Am grünen Strand der Spree: Roman über NS-Massenmorde
Vor 70 Jahren war der Sommer beständiger als heute: angenehme Tagestemperaturen zwischen 20 und 26 Grad, meistens sonnig. Abgesehen davon, dass im Juli 1956 in der jungen Bundesrepublik die Wehrpflicht in Kraft...
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Vor 70 Jahren war der Sommer beständiger als heute: angenehme Tagestemperaturen zwischen 20 und 26 Grad, meistens sonnig. Abgesehen davon, dass im Juli 1956 in der jungen Bundesrepublik die Wehrpflicht in Kraft getreten war, waren es politisch ruhige Monate. In der entschleunigten Atmosphäre der Sommerferien gingen viele Bundesbürger ihrem Alltag nach. Die tägliche Zeitungslektüre und das Radiohören durften dabei nicht fehlen. Unscheinbar und von kaum jemandem wahrgenommen, wurden in jenen Wochen unten auf der zweiten Seite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie im Kurz- und Mittelwellenbereich des Südwestfunks die Regeln des Erzählbaren in Bezug auf die deutschen Massenverbrechen im Zweiten Weltkrieg verhandelt.
Von Juni bis September 1956 brachte die F.A.Z. nämlich den Fortsetzungsroman „Am grünen Strand der Spree“. Es war der erste und zugleich einzige Roman von Hans Scholz, der als Maler begonnen hatte, dann aber eine schriftstellerische und journalistische Karriere einschlug. Die Entscheidung des damaligen Feuilletonleiters Karl Korn, den Roman in der Zeitung abzudrucken, war ungewöhnlich, denn er war schon ein Jahr zuvor als Buch erschienen. Noch im selben Sommer, in dem der Roman in der F.A.Z. zu lesen war, sendete der Südwestfunk eine fünfteilige Hörspielinszenierung. Auf der Hörspielfassung basierte später die Fernsehverfilmung, die im Frühjahr 1960 im Deutschen Fernsehen, dem damals einzigen Kanal, lief.

Alle Fassungen von „Am grünen Strand der Spree“ stellen einen Männerabend in der West-Berliner Jockey-Bar dar – einen Stammtisch de luxe. Wie im „Decamerone“ erzählen sich die Teilnehmer der Runde Geschichten. Sie spielen alle zwischen 1934 und 1954. Der Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg und die frühe Nachkriegszeit sind somit in der Handlung stets präsent. Es geht unter anderem um den Ostfeldzug, die Ermordung russischer Partisanen, einen deutschen Deserteur in Norwegen, einen Vertriebenen, der nun im Spreewald lebt, den Überfall auf Polen oder das Musizieren in einem Kriegsgefangenenlager.
Die Geschichten sind von Anekdoten und Witzen aus der Jockey-Bar durchflochten und werden mit viel Alkohol übergossen. Es geht oft um die schwierige Kriegsvergangenheit – und doch werde zu Heiterkeit und Freude ermuntert, schrieben die Literaturwissenschaftler Stefan Scherer und Moritz Baßler in einem im Jahr 2020 erschienenen Sammelband über den Roman.
Die tatsächlichen Täter werden nicht genannt
Aus heutiger Perspektive ist vor allem die erste Geschichte des Romans einer neuerlichen Betrachtung wert. Darin erzählt der Soldat Jürgen Wilms – das Alter Ego des Autors, der von 1911 bis 1988 lebte – von seinem Einsatz im besetzten Polen und seinen anschließenden Erlebnissen an der Ostfront. Nichts Besonderes in der Literatur der Fünfzigerjahre, möchte man meinen. Doch das Kapitel endet mit der detaillierten Beschreibung einer Massenerschießung von Juden in der belarussischen Stadt Orscha: „Rückten immer gruppenweise vor, vier, vielleicht fünf Personen, familienweise (…) und schritten bis zum Rand vor. (…) Lettische Zivilisten waren das mit weißen Binden. (…) Ins Genick jeweils, ins Genick. Kleine Peitschenschläge. Ging schnell. Winkten schon die Nächsten heran. (…) Ein jeglicher zu seinem Schützen. Deutsche Polizisten führten die Aufsicht in alten, grünen Uniformen.“
Die Schilderung des Massakers erstreckt sich über elf Seiten und entspricht weitgehend den historischen Ereignissen vom 26. und 27. November 1941, als das Ghetto in Orscha „liquidiert“ wurde – bis auf ein wichtiges Detail: dass die Schützen Letten gewesen seien. Es waren Mitglieder des aus Deutschen bestehenden Einsatzkommandos 8, die damals am Rande der Stadt ungefähr 1.800 Juden erschossen. Es war eines von Hunderten, wenn nicht gar Tausenden derartigen Massenverbrechen in der besetzten Sowjetunion. Aktuellen Schätzungen zufolge wurden auf diese Weise ungefähr 1,5 Millionen Juden ermordet.
