Opel Corsa GSE: 207 kW starker Hot Hatch ab 39.900 Euro
Sportliche Kleinwagen waren jahrzehntelang eine Sache von Turbomotoren, straffen Fahrwerken und sichtbaren Endrohren. Bei Opel liefen diese Modelle ab 1988 unter dem Kürzel GSi, ab 2007 dann unter OPC, was für ...
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Sportliche Kleinwagen waren jahrzehntelang eine Sache von Turbomotoren, straffen Fahrwerken und sichtbaren Endrohren. Bei Opel liefen diese Modelle ab 1988 unter dem Kürzel GSi, ab 2007 dann unter OPC, was für Opel Performance Center steht, die hauseigene Motorsportabteilung. Mit dem Auslaufen der letzten OPC-Modelle blieb offen, ob es diese Gattung im Elektrozeitalter überhaupt noch geben würde. Opel beantwortet die Frage nun mit dem Opel Corsa GSE, der in Deutschland 39.900 Euro kosten soll. Zur dynamischen Fahrvorstellung lud der Automobilhersteller Mitte August nach Pachfurth in Österreich, wo neben rund 65 Kilometern Landstraße im Umland von Wien auch Runden auf dem dortigen Driving Camp auf dem Programm standen.
Bemerkenswert ist dabei vor allem der Preis, wie die Marke selbst einordnet. Nach Angaben von Opel liegt der GSE nur wenige Tausend Euro über einem voll ausgestatteten Serien-Corsa. Wer das Basismodell ohnehin in der oberen Ausstattung bestellt, zahlt für 207 kW (281 PS) also einen überschaubaren Aufschlag. Genau daran wird sich zeigen, ob der elektrische Alltagssportler ein Nischenmodell bleibt oder eine echte Alternative zu den Verbrennern von einst wird.

Wie ernst es der Marke damit ist, zeigte schon die Kulisse. Opel hatte für den Termin die gesamte GSE-Welt an einem Ort versammelt, von den historischen GSi- und OPC-Modellen über den Mokka GSE bis zum Rallyefahrzeug Mokka GSE Rally und den Motorsportaktivitäten in der Formel E. Der Corsa GSE stand damit nicht als isolierte Neuvorstellung da, sondern als jüngster Eintrag in einer Reihe, die seit 1988 fortgeschrieben wird.
Technisch greift Opel auf bereits vorhandene Komponenten zurück. Motor, Inverter, Batterie und Kabelbaum sind nach Herstellerangaben identisch mit dem Mokka GSE und dessen Rallye-Ableger. Der Synchronmotor leistet 207 kW (281 PS) und stellt 345 Newtonmeter bereit, dreht bis 15.200 Umdrehungen pro Minute und soll den Sprint auf 100 km/h in 5,5 Sekunden erledigen. Bei 180 km/h ist Schluss. Sämtliche Werte sind vorläufig, das Auto ist noch nicht homologiert.

Die Energie stammt aus einem Lithium-Ionen-Akku mit 54 kWh Gesamtkapazität, von denen 51 kWh nutzbar sind. Die Reichweite hängt dabei spürbar an der Bereifung: Mit den serienmäßigen Michelin Pilot Sport 4S in der Dimension 215/40 R18 nennt Opel 354 Kilometer nach WLTP, mit den optional angebotenen Hankook Ventus S1 Evo 3 sind es rund 20 Kilometer mehr. Drei Fahrmodi stehen zur Wahl, die sich vor allem über die Leistungsfreigabe unterscheiden. Sport gibt alles frei, Normal begrenzt auf 170 kW (231 PS), Eco auf 140 kW (190 PS) und 300 Newtonmeter bei maximal 150 km/h.
Wenn das Gewicht zur eigentlichen Geschichte wird
Produktmanagerin Helen Walter rückte bei der Präsentation weniger die absolute Leistung als das Verhältnis zum Gewicht in den Vordergrund. Mit 1554 Kilogramm ohne Fahrer ergebe sich ein Leistungsgewicht von 181 PS pro Tonne. „181 PS pro Tonne mit diesem Leistungsgewicht und der Beschleunigung von 5,5 Sekunden sind wir hier im Wettbewerb am stärksten“, sagte sie mit Blick auf eine Vergleichsfolie mit drei namentlich nicht genannten Konkurrenten.

