Philosoph Jason Stanley - Der Faschismusforscher, der vor Trump floh

Jason Stanley verliess die USA, als die Columbia University dem Druck der Trump-Regierung nachgab und ihre Regeln für Proteste und Disziplinarverfahren verschärfte. Für ihn zeigt sich darin, wie Autokratie schl...

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Philosoph Jason Stanley - Der Faschismusforscher, der vor Trump floh

Jason Stanley verliess die USA, als die Columbia University dem Druck der Trump-Regierung nachgab und ihre Regeln für Proteste und Disziplinarverfahren verschärfte. Für ihn zeigt sich darin, wie Autokratie schleichend an Boden gewinnt.

20.08.2026, 08:17

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Angst und Nostalgie – auf diese Gefühle setzen Autokraten und Faschisten, erklärt Jason Stanley. Tendenzen davon erkennt er in den USA, etwa in der Maga-Bewegung. Reale Probleme wie Wohnungsnot, Klimawandel und Jobverluste durch KI werden auf eine einfache Formel gebracht.

«Autokratische Politik versucht, das Leid und die Probleme der Bevölkerung in Nostalgie zu verwandeln. Die Erzählung ist simpel: Unser Land war gross, aber wir haben unser Grosstum verloren», erklärt Stanley.

Person in roter Kappe hält ein Schild in einer Menschenmenge hoch.
Legende:

Die Maga-Bewegung steht hinter ihrer Leitfigur Donald Trump.

KEYSTONE/DPA/Bonnie Cash – Pool via CNP

Autokraten beschwörten eine glorreiche Vergangenheit und den Verlust einer angeblich heilen Welt, so Stanley. Schuldige seien schnell gefunden: Einwanderer, sexuelle oder religiöse Minderheiten. Auch die rechtliche Gleichstellung und Emanzipation von Frauen und Afroamerikanern gehörten zu den Sündenböcken.

Geschichte fälschen, Zukunft kontrollieren

Es sei kein Zufall, dass Autokraten die Perspektiven dieser Gruppen ausblenden wollen. In Philadelphia etwa darf die Trump-Administration Informationstafeln entfernen lassen, die an die Sklavenhaltung im Haus von George Washington erinnern.

Der Versuch, Geschichte umzudeuten, reiche weiter: in Schulen, Universitäten und Museen. «Die Trump-Administration will staatlich unterstützte Institutionen dem Patriotismus verpflichten, statt der Wahrheit und der Wissenschaft.»

Jason Stanley: Faschismusforscher und Philosoph

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Jason Stanley ist ein US-amerikanischer Philosoph und Faschismusforscher. Er lehrte von 2013 bis 2025 Philosophie an der Yale University und ist seit 2025 Professor an der University of Toronto sowie Inhaber eines Lehrstuhls für American Studies. Seine Forschung beschäftigt sich unter anderem mit Sprache, Propaganda, Demokratie und autoritärer Politik.

International bekannt wurde Stanley mit «Wie Faschismus funktioniert» (How Fascism Works, 2018). Darin beschreibt er zehn wiederkehrende Strategien faschistischer Politik, darunter Nationalismus, Propaganda, die Konstruktion von Feindbildern und die Instrumentalisierung von Angst.

Sein jüngstes Buch «Gefälschte Geschichte – Wie Faschisten die Vergangenheit umschreiben, um die Zukunft zu kontrollieren» (Erasing History, 2024) untersucht, wie autoritäre Bewegungen Geschichte umdeuten, bestimmte Perspektiven ausblenden und damit gesellschaftlichen Fortschritt zurückdrehen wollen. Die deutsche Ausgabe ist 2026 erschienen.

Erst wenn die Perspektiven bestimmter Gruppen aus der offiziellen Erzählung verschwänden, könnten sie zu Sündenböcken für reale Probleme gemacht werden, meint Stanley. Die Strategie dahinter: von den tatsächlichen Machtverhältnissen ablenken. Denn die Macht in den USA liege nicht bei Migrantinnen und Minderheiten, sondern bei Politikerinnen und Politikern, Tech-Milliardären und Grosskonzernen, argumentiert Stanley.

Autokratie und Faschismus entstehen schleichend

Der Philosoph versteht Faschismus und Autokratie nicht als Schwarz-Weiss-Kategorien, sondern als ideologisches Kontinuum politischer Bewegungen, das sich je nach nationalem und historischem Kontext unterschiedlich ausprägt. «Auch der historische Faschismus Italiens und Deutschlands war in vielerlei Hinsicht sehr unterschiedlich.»

Mann in blauem Hemd im Freien, unscharfer Hintergrund mit Bäumen.
Legende:

Jason Stanleys Interesse an den Themen Faschismus und Autokratie sind auch biografisch geprägt.

ZTS/Kiry Kynd

Stanleys Eltern, ein deutscher Jude und eine polnische Jüdin, flohen vor dem Nationalsozialismus. Von ihnen hat er gelernt: Autokratie und Faschismus entstehen schleichend und können jederzeit wiederkehren. Deshalb überrascht ihn weniger die autoritäre Wende in den USA als das Erstaunen darüber in Europa.

Mehr kritisches Denken und Empathie

Erst langsam verabschiede sich hier das Bild von den USA als Land der Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten. Für Stanley zeigt sich darin ein blinder Fleck Europas – die Ausblendung Schwarzer Perspektiven: «Wenn man auch nur einem Schwarzen Schriftsteller oder einer Schwarzen Intellektuellen zugehört oder deren Texte gelesen hätte, hätte man das Bild von den USA als Vorbild für Freiheit und Demokratie nie geglaubt. Daraus kann Europa etwas lernen: Wer nur weissen Perspektiven zuhört, übersieht wichtige Teile der Realität.»

Für Jason Stanley beginnt die Gegenwehr deshalb mit dem Zuhören bei denen, die als Erste von autoritärer Politik betroffen sind, mit kritischem Denken und Empathie.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 18.8.2026, 17:10 Uhr