„Verstehen keinen Zeitungsartikel“: Lehrer besorgt über Trend bei deutschen 15-Jährigen
StartseitePanoramaNeue Pisa-Studie: „Diese Jugendlichen verstehen keinen Zeitungsartikel“Stand: 08.09.2026, 23:41 UhrKommentareUns auf Google folgenDie Kompetenzen der 15-Jährigen in Deutschland haben einen neu...
- 4 min read
Neue Pisa-Studie: „Diese Jugendlichen verstehen keinen Zeitungsartikel“
Stand: 08.09.2026, 23:41 Uhr
Kommentare
Die Kompetenzen der 15-Jährigen in Deutschland haben einen neuen Tiefstand erreicht. Was andere Länder besser machen.
Frankfurt – Jede dritte 15-jährige Person in Deutschland erreicht in Mathematik (34 Prozent) und im Lesen (32 Prozent) nicht die Mindeststufe, die die OECD für eine erfolgreiche gesellschaftliche Teilhabe definiert, zeigt die neue Pisa-Studie 2025. 2022 waren es noch 30 und 25 Prozent. Alexander Brand, Mathematiklehrer aus Hamburg und Journalist beim Deutschen Schulportal, spricht bei der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media von einem „dramatischen Leistungseinbruch“. Der Abstieg sei zwar nicht so riesig wie 2022 – aber angesichts dessen, dass die Corona-Pandemie schon länger zurückliege, sei es „doch besorgniserregend“, dass der Negativtrend nicht abflache. „Diese Jugendlichen verstehen keinen Zeitungsartikel und können sich keinen Rabatt im Supermarkt ausrechnen“, sagt er.

Pisa-Top-Performer über alle drei Kerndomänen (Naturwissenschaft, Lesen, Mathematik) hinweg sind 2025 laut OECD die Provinzen Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang in China, Singapur, Estland, Japan, Südkorea, Macao in China, Taiwan und das Vereinigte Königreich. Deutschland liegt im OECD-Durchschnitt: Mehr als jeder fünfte deutsche Jugendliche hat in keinem einzigen Bereich sichere Basiskompetenzen. Je nach Domäne schneiden 14 bis 20 Staaten signifikant besser ab – darunter Estland, Kanada, Österreich und die Schweiz. Beim Pisa-Spitzenreiter Estland liegen in Mathematik nur 17 Prozent und im Lesen nur 14 Prozent der Jugendlichen unter der Kompetenzstufe II.
Pisa-Ergebnisse 2025: „Nun spüren wir die Folgen“
Als mögliche Gründe für die Verschlechterung an deutschen Schulen kann sich Brand weiterhin die Nachwehen der Corona-Pandemie vorstellen. „Die Jugendlichen aus dem jetzigen Pisa-Testjahrgang waren damals zehn Jahre alt und sind noch einmal drastischer von den Schulschließungen betroffen“, sagt er der Frankfurter Rundschau. Diese Schüler und Schülerinnen hätten es nicht geschafft, ihre Lernlücken aufzuholen.
„Vor der Pandemie haben wir schon zu wenig in die Förderung leistungsschwacher Kinder investiert, und nun spüren wir die Folgen davon.“ In Deutschland müssten die Lehrkräfte die Förderung meist allein stemmen, was nicht schaffbar sei. Förderprogramme wie das Startchancenprogramm erreichen nur etwa zehn Prozent der Schulen. „Wir haben aber an allen Schulen Schüler, die nicht gut genug lesen und rechnen können“, sagt Brand.
Was andere Länder in ihren Schulen besser machen als Deutschland
Erfolgreiche Pisa-Länder wie Estland oder Singapur konzentrierten sich viel stärker auf diese leistungsschwachen Schüler, erzählt der Lehrer, der für sein Buch „Die Bildungsweltmeister“ Pisa-Spitzenreiter-Länder wie Singapur, Japan und Estland besucht hat. Sie würden schon bei der Einschulung schauen, wer Unterstützung benötige. „Digitale Diagnosetools im Unterricht zeigen Verständnisprobleme sofort an. Das ist eine Diagnose- und Förderkultur, zu der wir hin müssen.“ Wenn sich dort bei einem Kind eine Lernlücke auftue, könne es kurzfristig in einer Kleingruppe parallel zum Unterricht oder danach gefördert werden. „Es wird so lange unterstützt, bis die Lücke geschlossen ist. Das funktioniert: Die Schüler holen auf.“
In Singapur flache die starke Pisa-Verbesserung der letzten Jahrzehnte zwar wieder ein wenig ab, aber das Land investiere immer noch enorm viel in Bildung und in die Kompetenz der Lehrkräfte – mit 100 Stunden Fortbildung pro Schuljahr. „Bei uns ist die Fortbildung der Lehrkräfte das Stiefkind der Bildungspolitik. Wir müssen dringend an die Unterrichtsqualität heran.“ Estland stehe immer noch an der Leistungsspitze in Europa. Dort würden Schulen so gestaltet, dass Schüler gerne hingehen, seien eine Art „Lebensort“ an dem Schüler Projekte auf die Beine stellen. „Es gibt Sitzsäcke, Tischtennisplatten und Clubs. Selbst wenn einem Schüler der Unterricht selbst gar nicht gefällt – den Nachmittagsclub will keiner verpassen.“
„Beim Ganztagsausbau in Deutschland müssen wir genau hier ansetzen“, sagt Brand der Frankfurter Rundschau Denn laut Pisa-Studie halten 33 Prozent der deutschen Schüler und Schülerinnen Schule für Zeitverschwendung. Solche negativen Überzeugungen korrelieren laut OECD mit sinkenden Leistungen. „Deutsche Schulen stecken in einer Motivationskrise. Viele Jugendliche sehen keinen Sinn mehr in der Schule“, sagt der Lehrer aus Hamburg. Im weltweiten OECD-Schnitt sind es nur 24 Prozent. (Quellen: Pisa-Studie eigene Recherche)