noch knapp 17,4 Millionen Mitglieder. Zehn Jahre vorher waren es noch 22,3 Millionen gewesen – ein Verlust von mehr als einem Fünftel. Ähnlich drastisch sieht es bei den Katholiken aus: Die katholische Kirche schrumpfte im selben Zeitraum von 23,8 auf 19,2 Millionen Mitglieder.
Die Lutherkirche, kann man sagen, ist das Herz der Südstadt. Hans MörtterPensionierter Pfarrer
Doch die Lutherkirche gilt den Menschen in der Kölner Südstadt als weit mehr als eine Gottesdienststätte.
Nicht nur Kirche, sondern Kulturort
Während der Gottesdienst läuft, stimmen Krauthäuser und weitere Unterstützer vor dem Kirchenportal „Unsere Stammbaum“ von den Bläck Fööss an, ein Lied über Vielfalt und Zusammenhalt. Einige Protestierende lachen, andere wischen sich Tränen aus den Augen. Gemeinsam schunkeln sie vor dem Gebäude, dessen Zukunft sie retten wollen.

Die Protestierenden und der ehemalige Pfarrer der Lutherkirche, Hans Mörtter: Schunkeln vor dem Gotteshaus. Foto: Alina van Wezel
Über Jahrzehnte hat sich die Lutherkirche zu einem Ort entwickelt, an dem sich kulturelles, soziales und kirchliches Leben vermischen. Konzerte, politische Diskussionen, Nachbarschaftshilfe, Integrationsprojekte und internationale Festivals finden hier ebenso statt wie Gottesdienste.
„Die Lutherkirche, kann man sagen, ist das Herz der Südstadt. Hier ist ein freier Raum, ein offener Raum, in dem alles möglich ist“, sagt Hans Mörtter. Der pensionierte Pfarrer leitete die Gemeinde jahrzehntelang und ist Mitgründer des Fördervereins „Südstadt Leben“, der die Kulturveranstaltungen in der Lutherkirche ausrichtet. Auch für den Pensionär Mörtter ist sie nie nur eine religiöse Stätte gewesen, sondern ein Raum, an dem sich Menschen begegnen konnten, unabhängig von ihrem Alter, sozialen Status, ihrer Herkunft oder Religion.

95 Gründe für den Erhalt der Lutherkirche: Eine Demonstrantin hat dieses Plakat aufgehängt. Foto: Alina van Wezel
Iranische, kurdische, brasilianische oder kölsche Musikabende haben hier ebenso ihren Platz gefunden wie soziale Hilfsangebote für Menschen in Not. Für ihren „Chefretter“ Jan Krauthäuser zählt die Lutherkirche deshalb zu den wenigen kirchlichen Erfolgsprojekten, mit denen es gelungen sei, unterschiedliche Menschen dauerhaft zusammenzubringen.

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Ein Teil der Antwort auf die Frage, warum in Köln ausgerechnet eine Kirchenschließung so viele Menschen auf die Straße treibt, ist also: Weil die Lutherkirche anders ist als andere Kirchen. Sie ist kein reines Gotteshaus, sondern eine in der Kulturszene etablierte Institution.
Schließt die Lutherkirche, betrifft das mehr Menschen als bloß die Gläubigen.
Die Kirche hat Geldprobleme – und zieht Konsequenzen
Drinnen sind während des Entwidmungsgottesdienstes das Klatschen und die Rufe der Demonstrierenden zu hören. Der Pfarrer kann sie kaum übertönen. Als Gemeindemitglieder den Altar abräumen und das Kreuz, die Bibel, die Osterkerze und die Taufschale nach und nach in einer Holzkiste verschwinden, stehen einigen Besuchern die Tränen in den Augen.
Wir haben in den letzten Jahren fast ein Viertel der Gemeindemitglieder verloren. Markus HerzbergPfarrer
Dazu gekommen ist es überhaupt erst, weil die Kirche infolge ihres Mitgliederschwunds Geldprobleme hat. Wegen sinkender Kirchensteuereinnahmen müssen viele Gemeinden sparen und sich neu erfinden, beziehungsweise: finanzieren. Auch die Evangelische Gemeinde Köln steht unter diesem Druck.

Ein trauriger Moment für die Gemeinde: Das Altarkreuz verschwindet in einer Kiste. Foto: Evangelische Gemeinde Köln / Niki Siegenbruck
„Wir haben in den letzten Jahren fast ein Viertel der Gemeindemitglieder verloren“, sagt Markus Herzberg, Pfarrer und Vorsitzender des Leitungsgremiums der Gemeinde. Ein Beschluss der Landeskirche, dass ab 2035 alle Kirchengemeinden ihre Gebäude treibhausgasneutral betreiben müssen, verschärfe die Lage noch. Nachkriegsbauten wie die Lutherkirche entsprechend zu sanieren, ist teuer.
Aus diesem Grund verabschiedete die Gemeinde schon 2024 ein sogenanntes Zukunftskonzept. Künftig sollten Geld und Personal vor allem in drei zentrale Standorte fließen: die Christuskirche im Belgischen Viertel, die Antoniterkirche in der Altstadt-Nord und die Kartäuserkirche im Severinsviertel. Die Lutherkirche in der Südstadt sowie die Thomaskirche im Agnesviertel will die Gemeinde verpachten – mit dem Ziel, dass auch der neue Pächter daraus einen gemeinwohlorientierten Ort machen möge.
So wie die Lutherkirche sind in Deutschland im Lauf der vergangenen zehn Jahre mehrere Hundert Kirchen geschlossen, verkauft oder abgerissen worden. „Ein Gemeindezentrum kostet uns zwischen 400.000 und 500.000 Euro im Jahr“, sagt Pfarrer Markus Herzberg. Der Gemeindehaushalt müsse pro Jahr eine Million Euro einsparen. „Da mussten wir mit Blick auf unsere fünf Kirchen in der Kölner Innenstadt und die 60 Mitarbeitenden gut abwägen, wo geht das und wo geht das nicht mehr.“ Bei der Lutherkirche ging es in den Augen der Kirche offenbar nicht mehr.
Weniger Abhängigkeit von Kirchensteuergeldern
Von der Evangelischen Kirche Deutschland heißt es auf Nachfrage: „Wenn Menschen die Kirche verlassen, verändert dies auch die finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen kirchlicher Arbeit.“ Dem Mitgliederschwund stelle man sich „mit umfassenden und langfristig angelegten Veränderungsprozessen“.