Der Blick zurück relativiert diese Rechnung allerdings. Der Corsa A GSi von 1988 kam mit 74 kW (100 PS) auf 820 Kilogramm und damit auf ein ähnliches Verhältnis, ohne dass jemand ihn als Leistungswunder gehandelt hätte. Was sich in knapp vier Jahrzehnten verschoben hat, ist nicht in erster Linie die Effizienz des Antriebs, sondern die Masse, gegen die er arbeiten muss. Der elektrische Corsa wiegt fast doppelt so viel wie sein Urahn und braucht die dreifache Leistung, um in eine andere Beschleunigungsklasse zu kommen. Genau daraus ergibt sich die Aufgabe für das Fahrwerk.
Ein Fahrwerk, das den Corsa neu vermisst
Wie viel Arbeit in der Basis steckt, erläuterte Fahrwerksexperte Dr. Christian Hartweg. Die Karosserie liegt 25 Millimeter tiefer, die Spur wächst vorne um 54 und hinten um 20 Millimeter. An der Hinterachse sitzen neue Buchsen und ein zusätzlicher Stabilisator, die Federraten stiegen hinten um 30 und vorne um etwa 70 Prozent. Unter dem Strich nennt Opel eine um 21 Prozent höhere Rollsteifigkeit gegenüber dem Serienmodell.

Dazu kommt ein mechanisches Sperrdifferenzial an der angetriebenen Vorderachse, das beim Beschleunigen bis zu 38 Prozent und beim Verzögern 28 Prozent Sperrwirkung erreicht. Die Vorderachskinematik wurde überarbeitet, die Lenkung sportlicher kalibriert, in den Stoßdämpfern sitzen hydraulische Anschläge, die das Auto nach tiefen Fahrbahnschäden schneller in die Kontrolle zurückholen sollen. Verzögert wird über eine Vier-Kolben-Anlage von Alcon, deren gelbe Sättel hinter den Dreispeichenfelgen sichtbar bleiben.

Die Batteriekühlung stammt nach Angaben des Entwicklers ebenfalls aus dem Rallyesport und soll die Temperaturen auch bei wiederholten schnellen Runden im Griff behalten. Gegenüber dem Mokka GSE fällt der Corsa flacher, kürzer und leichter aus, der Schwerpunkt sinkt um etwa 40 Millimeter. Eine eigenständige Abstimmung erhält ausschließlich der Sportmodus, in dem auch das ESP mehr Schwimmwinkel zulässt. In Eco und Normal entspricht die Kalibrierung von Lenkung, Bremse und Regelsystem dem Basis-Corsa. Ein Detail, das Gewöhnung verlangt: Im Sportmodus schaltet Opel die Rekuperation ab.
Drei Runden Pachfurth und ein klarer Eindruck
Auf dem Handlingkurs des Driving Camp ließ sich der Anspruch dort überprüfen, wo er sich am ehesten zeigt, nämlich am Kurvenausgang. Gefahren wurde im Sportmodus, ohne zugeschaltete B-Stufe, über eine Einführungsrunde, drei Runden und eine Auslaufrunde. Die Höchstgeschwindigkeit blieb bei 110 km/h, was den Blick zwangsläufig auf Traktion und Lastwechsel lenkte statt auf die Gerade.

Der tiefe Schwerpunkt ist dabei kein Datenblattargument, sondern spürbar. Das Auto liegt satt, folgt Lenkbefehlen ohne nennenswertes Wanken und ließ sich im gefahrenen Tempofenster nicht zum Übersteuern provozieren. Wer den elektrischen Kleinwagen als nervöses Kraftpaket erwartet, wird eher überrascht: Die Auslegung wirkt auf Sicherheit gebaut, nicht auf Grenzbereichsspiele. Auch die abgeschaltete Rekuperation fügte sich stimmig ein, weil die Bremse fein dosierbar bleibt und der Übergang zwischen Verzögern und Beschleunigen dadurch berechenbar wird.
Auf den rund 65 Kilometern rund um Wien, überwiegend Landstraße mit kurzen Autobahn- und Stadtpassagen, setzte sich dieser Eindruck fort. Weder Untersteuern noch ein nervöses Heck traten in Erscheinung, das Auto blieb in jeder Situation berechenbar. Darin liegt die eigentliche Leistung des Fahrwerks: Es macht die 207 kW im Alltag unspektakulär beherrschbar, ohne den sportlichen Charakter zu verwässern.

