Paar aus Hofheim saniert Fachwerkhaus: Was sie daraus gelernt haben
Im Kopf all die Fragen zu Baumaterialien und Sparmöglichkeiten, auf Haut und Haaren zäher Staub. Wer wie Christiane und Roland Beer alte Häuser renoviert, braucht viel Leidenschaft. Und am besten einen Hund.
- 5 min read
„Ich glaube, die Hofreite hat es ganz gut erwischt mit uns“, sagt Roland Beer. Seit 14 Jahren wohnt er mit seiner Frau Christiane im Hofheimer Stadtteil Lorsbach, einem Dorf im Grünen mit S-Bahn-Anschluss, das einst als Luftkurort und Ausflugsziel populär war. Nach Jahren in Frankfurt zog es beide mitsamt Hund aufs Land. Aber wohin? Beim Lorsbacher Winterlauf, an dem die begeisterten Sportler teilnahmen, deutete Roland Beer auf ein Haus: „Da will ich mal wohnen“, sagte er. Ein Satz, der sich als prophetisch erweisen sollte. Zwei Jahre später kam der Backsteinbau aus der Zeit der Jahrhundertwende wirklich zum Verkauf, und das Paar zog ein.
Die Hofreite entdeckte Beer ein paar Jahre später bei der Gassirunde. Sie stand damals leer und war ziemlich heruntergekommen. „Doch wir haben beide gesehen, dass das ein Schmuckstück im Dornröschenschlaf ist“, sagt seine Frau Christiane. Wieder brauchte es ein wenig Geduld. Das Haus samt Scheune und Stall gehörte damals den Brüdern Erwin und Adolf Schäfer, zwei eigensinnigen Originalen, die sich nicht vom Elternhaus trennen wollten. Erst 2021 war es so weit. An einem kalten, trüben Februartag stand das Paar mit dem Gutachter im Hof des heruntergekommenen Anwesens. „Seid ihr euch im Klaren, was ihr euch hier antut?“, habe der Fachmann gefragt.
Jedes Wochenende auf der Baustelle
Es folgten zwei Jahre Planung und drei Jahre Bau, erstaunlicherweise ohne große Hemmnisse. Die Bausubstanz war überraschend gut. Ein paar Balken waren gefault, wo im Nachhinein eine Dusche eingebaut worden war, der Rest war stabil. Das Mauerwerk war nicht von Schwamm befallen und das Dach noch recht gut in Schuss. Nerven hat Roland Beer allerdings der Austausch der Schwellen gekostet, das sind die Hölzer, auf denen das Haus rundum aufliegt. Die waren wenig fachgerecht verputzt gewesen und daher faul. Die Handwerker bockten das Haus kurzerhand auf Wagenheber und ersetzten die Schwellen. „Unser Zimmermann war tiefenentspannt“, das sei bei alten Häusern so, habe er gesagt, erinnert sich Christiane Beer. Und Roland Beer nahm den Hund, ging auf Gassirunde und kam wieder, als alles ausgestanden war.

Beide Ehepartner arbeiten nahezu Vollzeit, er ist Übertragungstechniker, sie Redakteurin. Für das Sanieren von Häusern gibt es keinen Erziehungsurlaub, deshalb musste das Bauprojekt nebenbei bewältigt werden. „Man wacht morgens mit Gedanken an die Baustelle auf und geht abends damit zu Bett“, sagt Christiane Beer. Die Handwerker, alle aus Hofheim und Umgebung, wollten angeleitet sein, manchmal auch mit Kleinigkeiten versorgt. Jedes Wochenende waren die Beers auf ihrer Baustelle.

Zwischendurch gab es Exkursionen zu Steinbrüchen oder Sandlagern der Umgebung, und Roland Beer las das halbe Internet zum Thema Materialkunde durch. Statt Netflix zu schauen, wurden abends Baumaterialien recherchiert. Der Sand für den Lehmputz stammt aus dem Langener Waldsee, denn Seesand ist im Gegensatz zu Flusssand nicht so rundgeschliffen, und genau das braucht man dafür.
Holzöfen dienen der Gemütlichkeit
In Bad Camberg ließen sich die beiden bei einer Betonfirma erklären, wie der Sichtestrich in Terrazzo-Optik für den Scheunenboden herzustellen und zu versiegeln sei. Die Fachfirma für den Lehmputz entdeckte Roland Beer in der Hofheimer Altstadt, wieder einmal bei einer Gassirunde.
„Wir haben nur noch von der Baustelle geredet. Unsere Freunde konnten es irgendwann nicht mehr hören“, berichtet Christiane Beer.

Dazu kam das Denkmalamt, das bei dem Haus mehr als nur ein Wörtchen mitreden wollte. Erbaut wurde es wohl zwischen 1725 und 1775, und weil die Vorbesitzer Erwin und Adolf Schäfer sparsame Leute waren, ist an der alten Bausubstanz nie etwas verändert worden. Nicht einmal eine Toilette hatte es im Haus gegeben, geschweige denn Verkleidungen oder Anbauten. „Derart unverbaute Häuser findet man nur selten“, sagt Roland Beer.

Die Beers hatten von Anfang an den Plan, Ferienwohnungen einzubauen und zu vermieten. Dass dafür strengere Brandschutzauflagen gelten, verschaffte ihnen aber auch etwas Gestaltungsfreiheit. Weil die Feuerwehr im Obergeschoss der Scheune einen zweiten Fluchtweg verlangte, wurde dort ein kleiner Loggiabalkon mit Sitzplatz eingebaut.
Bei der Farbgestaltung war man dann aber wieder streng. Fachleute kamen mit Stirnlampe und Skalpell und trugen Farbschichten ab. Die Beers bekamen ein hundertseitiges Gutachten und genaue Anweisungen: außen ocker, die Fenster braun, abgesetzt mit Grün, innen mintgrüne Fußleisten. „Braune Fenster?“, fragte sich Christiane Beer entsetzt. Das Grün findet sie mittlerweile sehr schön, es harmoniert mit den grünen Gartenmöbeln im Hof. Und mit den Kräutern, die sie in die alten, steinernen Futtertröge gepflanzt hat.
Eine Wand in der Scheune ist innen freigelegt, hier sieht man das mit Lehm verschmierte Geflecht. Innen wurden einige Wände herausgenommen, der Raumeindruck ist großzügig. Auch im Wohnhaus wurde vorsichtig entkernt. Zum Einsatz kamen ausschließlich Naturmaterialien, die erstaunlich gut dämmen. Die Gasheizung läuft auf Sparflamme, und selbst bei der großen Hitzewelle im Juni ließ es sich im Haus gut aushalten. Die Holzöfen dienen eher der Gemütlichkeit. Die engen Gassen zwischen den Gebäuden wurden wieder geöffnet, sie sorgen im Hof für einen frischen Luftzug auch im Sommer.
„Die Arbeit mit den Naturmaterialien ist zeitintensiver, und es ist viel Handarbeit“, sagt Roland Beer. Zudem staubte der Lehm entsetzlich, die Beers bekamen ihn kaum aus Haaren und Kleidung. „Wir haben vier Staubsauger damit kaputtgemacht“, sagt Christiane Beer.

Mitgeredet hat auch ein Fledermausgutachter. Am Ende verfügte das Bauamt aber nur, dass Nistkästen aufgehängt werden müssten. Eingezogen ist bisher kein tierischer Gast, und auch kein menschlicher. Erst jetzt beginnen die Beers mit der Vermietung. Eine erste Buchung gibt es schon, ein Ehepaar aus Oldenburg möchte sich Lorsbach anschauen.