In einigen Fällen waren einheimische Helfer an den Erschießungen beteiligt. In der Gegend von Orscha hatte es jedoch keine lettischen Kollaborateure gegeben. Wollte der Autor die deutsche Täterschaft also vertuschen? Sicherlich passte er auf diese Weise sein Narrativ an die damals herrschenden Diskursregeln an. Nichtsdestoweniger gibt es im Text zahlreiche Hinweise auf die tatsächlichen Täter: So führen etwa deutsche Polizisten die Aufsicht und Wehrmachtsoldaten tauschen sich über einen Kameraden aus, der „schoß als Komplice“. Die SS bleibt ebenfalls nicht unerwähnt.
Widerstände gegen den Roman
Nicht nur das Bild der Täter ist interessant. Für den damaligen Umgang mit der Kriegsvergangenheit ungewöhnlich, betont „Am grünen Strand der Spree“ den besonderen Opferstatus der Juden. Zum Vergleich: Noch ein Jahrzehnt später verzichtete Peter Weiss in seinem einflussreichen Drama „Die Ermittlung“ auf die Verwendung des Wortes „Jude(n)“. Ferner liefert Scholz die bis dato umfangreichste Beschreibung eines Massenmords abseits der Lager und schildert viele Details des Massakers, wie etwa grausame Morde an Kindern oder das Verscharren von Leichen in Betonröhren, weil die Grube zu klein war (ein Spezifikum des realen Massakers in Orscha). Mit klaren Worten benennt er zudem die NS-Rassenideologie, die von einem antisemitischen Wehrmachtsoldaten namens Jaletzki personifiziert wird, der vom „dreckigen Judenlümmel“ spricht.
In allen Fassungen steht der Erzähler, Jürgen Wilms, am Rand der Grube und ermahnt sich selbst: „Sieh hin, zum Donnerwetter noch einmal!“ Was nach einem moralischen Impetus klingt, ist auch ein Signal für seine unmittelbare Augenzeugenschaft. In der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit der Fünfzigerjahre war so etwas alles andere als selbstverständlich: Ein Wehrmachtsoldat gibt offen zu, Massenerschießungen von Juden beobachtet zu haben.

Der Autor Scholz betonte mehrfach, er könne nicht über etwas schreiben, dem er nicht selbst beigewohnt habe. Im November 1941 diente er im Kraftwagen-Transport-Regiment 605 und gehörte zu den vielen Schaulustigen, die – entgegen der verbreiteten Auffassung, die Massenerschießungen hätten im Verborgenen stattgefunden – bei selbigen zugesehen haben. Auch ein gewisser Willy Kirst von der Kesselwagenkolonne 706 schaute zu. „Ich ging ein Stück an den Erschießungsort heran, um mir ein eigenes Bild von dem dortigen Geschehen machen zu können,“ schrieb er 1964 an die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen.
Auslöser war ein Zeitungsartikel über die Verurteilung von Hans Graalfs, einem Mitglied des Einsatzkommandos 8, wegen eines anderen Verbrechens. Kirst beschloss, die Ermittler über das Massaker in Orscha zu informieren – doch angesichts der Tatsache, dass Graalfs gerade eine Haftstrafe angetreten hatte, griffen sie das Thema nicht weiter auf. Auch im Verfahren gegen die Führung des Einsatzkommandos 8 im Jahr 1961 vor dem Münchner Landgericht spielte die Massenerschießung der Juden aus Orscha nur eine untergeordnete Rolle; zudem wurde die Anzahl der Opfer erheblich unterschätzt. Das Verbrechen blieb praktisch ungesühnt.
