Nikis „Nanas“: Berlin war wohl zu feige für diese Wuchtbrummen
Achtung – Sündenfall! Die verführerische Schlange schlängelt sich als ornamentiertes Warnzeichen die Galeriewand hinauf. Nur gibt es keinen Apfel. Keinen Baum der Erkenntnis. Keinen Adam. Und statt Eva stehen d...
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Achtung – Sündenfall! Die verführerische Schlange schlängelt sich als ornamentiertes Warnzeichen die Galeriewand hinauf. Nur gibt es keinen Apfel. Keinen Baum der Erkenntnis. Keinen Adam. Und statt Eva stehen drei riesige Wuchtbrummen auf breiten, weißen Sockeln: die „Nanas“ von Niki de Saint Phalle (1930–2002). Die ausladenden Polyester-Mosaikfiguren, benannt nach der Edelhure aus Émile Zolas Roman, tragen Köpfe ohne Gesichter. Ihre Körper sind weiß, schwarz oder silbern, jede trägt einen Badeanzug. Die Arme sind in Ekstase nach oben geworfen, sie tänzeln auf einem Bein, während das andere schwungvoll angehoben ist. Bunte, lustvolle Leibesfülle, die die Schwerkraft zu ignorieren scheint.
Nikis dunkles Geheimnis
Eine solche, von weiblichem Selbstbewusstsein strotzende Plastik, „Les Trois Grâces“, könnte seit gut 30 Jahren in der Grünanlage vor dem Berliner Haus am Lützowplatz stehen. Der „Nana-Brunnen“ hätte damals 10.000 Dollar gekostet – aus heutiger Sicht ein Schnäppchen. Hätte der Senat den Ankauf nur tatsächlich gewollt, so wie die Initiatorin Karin Pott, damals Direktorin des Kunsthauses. Sie und der Kreis der Befürworter sahen die „Nanas“ der französisch-schweizerischen Bildhauerin Niki de Saint Phalle nicht als ästhetische Provokation, sondern als Sinnbild von Freiheit und weiblichem, sich um die eigene Achse drehendem Körperbewusstsein.
Ausstellungsprolog mit Niki-Schlange
© NIKI CHARITABLE ART FOUNDATION 2026/Galerie Judin/Trevor Good
Die damals bereits schwer lungenkranke Bildhauerin hatte die Grazien-Gruppe 1993 fertiggestellt. Kurz darauf erschien ihre Autobiografie „Mein Geheimnis“. Darin erfuhr die Welt etwas Ungeheuerliches: Niki – Spitzname für Catherine – war von ihrem Vater, dem französischen Bankier und Grafen André Marie Fal de Saint Phalle, seit ihrem elften Lebensjahr sexuell missbraucht worden. Ihre gefühlskalte Mutter ignorierte dies. Mit 18 verließ Niki ihr Elternhaus, schlug sich als Fotomodell durch, heiratete, bekam zwei Kinder. Nach der Scheidung wurden Malerei und Kunst ihr Halt und Lebensweg. Das Trauma führte zu schweren psychischen Krisen, wurde aber zugleich zum zentralen Antrieb ihrer provokanten Körperkunst.
Womöglich hatten die Puritaner im Rathaus der neuen deutschen Hauptstadt Berlin davon gehört und verhinderten den Ankauf. Ohnehin waren die Stadtväter bereits mit dem politischen Streit um Christos Reichstagsverhüllung beschäftigt. Das war Spektakel genug. Wozu also noch Einsatz für einen Brunnen, dessen Name an die Edelhure aus Zolas Roman „Nana“ erinnerte? Zumal dies auch als Anspielung auf den sich kurz nach der Wende an der Ostberliner Oranienburger Straße etablierten Straßenstrich hätte verstanden werden können, über den damals sogar die New York Times genüsslich berichtete.
Die französisch-schweizerische Bildhauerin Niki de Saint Phalle 1974 in Hannover
© HAZ Archiv
Eigentlich wäre das ein Anlass, Zolas Meisterwerk über Doppelmoral, Halbwelt und Frauenpower aus dem Jahr 1880 nach so vielen Jahren wieder zu lesen. Der Roman hatte mir einst einen Eklat eingebracht, als ich ihn zurückgab – damals in der achten Klasse. Die Leiterin der Gemeindebücherei (so etwas gab es seit den 60ern selbst in der DDR-Provinz) machte der Aushilfe eine Szene. Wie könne sie einer Halbwüchsigen einen schlüpfrigen Roman über eine Dirne ausleihen? Das Argument „Zola ist Weltliteratur“ zog nicht. Ich hatte das Buch allerdings ausgelesen und war damit offenbar endgültig verdorben. Zolas Gesellschaftskritik an Gier und Verfall der französischen Oberschicht hatte ich damals nicht verstanden. Umso faszinierender fand ich den unverschämten Aufstieg des Arbeitermädchens Nana aus der Gosse auf die Bühne und in die verruchten Boudoirs – und ihre Macht über die Männer.