Entwidmet: Gemeinsam mit zwei weiteren Pfarrern besiegelte Markus Herzberg das Schicksal der Lutherkirche. Foto: Alina van Wezel
Für die Evangelische Gemeinde Köln heißt das: Um künftig weniger von Kirchensteuern abhängig sein, wird die Gemeinde zum Beispiel zum Vermieter. In unmittelbarer Nähe zur Antoniterkirche etwa baute sie bereits ein Multifunktionsgebäude mit Wohnungen, Büroflächen und Gastronomien. Das beschert der Gemeinde neue, dringend gebrauchte Einnahmen.
Kulturarbeit soll nicht verloren gehen
Doch zurück zur Lutherkirche. „Wir machen diesen Schritt nicht gegen jemanden“, sagt Pfarrer Herzberg. „Wir machen das für die Zukunftsfähigkeit der Gemeinde.“ Die kulturelle und soziale Arbeit verschwinde nicht, die Kirche setze sie weiter fort. So bleibe in der Kölner Südstadt, nur wenige Gehminuten entfernt, etwa die Kartäuserkirche als kultureller, sozialer und religiöser Begegnungsort bestehen.
Auch die Lutherkirche soll ein Ort für Begegnung und gesellschaftliches Engagement bleiben, nur anders als bisher. Herzberg sagt: Die Kirche werde nach Wegen suchen, die Kulturveranstaltungen aus der Lutherkirche weiterlaufen zu lassen – beispielsweise in anderen Kirchen der Gemeinde.

Demonstrantinnen und Demonstranten: Sie wollen ihren Ort der Begegnung nicht aufgeben. Foto: Alina van Wezel
Der Gruppe um Jan Krauthäuser und Hans Mörtter reicht das als Lösung nicht. Ein jahrzehntelang gewachsener Begegnungsort, die Communities, die sich dort gebildet haben: Das lasse sich nicht einfach an einen anderen Ort verlagern. Der Konflikt zwischen dem Förderverein und der Kirche, er wird sich wohl nicht auflösen lassen.
Zukunft der Lutherkirche noch nicht entschieden
Wie genau es nun mit der Lutherkirche weitergeht, ist offen. Gottesdienste dürfen dort nach der Entwidmung nicht mehr stattfinden. Der Verein „Südstadt Leben“ darf seine Veranstaltungen in der Kirche noch bis Ende des Jahres weiterführen. Für den Zeitraum danach verhandelt die Gemeinde aktuell mit einem potenziellen Pächter.
Geplant ist nach Angaben der Kirche eine soziale und gemeinwohlorientierte Nutzung, auch als Wohnraum für Senioren ist die Lutherkirche im Gespräch. Welche Teile des heutigen Gebäudes in diesem Szenario erhalten bleiben, ist offen. Wird der neue Pächter alles bis auf den denkmalgeschützten Kirchturm abreißen wollen? Wird er bereit sein zu Gesprächen mit dem Förderverein „Südstadt Leben“? Niemand weiß das.

Die Lutherkirche nach ihrem letzten Gottesdienst: Altar kahl, Kirche leer. Foto: Alina van Wezel
Jan Krauthäuser, Hans Mörtter und ihre Mitstreiter haben jedenfalls noch nicht aufgegeben. Die Gruppe hat ein Übernahmekonzept aufgestellt. Es sieht vor, den gesamten Komplex zu kaufen, um dort weiter Veranstaltungen ausrichten zu können. Dafür ziehen Krauthäuser und seine Leute entweder die Gründung einer Stiftung oder einer Genossenschaft in Erwägung. Falls die jetzigen Verhandlungen mit dem potenziellen Pächter scheitern, wird die Gruppe es mit ihrem Vorschlag bei der Kirchengemeinde versuchen.
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DeutschlandAls sich die Menge der Demonstrierenden am Nachmittag langsam auflöst, bleiben einzelne Menschen noch minutenlang stehen. Sie diskutieren, umarmen sich, sehen sich still um. Sie erzählen ein letztes Mal von den besonderen Momenten, die ihnen dieser Ort beschert hat.
Hinter ihnen schließt sich die Tür der Kirche, in der viele von ihnen getauft oder verheiratet worden sein dürften. Genauso schließt sie sich hinter allen, die dort politische Diskussionsrunden, Konzerte mit Musikern aus aller Welt oder Lesungen besucht haben. Ein Schlusspunkt ist die Entwidmung der Lutherkirche für niemanden hier. Der Streit über ihre Zukunft hat gerade erst begonnen.
Erstpublikation: 24.07.2026, 04:00 Uhr.