Der Rowohlt Verlag, an den sich Scholz zunächst wandte, lehnte das Manuskript ab. Dass das Buch schließlich in seiner Gesamtheit bei Hoffmann und Campe erscheinen konnte, war ein Verdienst der dortigen Lektorin Harriet Wegener. Ihr Kollege Otto Görner hatte die Streichung der Passage über die Massenerschießung gefordert. Nur dank Wegeners Entschlossenheit blieb dem Roman das gleiche Schicksal erspart, das Erich Maria Remarques Zeit zu leben und Zeit zu sterben widerfahren war. Etwa zur selben Zeit ließ nämlich der Verlag Kiepenheuer & Witsch Textstellen über die von den Deutschen verübten Massenmorde streichen. Was Wegener damals nicht gewusst haben konnte, war die Tatsache, dass Görner ein engagierter Nationalsozialist der ersten Stunde war – seit 1933 Mitglied in der NSDAP und SA. Nach mehreren Überarbeitungsschleifen, die größtenteils andere Kapitel betrafen, erschien „Am grünen Strand der Spree“ schließlich im September 1955.
Die ausgebliebene Irritation
Der Germanist Norman Ächtler sieht in Scholz’ Darstellung des Massakers ein „Irritationspotential“ für das gesellschaftliche Kommunikationssystem der Fünfzigerjahre. Zu einer solchen „Irritation“ kam es allerdings nicht, da sich die bundesdeutsche Öffentlichkeit eher in Schweigen hüllte. Die erste Rezension des Buches schrieb Hans Schwab-Felisch für „Die Zeit“. Er lobte die Art, wie der Autor unterschiedliche Geschichten miteinander verknüpfe und dabei „das Berliner Idiom beherrscht“. Auf die Szene in Orscha ging er lediglich mit einem Satz ein: Der Krieg werde „mit all seinen Scheußlichkeiten und Verbrechen“ geschildert.
Damit setzte Schwab-Felisch den Maßstab für spätere Rezensionen, in denen die Schilderung des Massakers lediglich mit nebulösen Äußerungen angedeutet wurde. Auch der damalige Starkritiker Friedrich Luft folgte dieser Rhetorik. In seiner recht umfangreichen Besprechung für „Die Welt“ erwähnte er den Bericht von Wilms nur in einem, vage formulierten Satz: „Da steht unversehens eine ganze arge Epoche des doppelten Gewissens wieder auf, ein Dilemma in Feldgrau.“ In den zahlreichen Leserbriefen an den Autor und seinen Verlag wurde den Bildern aus Orscha noch weniger Aufmerksamkeit gewidmet.

Dass diese Lesart auf den größeren Rahmen der bundesrepublikanischen Geschichtskultur zurückzuführen ist, zeigt die Rezeption des Romans in der DDR. Offiziell zwar nicht verfügbar, erreichte „Am grünen Strand der Spree“ schnell die „Ostzone“. Während westdeutsche Kritiker und Leser die Beschreibung des Massakers von Orscha kleinredeten, erwecken die wenigen ostdeutschen Quellen den Eindruck, als gäbe es außer dem ersten Kapitel nichts weiter Erwähnenswertes. Der Antifaschismus der DDR bot offenbar einen diskursiven Rahmen, innerhalb dessen es möglich war, die NS-Kriegsverbrechen zumindest zu benennen.
Erst nach dem Abdruck in der F.A.Z. setzten zwei westdeutsche Kritiker der jüngeren Generation, Joachim Kaiser und Helmut Kreuzer, andere Akzente. Im Gegensatz zu früheren Rezensenten hatten sie aus der NS-Zeit lediglich Kindheits- und Jugenderinnerungen und konnten sich mit den Protagonisten des Romans kaum noch identifizieren. Kreuzer schrieb demnach: „[Wilms] wird ohnmächtiger Zeuge einer Massenerschießung. Seine Abscheu und sein Mitleid (…) rechtfertigen seine Machtlosigkeit, entlasten ihn und mit ihm den Leser.“ Als einziger erkannte er das zentrale Problem an der Schilderung aus Orscha, indem er polemisch fragte: „Wer mordet? Antwort: lettische Zivilisten.“ Eine umfangreichere Diskussion über das Buch blieb jedoch aus.