Auch daran erinnern mich die „Nanas“ der viel zu früh verstorbenen, legendären, mit neun Verfilmungen geehrten Bildhauerin Niki de Saint Phalle. Ihr ist diese Berliner Schau mit dem Titel „Nikifizierung“ gewidmet – nicht zuletzt wegen der hitzigen medialen Debatten um ihre „Nanas“ in den 1970er-Jahren in westdeutschen Städten und später im wiedervereinten Berlin.
Keine „Nanas“ für St. Pauli
Der Kulturkampf von 1974, der wenig später auch das doch kosmopolitische Hamburg erfasste, wo ihre Nanas nicht auf St. Pauli aufgestellt werden durften, wird an einer burgunderrot gestrichenen Galeriewand lebendig. Zu sehen sind Faksimiles von Zeitungsartikeln, Pro und Kontra, Archivfotos. Man liest sich hinein in das vermeintlich Skandalöse der freizügigen Figuren, die ebenso große Begeisterung wie heilig empörte Ablehnung hervorriefen. Sittenhüter warnten: Die hemmungslose Bildsprache der Französin mit diesen übergroßen Brüsten, Venushügeln und Hinterteilen verderbe die Jugend und sei Ausdruck unerträglicher Geschmacksverirrung.
Die Stadt Hannover hatte Niki de Saint Phalle beauftragt, für das Leibniz-Ufer an der Leine drei Figuren zu schaffen, benannt nach bedeutenden Frauen der Stadtgeschichte: Prinzessin Sophie sowie die „Bürgerlichen“ Caroline und Charlotte, Goethes „Lotte“. Ein hitziger Streit brach vom Zaun. Die Hannoversche Allgemeine richtete sogar eine Leserbrief-Rubrik ein, in der die Ressentiments explodierten. Die Darstellungen seien „frauenentwürdigend“, „normale Bürger“ hätten für so etwas kein Verständnis. Ein Leser verlangte gar, die Verantwortlichen im Rathaus müssten zur Strafe „unter Tage in eine Kohlenzeche oder (…) an die Ofenanlage eines Stahlwerkes“.
An dieser Galeriewand ist der mediale deutsche Kulturkampf um Saint Phalles wuchtige Weibsbilder belegt.
© NIKI CHARITABLE ART FOUNDATION 2026/ Galerie Judin/Trevor Good
Und die Moral von der Geschicht’: In Hannover und fast zwei Jahrzehnte später auch in Duisburg obsiegten Humor und Körperlust. „Vielleicht protestieren sie gerade, weil sie es kapieren“, kommentierte die Künstlerin damals. „Meine Nanas sind Trägerinnen einer sozialen Botschaft.“ Und weiter: Über Kunst zu streiten sei allemal besser als über Religion. Fortan wurde der öffentliche Raum ihr Arbeitsfeld. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Schweizer Bildhauer Jean Tinguely, schuf sie 1979 den Tarot-Garten in der Toskana und 1982/83 den spektakulären Strawinsky-Brunnen vor dem Pariser Centre Pompidou.
Heute sind die drei Nanas ein Wahrzeichen der niedersächsischen Landeshauptstadt. Ebenso wie in Duisburg der „Lebensretter“: ein riesiger Vogel mit blauem Federkleid und weit ausgebreiteten Schwingen – bereit, jeden Bedürftigen zu umarmen.
Vielleicht bleiben die Grazien als Leihgabe in Berlin?
Bald machte das Schlagwort „Nikifizierung“ in den Medien die Runde. Nicht zuletzt 1992 zur Eröffnung der Bundeskunsthalle Bonn, als zahlreiche bunte, voluminöse Nanas den Dachgarten des neuen Museums bevölkerten. Saint Phalle war längst populär. Eine Version der „Trois Grâces“, ursprünglich für Berlin gedacht und ihre letzte Werkgruppe, stellte acht Jahre nach ihrem Tod das National Museum of Women in Washington, D.C., demonstrativ vors Gebäude.
Soeben erfuhren wir inoffiziell, dass Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie, bei der Niki de Saint Phalle Foundation die „Trois Grâces“ nach dem Ende der Ausstellung in der Galerie Judin als Leihgabe für den Skulpturengarten erbitten will. Es wäre nur ein kurzer Transportweg über die Potsdamer Straße.
„Nikifizierung. Niki de Saint Phalle und Deutschland“, Galerie Judin, Potsdamer Straße 83 (Mercator Höfe), bis 22. August, Di–Sa 11–18 Uhr. Publikation: Walther König Verlag, Köln, 29,80 Euro
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