Rüdiger Safranski: Plädoyer für „lebendigen Geist“ gegen KI
Der renommierte und streitbare deutsche Philosoph Rüdiger Safranski beschäftigt sich in seinem neuen Buch mit dem allgegenwärtigen Phänomen künstliche Intelligenz (KI) und den Folgen für den Menschen und sein Selbstbild. In „Die Vierte Kränkung“ veranschaulicht er die KI als „tote Materie“, der der Mensch mit seinem produktiven „lebendigen Geist“ in vielerlei Hinsicht überlegen sei – für Kleinmut also kein Anlass aus Sicht Safranskis.
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Rüdiger Safranski
Der renommierte und streitbare deutsche Philosoph Rüdiger Safranski beschäftigt sich in seinem neuen Buch mit dem allgegenwärtigen Phänomen künstliche Intelligenz (KI) und den Folgen für den Menschen und sein Selbstbild. In „Die Vierte Kränkung“ veranschaulicht er die KI als „tote Materie“, der der Mensch mit seinem produktiven „lebendigen Geist“ in vielerlei Hinsicht überlegen sei – für Kleinmut also kein Anlass aus Sicht Safranskis.
Online seit gestern, 16.10 Uhr
In seinem neuen Buch betrachtet der heute 81-jährige Philosoph, der seit vielen Jahren im beschaulichen Kurort Badenweiler am Rande des Schwarzwalds lebt, künstliche Intelligenz als „vierte Kränkung“ des Menschen. Damit bezieht er sich auf Sigmund Freud, der von drei historischen Kränkungen des Menschen gesprochen hat.
Die kopernikanische Kränkung war nach Freud die erste: Sie erlaubte dem Menschen nicht länger, sich als Mittelpunkt des Weltalls zu denken. Die zweite Kränkung hat mit Charles Darwins Evolutionstheorie zu tun und mit der Einsicht, dass der Mensch von den gleichen Vorfahren abstammt wie die Affen.
Intelligenzleistungen ohne Bewusstsein
Die dritte Kränkung hängt mit Freud selbst und seiner Entdeckung des Unbewussten zusammen, womit die Erkenntnis verbunden war, dass das „Ich nicht Herr im eigenen Hause ist“. Die künstliche Intelligenz ist nach Safranski nun deshalb die vierte Kränkung, weil sie Intelligenzleistungen hervorbringen kann, von denen der Mensch bisher geglaubt hat, sie wären nur mit Hilfe von „Bewusstsein“ möglich, weswegen nur der Mensch selbst sie erzeugen könnte.
Safranski lenkt in diesem Zusammenhang das Augenmerk aber darauf, dass die KI trotz aller Hochleistungen, die sie vollbringt, tote Materie bleibt, die nicht denken kann, sondern nur rechnen – das allerdings mit einer den Menschen weit überbietenden Effizienz.
„Tote Materie“ versus „lebendiger Organismus“
Die rasante technologische Entwicklung macht die Frage danach, was der Mensch im Gegensatz zur Maschine ist, zu einer immer dringlicheren. Safranski spricht im Zusammenhang mit dem Menschen von „lebendigem Geist“, der eng mit Erfahrung verbunden ist. Die KI ordnet Safranski im Gegensatz dazu als totes, geschlossenes System ein, das keinen selbstständigen Weltzugang hat. Safranski schreibt: „Die KI hat kein Außen, aber auch kein Innen. Sie hat keine Ahnung von dem, was sie tut. Sie ‚tut‘ auch nichts, sie prozessiert nur regelgeleitet.“
In „Die Vierte Kränkung“ fokussiert er vor allem auf den „lebendigen Geist“ des Menschen, der sie, die KI, hervorgebracht hat. Jetzt, sagt Safranski, dürfe man dem „toten Geist“ nicht die Herrschaft über den Menschen einräumen. Was den „lebendigen Geist“ im Gegensatz zur toten Materie KI auszeichne, seien unter anderem Emotionen, Empathie, Verstehen, Moral und Freiheit.