Die Fernsehfassung als Straßenfeger
Zum Hörspiel sind noch weniger öffentliche Reaktionen überliefert. Inszeniert wurde es von dem legendären Rundfunksprecher und -regisseur Gert Westphal. Die Erschießungsszene dauerte elf Minuten und wurde durch eine Geräuschkulisse aus Schüssen und Schreien ergänzt. Schätzungsweise hörte eine halbe Million Menschen zu. Obwohl sich über die Rezeption des Hörspiels wenig sagen lässt, war es sicherlich ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zur Fernsehverfilmung.
1959 meldete sich unerwartet Hanns Hartmann, Intendant des Nord- und Westdeutschen Rundfunkverbands (NWRV), bei Hoffmann und Campe und erwarb eine Lizenz fürs Fernsehen. Wie im Hörspiel wurde der Text gekürzt und in fünf Folgen aufgeteilt. Die Szene in Orscha wurde hingegen erweitert. Die Ausstrahlung der ersten Folge fand am 22. März 1960 statt. Eine Woche zuvor hatte sich Hartmann an den Verwaltungsrat des NWRV gewandt und angekündigt, dass die Episode über Jürgen Wilms „zu harten Kontroversen führen“ könne. Er habe mit Regisseur Fritz Umgelter lange darüber diskutiert, „nicht ob, sondern wie“ die Szene in Orscha zu drehen sei. Zum Schluss warnte er: „Die Sendung dürfte die härteste Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit sein, die bisher über die Bildschirme des Deutschen Fernsehens gegangen ist.“
Die Ausstrahlung stellte sich als „Straßenfeger“ heraus. So bezeichnete man damals Sendungen, die dazu führten, dass die Straßen wie leer gefegt waren. Sie erreichte eine Zuschauerquote von 83 Prozent, was ein Publikum von 7,5 bis neun Millionen Zuschauer ergab. Genauere Berechnungen liegen für die frühen Sechzigerjahre nicht vor. Die Szene in Orscha dauerte ganze 22 Minuten, also knapp ein Viertel der Sendezeit der ersten Folge, und war die erste Darstellung des Holocaust im deutschen Fernsehen. Anders als in der Literaturvorlage handeln die Letten in der Verfilmung „im Dienste der deutschen Wehrmacht“, werden aber von einem SS-Mann angeführt. Um den Trennungscode zwischen der „sauberen Wehrmacht“ und der SS aufrechtzuerhalten, wurde der SS-Mann als außergewöhnlich psychopatisch überzeichnet. Als einziger Verantwortlicher lässt er die Opfer wie auf einer Bühne aufstellen und gibt den Schützen das Zeichen zum Schuss.
Wütende Reaktionen des Publikums
Kritiker und Zuschauer reagierten diesmal ganz anders als nach der Veröffentlichung des Buches fünf Jahre zuvor. Es folgte eine Flut an Besprechungen, die sich alle auf die Schilderung des Massakers konzentrierten – kein Wunder, zumal die erste Folge nicht die ganze Handlung, sondern nur die Erlebnisse von Jürgen Wilms beinhaltete. Die Rezensenten attestierten dem Film eine „innere Wahrheit“. Es wiederholten sich Beschreibungen wie „kompromisslose Ehrlichkeit“, „schonungslose Realistik“ oder „entsetzliche Lebensnähe“. Die Mehrheit der Rezensenten nannte aber keine Täter und neigte zu ausweichenden Passivkonstruktionen wie etwa: „Jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden erschossen“. Kaum jemand hinterfragte die Darstellung eines deutschen Soldaten als Zeuge eines Massenmords, der – wenn auch im Auftrag der Deutschen – von einem lettischen Erschießungskommando verübt wurde. Das Gros der Besprechungen war mehrheitlich positiv; man schrieb von der Notwendigkeit einer „bitteren Abrechnung“ und einer „Auseinandersetzung mit dem Gestern“.