Der Bordcomputer zeigte nach dieser Etappe trotz betont zügiger Fahrweise 16,7 kWh pro 100 Kilometer an, allerdings unter nahezu idealen Bedingungen für ein Elektroauto. Einen offiziellen WLTP-Verbrauch für den Corsa GSE nennt Opel bislang nicht.
Ein Klang, der bewusst gesetzt wurde
Mit dem Corsa GSE führt Opel zudem eine eigene akustische Markensprache ein. Der aktive Sport-Sound entstand in Rüsselsheim, reagiert auf Geschwindigkeit und Fahrmodus und wird im Sportmodus deutlich präsenter, während er in Eco und Normal in den Hintergrund tritt. Abschalten lässt er sich jederzeit. Auf der Rennstrecke passte er zum Auto und unterstützte die Rückmeldung des Antriebs, im täglichen Betrieb dürfte die Bewertung stärker vom persönlichen Geschmack abhängen. Walter kündigte an, das Konzept in künftigen Modellen weiterzuentwickeln.

Weniger überzeugend fällt der digitale Auftritt aus. Die Bedienoberfläche wirkt in Aufbau und Gestaltung angestaubt und passt damit nicht zum sportlicheren Anspruch des Modells, obwohl gerade der zentrale Touchscreen mit den GSE-Performance-Anzeigen bei der Präsentation als Highlight herausgestellt wurde. Über einen Klick lassen sich dort G-Kräfte, Drehmomentverteilung und Batteriedaten abrufen, die Darstellung selbst hätte eine Überarbeitung vertragen, und sei es nur eine optische. Angesprochen oder eingeordnet wurde das Thema vor Ort nicht.
Optisch bleibt dagegen wenig Interpretationsspielraum. Schwarze Verkleidungen an den verbreiterten Radhäusern, schwarzes Dach, schwarzer Heckspoiler und spezifische Schürzen an Front und Heck trennen den GSE sichtbar vom Serienmodell. Innen sitzen Fahrer und Beifahrer auf Alcantara-Performance-Sitzen, deren Karo-Stoffeinsätze in Schwarz, Grau und Gelb eine Anleihe beim Corsa A GT sind. Gelbe Gurte, ein Alcantara-Lenkrad und gelbe Nähte an Türeinsätzen und Armlehne setzen das Thema fort.


Beim Ausstattungsumfang setzt Opel auf ein Komplettpaket ab Werk. Navigationssystem, 180-Grad-Rückfahrkamera, adaptiver Geschwindigkeitsregler, Keyless Entry, beheizbare Sitze und ein bidirektionaler Onboard-Charger für V2L (mit Zubehöradapter) gehören zum Serienumfang. Walter fasste diese Strategie so zusammen, dass vieles, was bei anderen Anbietern auf der Aufpreisliste steht, beim Corsa GSE zum Lieferumfang gehört. Der Konfigurator wird damit schlanker, die Vergleichbarkeit mit Wettbewerbern allerdings auch schwieriger.
Zwischen Rüsselsheim und dem Pariser Salon
Historisch reiht sich der Neuzugang in eine lange Linie ein. Seit 1982 verkaufte Opel mehr als 15 Millionen Corsa, in Deutschland und Großbritannien führt das Modell die Kleinwagenstatistik an, und jede Generation hatte ihre scharfe Variante. Auf den GSi von 1988 folgten der Corsa B GSi 16V mit 80 kW (109 PS) und der Corsa C GSi mit 92 kW (125 PS), ab 2007 übernahm das Kürzel OPC. Den bislang stärksten Corsa stellte 2010 die OPC Nürburgring Edition mit 154 kW (210 PS), 6,8 Sekunden auf 100 km/h und 230 km/h Spitze. Diese Marke fällt nun, wenn auch bei deutlich niedrigerer Höchstgeschwindigkeit.


Eingebettet war die Fahrvorstellung in eine Bestandsaufnahme der Marke. Opel-Deutschland-Chef Patrick Dinger nannte 313.000 verkaufte Autos weltweit im ersten Halbjahr, in Europa entspricht das einem Wachstum von knapp zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, getragen vor allem von Grandland, Frontera und Mokka. Parallel bestätigte er, dass die nächste Astra-Generation in Rüsselsheim gebaut wird und bis 2030 vier neue Modelle folgen, darunter ein dort entwickeltes SUV der Kompaktklasse.
Bestellbar sein soll der Corsa GSE ab September, die Messepremiere ist für den Pariser Automobilsalon im Oktober vorgesehen, wie das Unternehmen mitteilt. Bis dahin bleibt die Homologation offen, und mit ihr die verbindlichen Werte für Reichweite und Verbrauch.
Disclaimer: Opel hat zum Kennenlernen des Opel Corsa GSE nach Wien, Österreich eingeladen. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung.