Neues Moskauer Museum zum Gedenken an den Genozid betreibt Geschichtsklitterung
Mit Putins Segen: Das neue Moskauer Museum des Gedenkens an den Genozid am sowjetischen Volk erzählt bekannte Narrative. Von den Terrorwellen der Dreißigerjahre weiß es allerdings so wenig wie vom Hitler-Stalin-Pakt.
- 6 min read
Einem russischen Sprichwort zufolge ist die Vergangenheit unseres Landes unvorhersehbar. Ein wichtiges neues Kapitel dieser „unvorhersehbaren Vergangenheit“ wird im ehemaligen Moskauer Gulag-Museum aufgeschlagen, das vor zwei Jahren geschlossen wurde, weil die Zensur nicht mehr erlaubt, der Repressionen unter Stalin zu gedenken. An seiner Statt wurde dort am 22. Juni, dem 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, ein neues „Museum zum Gedenken an den Genozid am sowjetischen Volk“ eröffnet. Es soll erst im Herbst für die breitere Öffentlichkeit zugänglich sein, doch schon jetzt kann man eine Gruppenführung buchen.
Die Geschichte des sowjetischen Sieges über Hitler ist wohl in allen Nuancen erzählt und erforscht worden. Jede russische Familie hat eine Kriegsgeschichte und Angehörige, die gekämpft haben. Die Propaganda kultiviert den Slogan „Wir sind die Enkel der Sieger“, und die „Siegesmuseen“ gehen in die Hunderte. Doch im neuen Museum geht es nicht um den Sieg, sondern um die zivilen Opfer der NS-Invasoren. Seit 2019 arbeitet der Leiter der Präsident Putin unterstellten Ermittlungsbehörde, Alexander Bastrykin, daran, die Morde der deutschen Invasoren an sowjetischen Zivilisten juristisch als Genozid zu qualifizieren. Viele lange bekannten Massentötungen und auch die Leningrader Blockade gelten heute als Genozid. Und es werden weiter menschliche Überreste exhumiert, Gerichtsverfahren abgehalten, die die Ergebnisse der Nürnberger Prozesse, die die Genozidfrage in der Sowjetunion nicht berücksichtigten, korrigieren sollen.

Das Gedenkmuseum wird vom Putin unterstellten Nationalen Zentrum für historisches Gedenken wissenschaftlich geleitet und präsentiert neue Erzählungen, die dort erarbeitet wurden. Der Treffpunkt im Eingangsbereich beschwört mit Gipsstatuen junger Pioniere und Mosaiken den Gorki-Park, was die durch die Nazis angeblich jäh zerstörte Vorkriegsidylle unter Stalin symbolisiert. Die Terrorwellen der Dreißigerjahre scheint es ebenso wenig gegeben zu haben wie den Hitler-Stalin-Pakt. Die Ausstellung führt durch finstere Säle und vergegenwärtigt mit 3D-Animationen, lebensgroßen Wachsfiguren und Videos, die oft mittels Künstlicher Intelligenz erzeugt wurden, wie grausam die NS-Militärs mit Sowjetbürgern umgingen. Die Fakten sind bekannt, jetzt werden sie emotional inszeniert.
Verzweifelte Mütter mit Kleinkindern
Der Besucher sieht Puppen verzweifelter Mütter mit Kleinkindern, verhöhnt von deutschen Schergen, abgebrannte Dörfer, das belagerte Leningrad, er blickt in ein Zimmer dort während der Blockade. Er besucht aber auch den „Sklavenmarkt“ in Königsberg, wo „Ostarbeiter“ an deutsche Betriebe verteilt wurden. Ein historischer Brief dokumentiert, wie viel so ein Zwangsarbeiter kostete. Die Nachbildung eines Kinderlagers zeigt drastisch, wie russische Kinder gezwungen wurden, für die Deutschen Blut zu spenden. Eine Lightbox präsentiert ein überfülltes Lager, wo 3D-Animationen von Gefangenen, auf drei Pritschenetagen zusammengepfercht, übereinander liegen. Auf Abruf erzählt jeder von ihnen seine Geschichte. Die deutschen Durchgangslager werden übrigens stets als „Dulag“ bezeichnet, wohl weil es ähnlich klingt wie der Gulag, der aus der Erinnerung getilgt werden soll.
Als Bindeglied des gesamten Parcours tritt, abermals in der Gestalt von 3D-Videos, eine fiktive Familie auf, deren Mitglieder gleichfalls von sich erzählen. Der Vater ist ein Soldat, der in Gefangenschaft gerät, die Mutter kommt in einem verbrannten Dorf um, eine Tochter ist Krankenschwester im blockierten Leningrad, eine weitere Tochter wird als Ostarbeiterin nach Deutschland verschleppt. Ihre „Zeugnisse“ und didaktischen Schlussfolgerungen hat der patriotische Fernsehstar Igor Ugolnikow verfasst. Überall finden sich interaktive Displays für Opferzahlen und Verbrechensorte, die zwar zumeist bekannt waren, die aber seit 2019 neu überprüft werden, um den Tatbestand des Völkermordes zu beweisen.