Woher der Wandel in der öffentlichen Reaktion? Die Fernsehkritiker des Jahres 1960 verfügten offenbar bereits über einen neuen Wortschatz zum Thema „Vergangenheitsbewältigung“. Besonders die Jahre 1958 und 1959 waren reich an Ereignissen gewesen, die den neuen Sprachgebrauch prägten, wie der Ulmer Einsatzgruppenprozess von 1958, die darauffolgende Gründung der Zentralen Stelle in Ludwigsburg sowie die antisemitische Schmierwelle in Köln von 1959 zeigen. Im selben Jahr wurde der Film „Rosen für den Staatsanwalt“ von Wolfgang Staudte uraufgeführt, der die Kontinuität der NS-Justiz in der Bundesrepublik thematisierte. Schließlich debattierte die Literaturwelt über Neuerscheinungen wie „Die Blechtrommel“ von Günter Grass oder „Billard um halb zehn“ von Heinrich Böll. Es folgten Diskussionen, in denen oft Stichwörter wie „Abrechnung“, „Auseinandersetzung“ oder „Bewältigung“ vorkamen, konkrete Täter und Opfer aber kaum benannt wurden. Dieser Sprachduktus prägte den Diskurs über die NS-Vergangenheit auch in den darauffolgenden Jahren.
Dieser vermeintliche Diskurswandel blieb jedoch recht oberflächlich. Ein Beispiel dafür, dass „gewöhnliche“ Deutsche ganz anders über die „Abrechnung“ dachten, sind die Zuschauerreaktionen auf „Am grünen Strand der Spree“, die sich dank einer Umfrage des Infratest-Instituts sowie einiger erhaltener Zuschauerbriefe rekonstruieren lassen. Viele sprachen von „Nestbeschmutzung“ und „Ruhestörung“. Sie zeigten sich ob der „grauenhaften“ Bilder irritiert – mehr noch ob der Tatsache, dass der Film „öffentlich im Schuldbuch der Deutschen herumblätterte“. Sie brachten ihre Betroffenheit im doppelten Sinne zum Ausdruck und präsentierten sich sowohl als Opfer des Hitlerregimes als auch der Fernsehbilder, die sie „vom Bildschirm ansprangen“. Einige argumentierten zudem, dass „die Judenerschießungen (...) zu breit angelegt waren“ oder man „das Geschehen von damals endlich ruhen lassen“ solle. Die Empörung der Zuschauer zeigt allerdings auch, dass sie genau wussten, für wen die lettischen Schützen in der Erschießungsszene in Wahrheit standen – für deutsche Täter nämlich.
„Schwieg. Schäme mich.“
Die Spaltung zwischen öffentlichem und privatem Diskurs deutet auf die Entwicklung einer „doppelten Erinnerungskultur“ hin, deren Existenz Aleida Assmann noch mehr als ein halbes Jahrhundert später in ihrem Buch „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“ diagnostizierte. Die empörten Zuschauer von damals waren Vorreiter der radikalisierten Bürger, die heute am rechten Rand des politischen Spektrums ähnliche Meinungen im Internet posten. Nur hatten die entrüsteten Zuschauer damals weitaus weniger Zugang zur Öffentlichkeit. Da waren derartige Stimmen allerdings schon immer.
Zeitgenössische Medien- und Literaturwissenschaftler, die sich gelegentlich mit „Am grünen Strand der Spree“ beschäftigen, sprechen von einem vergessenen Werk, das es verdiene, wiederentdeckt zu werden. Ist es tatsächlich so vergessen? Der Roman erschien in einer Auflage, die insgesamt etwa 200.000 Exemplare umfasste, außerdem wurde er in der FAZ abgedruckt. Dies ist zwar kein Vergleich mit den Bestsellern jener Zeit wie Hans Hellmut Kirsts Trilogie 08/15 oder Heinz Konsaliks „Der Arzt von Stalingrad“, deren Gesamtauflagen in die Millionenhöhe gingen, dennoch stehen sicherlich noch Tausende Exemplare von „Am grünen Strand der Spree“ in deutschen Bücherregalen.
Nach heutigen Maßstäben handelt es sich bei dem Roman allerdings nicht um ein literarisches Meisterwerk. Scholz orientierte sich an seinen eigenen Erlebnissen und abstrahierte kaum von realhistorischen Figuren. Abgesehen von der – wohl auch aufgrund ihrer Realitätsnähe – außergewöhnlichen Erschießungsszene bedient das Buch zahlreiche Klischees: So seien die Landschaften in Polen und in der Sowjetunion in ihrer Natürlichkeit zwar beeindruckend und die Frauen schön, aber insgesamt stinke der Osten, die Menschen dort seien verdreckt und unzivilisiert. Angesichts dieses kolonialen Blicks, den der Erzähler an mehreren Stellen verteidigt, ist es gar nicht so bedauernswert, dass das Buch seit über vierzig Jahren nicht mehr nachgedruckt wurde.