Der Mensch und seine Stärken und Schwächen
Safranskis Text ist ein entschiedenes Plädoyer für die Rückbesinnung auf das, was der Mensch ist, auf seine Stärken, zu denen ganz klar auch seine Schwächen, seine Ungenauigkeiten und seine Unberechenbarkeit, zählen. „Weisheit ist die Einsicht“, schreibt Safranski, „dass es keine Perfektion gibt.“ Perfektion sei aber das „verführerische Versprechen des Prothesengottes der KI“ – dieses Versprechen untergrabe die menschliche Souveränität und Handlungsmächtigkeit. Im Buch ist zu lesen: „Das rational Perfekte ist wirkungsvoll, aber tot – so tot wie die KI.“
Vernunft als Falle
Einer von Safranskis zentralen Befunden ist: Die KI sei die monströse Materialisierung der „instrumentellen Vernunft“ (Max Horkheimer) und damit die Verwirklichung eines Denkens, das sich allein als Instrument begreift, um ein bestimmtes Ziel möglichst effizient zu erreichen – und das, ohne etwaige ethische Fragen nach der Sinnhaftigkeit des Ziels zu stellen und ohne sich von Erfahrungen korrigieren zu lassen.
Dem gegenüber stellt Safranski die „reflektierende Vernunft“, die weiß, dass sie sich irren kann und unvollkommen ist. Safranski schreibt: „Was die lebendige Vernunft von ihrer instrumentellen Verarmung unterscheidet, ist die Bereitschaft, sich über sich selbst aufzuklären: dann öffnet sie sich für die Erfahrung und behält Fühlung mit dem Wirklichen.“
Dass die KI auf so fruchtbaren Boden stoße, liege auch daran, erläutert Safranski, dass gesellschaftlich längst der Materialismus dominiere, und der Idealismus, der die Idee und das Geistige hochhalte, ins Hintertreffen geraten sei.
KI, Gott und die Demokratie
Dass die KI von manchen zur neuen Religion erhoben wird, ist ein weiterer Aspekt, den Safranski in seinem Buch beleuchtet. Er spricht von einem gefährlichen „Konformismus der Technikgläubigkeit“, bei dem der Anpassungsdruck und die Angst, den Anschluss zu verpassen, zu den größten Treibern zählen. Es drohe die Technik, so schreibt er, zu einer „totalen Macht“ zu werden. Gegen diesen totalitären Anspruch gelte es mittels der „humanistischen Klugheit der Gewaltenteilung“ vorzugehen.
Buchhinweis
Rüdiger Safranski: Die Vierte Kränkung. Menschlicher Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz. Hanser Verlag, 112 Seiten, 22 Euro.
Gewaltenteilung fordert Safranski nicht nur theoretisch, sondern auch sehr konkret. Als eines der dringlichsten Probleme im Kontext der KI hebt er die Monopolisierung von Macht hervor, die er als demokratiegefährdend einschätzt. Es sind ein paar wenige, private, profit- und nicht gemeinwohlorientierte Unternehmen, die diese radikal neue Technologie in Händen haben. Safranski fordert Regulierungsmaßnahmen.
Im ORF-Interview sagt er: „Jetzt, in diesem Bedrohungsszenario, das möglicherweise die KI darstellt, haben wir noch einmal die Chance zu lernen, wie wichtig demokratische Kontrolle über wirtschaftliche und technische Prozesse ist. Wenn es gut läuft, kann es auch zu einer Erneuerung des Wissens um die Unabdingbarkeit von Demokratie und Gewaltenteilung führen.“
KI und die Zuversicht
Safranski erweist sich auch in diesem Buch als Denker voller Zuversicht, trotz allem. Er will an die Kraft des „lebendigen Geistes“ glauben: Dieser könnte die KI, den „toten Geist“, durchaus so lenken, dass er dem Leben diente.
Außerdem: „Wer die Zuversicht preisgibt, kann eh einpacken“, sagt er im Gespräch. Seit er vor ein paar Jahren das erste Mal von ChatGPT erfahren hat, habe ihn, der sich in seinem Leben ausführlich unter anderem mit Goethe, Schiller, Heidegger, Nietzsche und vielen anderen Geistesgrößen mehr beschäftigt hat, die KI und ihre unterschiedlichen, menschenähnlichen Spielarten nicht mehr losgelassen.
Das Überzeugende an seinem schmalen Buch zu diesem großen Thema ist, dass sich Safranski darin nicht als KI-Spezialist aufspielt, der er nicht ist, sondern das Thema tastend und fragend angeht, genährt von seinem reichen geisteswissenschaftlichen Wissen, das es ihm erlaubt, für die Lesenden erhellende Bezüge herzustellen.