Museum des Hasses
Als solcher gilt nun auch der Massenmord an 214 Kindern mit Behinderungen, die aus einem Internat auf der Krim ins südrussischen Jeisk evakuiert und dort im Oktober 1942 vom Sonderkommando 10A unter Kurt Christmann umgebracht wurden. Ein Modell des Gaswagens, der als Mordwerkzeug diente, ist ebenfalls ausgestellt. Mittlerweile sind mehr als acht Millionen Sowjetbürger als Genozid-Opfer verbucht. Nachdem die UN-Völkermordkonvention 1948 beschlossen wurde, hatte die Sowjetführung noch darauf verzichtet, die Verbrechen der Nazi-Invasoren an ihrer Zivilbevölkerung als Genozid zu qualifizieren. Unser Museumsführer erklärt warum. Die Sowjetunion habe das Thema aus falscher Scham und Toleranz verschwiegen, habe Präsident Putin gesagt; daher gebe es erst so spät ein Genozid-Museum.
Der sich mit der Mission des Museums identifizierende Mann erzählt den Besuchern auch, was die Ausstellung nicht offen ausspricht, was aber ihre ideologische Mission bestimmt. Zum Beispiel, dass vor 85 Jahren nicht allein Deutschland die Sowjetunion angegriffen habe, sondern „praktisch ganz Europa“. Und dass dieselben europäischen Länder, allen voran die „Angelsachsen“, heute wieder eine Offensive gegen Russland führten. Der Zweite Weltkrieg habe das Ziel verfolgt, die Bevölkerung Russlands zu vernichten, erklärt der Museumsführer. Er führt das aber nicht auf die Pläne Hitlers zurück, sondern vergleicht die Geschehnisse der ersten Kriegsmonate mit der „typisch angelsächsischen Praxis“ der Vernichtung indigener Völker. Und er zieht von den Vernichtungsplänen eines Hermann Göring für die Sowjetunion eine Verbindungslinie zur demographischen Krise der Ukraine, die er nicht auf den russischen Angriffskrieg, sondern auf die Machenschaften des kollektiven Westens zurückführt.
Die Menschen, die als Ukrainer bezeichnet würden, seien nämlich eigentlich Russen, die aber ihre Waffen gegen Russland gerichtet hätten, beteuert er, als hätte die Ukraine sein Land zuerst angegriffen. So verwandle die Nazi-Ideologie gewöhnliche Menschen in Bestien, fügte er fast mitleidig hinzu. Tatsächlich werde die Ukraine von Großbritannien regiert, das auch die ukrainischen Angriffe auf Russland lenke. Die juristische Doktrin vom Völkermord am sowjetischen Volk soll offenbar eine Art Neuauflage des Nürnberger Tribunals vorbereiten. Doch diesmal sollen die „wahren Dirigenten“ des Krieges auf der Anklagebank landen, findet der Museumsführer, nicht ihre „Marionetten“, als welche er sowohl Hitler als auch den ukrainischen Präsidenten Selenskyj bezeichnet.
Aus seiner Sicht war der Sieg 1945 nicht vollständig, denn die Angelsachsen – wie er die Westalliierten gegen Nazi-Deutschland nennt – hätten später die Sowjetunion zerschlagen. Infolgedessen habe Russland zwischen 1990 und 2012 sogar mehr Menschen verloren als in den Vierzigerjahren, behauptet der Museumsmann. Er appelliert an die Besucher, auch ihre Familiengeschichten an das Ermittlungskomitee weiterzugeben. Die Fahnder würden gegebenenfalls sofort tätig werden.
Bastrykin scheint ein staatliches Gegenprojekt zu dem Archiv der verbotenen Gesellschaft Memorial geschaffen zu haben, das Geschichten und Dokumente über Opfer der stalinistischen Verfolgungen sammelte. Der Museumsführer macht kein Hehl aus seiner Begeisterung für die sowjetische Vergangenheit. Freilich unterscheidet sich die Ideologie des neuen Gedenkorts von der sowjetischen darin, dass diese keinen Hass auf das Feindesland schürte. Stalin prägte noch während des Krieges die Formel, die Hitlers würden kommen und gehen, das deutsche Volk aber bestehen bleiben. Im Genozid-Museum ist das anders. Hier wird Hass geschürt, diesmal nicht so sehr gegen die Deutschen als vielmehr gegen ganz Europa und den „kollektiven Westen“. Kriegsgräuel von vor mehr als achtzig Jahren werden mittels modernster Museumstechnologie und neuer Interpretationen aufbereitet, um ein Gefühl kollektiver Kränkung und Rachsucht zu schüren. Man könnte meinen, in Moskau sei ein Museum des Hasses eröffnet worden.