Hingegen findet die Verfilmung in fast allen Nachschlagewerken zur deutschen Fernsehgeschichte Erwähnung als „Meilenstein“. Zweifelsohne hat sie die Bildsprache im Hinblick auf Darstellungen des Holocaust mitgeprägt. Dazu gehören Ikonen wie Schuhberge, Güterwaggons (die weder im realhistorischen Orscha noch in der Literaturvorlage vorkamen) oder der psychopatische SS-Mann. Ähnlich wie 1978 in der vierteiligen Fernsehserie „Holocaust“, in der das Massaker von Babyn Jar dargestellt wird, sitzt der SS-Mann am Grubenrand und beobachtet das Geschehen von oben. Einen eindeutigen Beleg dafür, dass die Produzenten der amerikanischen Serie „Am grünen Strand der Spree“ kannten, gibt es nicht, doch lassen zahlreiche Ähnlichkeiten des Bildrepertoires eine solche Vermutung zu.
Ende der Siebzigerjahre wurde „Holocaust“ vom deutschen Publikum mehrheitlich angenommen. Daraus resultierte eine Zunahme des öffentlichen Interesses an der Geschichte der Vernichtung der Juden. „Am grünen Strand der Spree“ hatte dafür noch nicht die nötige Schlagkraft. Zum einen thematisierte nur eine Folge von fünf die Massenverbrechen, zum anderen bedienten sich alle Fassungen mehrheitstauglicher Narrative: Die Schuld wurde den Nichtdeutschen (Letten) zugeschoben, die Verantwortung lag bei der SS, die Wehrmachtsoldaten wurden wiederum als tapfere Helden stilisiert, die bestenfalls der Tatenlosigkeit beschuldigt werden können. Der erwähnte „Komplice“ war die Ausnahme, die die Regel bestätigte. Doch selbst in diesem Narrativ gab es Risse: Jürgen Wilms erkennt den Sonderstatus der Juden als Opfergruppe an und will „dem Jahrhundert ins Gesicht sehen“. Am Ende der Geschichte bedauert er seine Passivität. Er wiederholt: „Schwieg. Schäme mich. (…) Schwieg. Schäme mich.“
Auch wenn das Urteil über den Beitrag von „Am grünen Strand der Spree“ zur westdeutschen Erinnerungskultur gemischt ausfällt, bleibt eines klar: Obgleich kaum öffentlich thematisiert, waren die Massenerschießungen osteuropäischer Juden in den Fünfzigerjahren kein Geheimnis. Weder im Roman, Hörspiel und Film noch in den Rezensionen und Leserbriefen zeigte sich jemand überrascht. Alle schienen zu wissen, worauf sich die Szene in Orscha bezog. Das Thema war zwar unbequem, verwunderte aber niemanden.
Kurze Zeit nach der Ausstrahlung der Fernsehverfilmung überschatteten andere Ereignisse die Erinnerung an „Am grünen Strand der Spree“: Die Übertragung des Eichmann-Prozesses 1961 sowie der Auftakt der Frankfurter Auschwitz-Prozesse 1963. Beide Ereignisse lenkten die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Verbrechen in den Konzentrationslagern. Der Holocaust abseits der Lager blieb jahrzehntelang ein Randthema, wodurch der Eindruck entstand, die Juden seien ausschließlich auf industrielle Weise – hinter hohen Mauern und Stacheldrähten, in Gaskammern und Baracken – ermordet worden, wohin sie mit dicht abgeschlossenen, von der deutschen Bevölkerung abgeschirmten Güterzügen gebracht worden waren.
Darüber, dass deutsche Täter mindestens 1,5 Millionen Menschen nirgendwohin deportiert hatten, sondern vor den Augen zahlreicher Zuschauer an ihren Heimatorten erschossen hatten, wurde auch nach „Am grünen Strand der Spree“ kaum gesprochen. Und dennoch wussten es viele. Ob sie sich, wie Jürgen Wilms, wenigstens schämten?