Karikaturist Pat Oliphant gestorben
Wenn Aktualität Lebendigkeit erzwingt, kann bei der Zeitungsproduktion Kunst entstehen. Ronald Reagan spielte die Rolle seines Lebens unter den Händen von Pat Oliphant. Der Karikaturist ist mit 90 Jahren gestorben.
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Der Karikaturist verrichtet ein Tagwerk, aber er hat dafür höchstens einen halben Tag Zeit. Pat Oliphant saß um sieben Uhr früh am Zeichenbrett und war oft schon um sechs aufgestanden, um erst einmal die Zeitungen zu lesen – natürlich nur einen sehr kleinen Teil der Blätter, die täglich seinen gezeichneten Kommentar zum Zeitgeschehen druckten. Das waren auf dem Höhepunkt des letzten goldenen Zeitalters der Tagespresse in den Vereinigten Staaten etwa fünfhundert. Pünktlich um zwölf Uhr mittags erschien in Oliphants Atelier in Georgetown, dem Gründerzeitviertel der Hauptstadt Washington, ein Bote, um das Blatt abzuholen, damit die Reproduktionsvorlage alle fünfhundert Abonnementzeitungen vor Andruck erreichte. Oliphant hätte sich manchmal auch schon am Vorabend sein Thema überlegen können, aber er wollte immer tagesaktuell sein.
Politische Karikaturistik ist Zeitdruckgrafik, und Oliphant gewann den unverändert frühindustriell harschen Produktionsbedingungen die Qualitäten seines Stils ab, angefangen mit der Spontaneität des Strichs, der Lebendigkeit der Linie, an der man die Urheberschaft jeder seiner Zeichnungen auf den ersten Blick erkennt. Er war der von allen Kollegen neidlos verehrte Großmeister seines Fachs, und die Bewunderung galt zuerst dem dynamischen Gestus, dem grandios Hingeworfenen. Karikaturen werden in amerikanischen Zeitungen auf den Kommentarseiten gedruckt, die vom Nachrichtenteil getrennt sind. Sie stehen neben Leitartikeln und Gastkommentatoren, Textsorten, die nicht zu originell sein dürfen, weil auch in der Demokratie, im Land der aufgeweckt Lebenden, Meinungen nicht jeden Tag über den Haufen geworfen werden können. Der formale Witz der Karikatur ist das Versprechen, dass auch im Genre des Kommentars Überraschungen möglich sind.
Steigerung der Gesamtwirkung
Karikaturen spitzen zu und kürzen ab, per definitionem. Den dadurch entstehenden Freiraum füllte Oliphant mit pittoresken Details und szenischen Effekten. Es ist immer wieder bewundernswert, wie viel er in seine Zeichnungen hineinpackt, bei Steigerung der Gesamtwirkung. Das Apodiktische der Idee, das Witzhafte am Witz, wird sozusagen kompensiert oder hinterfangen vom zeichnerischen Aufwand. Äquivalente im geschriebenen Kommentar, glaubwürdige Chiffren von Wohlüberlegtheit, fallen einem nicht so leicht ein.

Man ziehe aus Oliphants Skandalchronik das Blatt vom 24. Dezember 1993 heraus und betrachte es unter kompositorischen Gesichtspunkten, für die sich die empörten Weihnachtsleserbriefschreiber damals naturgemäß nicht interessierten. Vor dem Portal einer dem heiligen Aloysius geweihten Kirche stehen zwei Priester in Soutane inmitten einer Messdienerschar, unten vor den Kirchenstufen hat breitbeinig ein winzig kleiner Michael Jackson mit schwarzem Hütchen, weißen Handschuhen und Sonnenbrille Position bezogen. Sein schwarzer Mercedes blockiert die Einfahrt. Die Legende: „Wie es aussieht, möchte Mr. Jackson der Priesterschaft beitreten.“ Die Messdiener reichen den Priestern nur bis zum Knie, ihre kugelrunden Glatzköpfchen drohen zerquetscht zu werden von den Falten der Fassade, die sich fortpflanzen in den Kerzenstöcken, Kirchenstufen, Bäumen und Zaungitterstäben: Amerikanische Gotik als Pop-Edition.

Am häufigsten muss ein amerikanischer Karikaturist die Präsidenten porträtieren. Oliphants physiognomische Formeln wird man an Kunstakademien studieren, weil er den Trick der Reduktion fand, die unendliche Variation erlaubt. Er kam aus Australien, hatte dort bei einer Zeitung angefangen, die dem Vater von Rupert Murdoch gehörte. In den elf Jahren, die er von 1964 an bei der „Denver Post“ angestellt war, waren die Hauptthemen Vietnam und Watergate, das heißt die Hauptfiguren die Präsidenten Johnson und Nixon, klassische Fälle für Schurkengesichtserkennung. 1967 wurde ihm der Pulitzer-Preis zugesprochen, allerdings nahm Oliphant es mit Hohn auf, dass die Jury aus der von ihm eingereichten Mappe eine Witzzeichnung auf Kosten von Hồ Chí Minh ausgesucht hatte und keine seiner Johnson-Studien.

Oliphants Vorgänger als Doyen der Zeitungskarikaturisten war Herbert Block (Herblock), der in den Fünfzigerjahren Joseph McCarthy entgegengetreten war. Das Wohlsortierte des Bildaufbaus und eine betont schlichte, mit Wiedererkennbarkeit zufriedene Personendarstellung unter Verzicht auf die für die Gattung eigentlich konstitutive Überzeichnung von Gesichtszügen und Gesten konservieren bei Herblock den Optimismus des amerikanischen Wiederaufbaus oder Weiteraufbaus nach Weltkrieg und New Deal. Oliphant und sein grafisch ähnlich talentierter Kollege Jeff MacNelly entdeckten dagegen in der Berufspolitik, aber auch in deren Umwelten von Werbung, Medien und Sport die Potentiale eines allzu wirklichen Phantastischen.

In die Sphäre einer Subtilität, die seinem Metier fremd gewesen war, drang Oliphant durch die tägliche Beschäftigung mit der Erscheinung von Ronald Reagan vor. Sein Reagan ist der bekannte Schauspieler, doch wirkt er in die eigenen Illusionen verstrickt. Fixiert auf die Rolle, wird er ungemein beweglich, kann sich nach Belieben dehnen und krümmen. In unheimlicher, aber auch rührender Manier löst sich die Figur des Zerknitterten fast auf in ein unsterbliches Gekräusel. Oliphant war Autodidakt und hatte in Australien mit dem Zeichnen von Karten und Infografiken begonnen. In den späten Achtzigerjahren belegte er am Corcoran College of Art and Design einen Kurs in Figurenzeichnung bei William Christenberry, der als Fotograf den Zerfall der amerikanischen Kulturlandschaft dokumentiert hat.
Vor elf Jahren musste Pat Oliphant wegen nachlassender Sehkraft die Arbeit einstellen. Er stiftete sein Archiv der University of Virginia, die durch ihren Gründer Thomas Jefferson der Institution des Präsidenten besonders eng verbunden ist. Die Zahl fest angestellter Karikaturisten ist in den Vereinigten Staaten auf zwei Dutzend geschrumpft. Aber ihre Kunst überlebt, hat sich vom gedruckten Papier abgelöst und besteht Tag für Tag den Vergleich mit der massenhaft elektronisch abgepausten Bildpropaganda, wegen der Mischung aus drastischem Witz und virtuosem Strich, die das Erbe Pat Oliphants ist. Am 13. Juli ist er im Alter von neunzig Jahren in Santa Fe gestorben.