Bain-Chefin Christina Ellringmann über KI und Wachstum

Die Wirtschaftsflaute bekommen zwar auch Unternehmensberater zu spüren. So wuchs die erfolgsverwöhnte Branche in Deutschland im vergangenen Jahr nur noch um magere 0,5 Prozent. Doch dabei zeigen sich große Unte...

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Bain-Chefin Christina Ellringmann über KI und Wachstum

Die Wirtschaftsflaute bekommen zwar auch Unternehmensberater zu spüren. So wuchs die erfolgsverwöhnte Branche in Deutschland im vergangenen Jahr nur noch um magere 0,5 Prozent. Doch dabei zeigen sich große Unterschiede: Zumindest die drei großen globalen Strategieberater – McKinsey, BCG, Bain – scheinen in Zeiten der technologischen und geopolitischen Umbrüche weiterhin gefragt. Laut dem auf Berater spezialisierten Marktforschungsunternehmen Lünendonk sind die globalen Beraterumsätze von Bain im vergangenen Jahr um rund acht Prozent auf 8,4 Milliarden Dollar gestiegen. Die Wachstumsrate der „Bainies“ lag damit in ähnlicher Größenordnung wie die der beiden Rivalen McKinsey und BCG und deutlich höher als in vielen anderen Beratungsunternehmen.

Im deutschsprachigen Raum sind die Umsätze laut der neuen Bain-Deutschlandchefin Christina Ellringmann in den vergangenen Monaten zweistellig gewachsen: „Im Moment läuft es überall gut“, sagt Ellringmann im Gespräch mit der F.A.Z. Wesentlicher Treiber sind die durch KI verursachten Umwälzungen in der Unternehmenswelt. Auch die Angst der Manager, im KI-Wettlauf den Anschluss zu verlieren, sorgt für stete Nachfrage nach Hilfe von Strategieberatern. „Es herrscht große Frustration“, heißt es in einer neuen Studie der Unternehmensberatung zur KI-Transformation in Unternehmen. In einer dort zitierten Umfrage der Berater unter 100 globalen Spitzenmanagern zeigten sich 80 Prozent der Befragten  unzufrieden mit der Geschwindigkeit der KI-Transformation im eigenen Unternehmen. Nur jeder Fünfte gab an, seine Ziele größtenteils oder vollständig erreicht zu haben.

Seit 2015 hat sich das Geschäft mehr als verdreifacht

Die meisten Unternehmen stellten ihrer Belegschaft zwar KI-Tools zur Verfügung, oft fehle aber eine gemeinsame Infrastruktur, um diese  miteinander zu verbinden, damit gute Ideen sich schnell im gesamten Unternehmen verbreiten. Nach der Veröffentlichung von ChatGPT vor dreieinhalb Jahren hätten Unternehmen zwar an etlichen Stellen angefangen, mit KI zu experimentieren. Das aber habe im Überschwang zu einer Großzahl von Pilotprojekten geführt, sagt Ellringmann und ergänzt: „Ein KI-Flickenteppich schafft keinen Wert.“ Angesichts der Höhe von KI-Investitionen müssten sich Unternehmen strategisch gut überlegen, wo KI wirklich gewinnbringend eingesetzt werden kann.

Viele Unternehmen hätten durch Auslagerung von IT-Prozessen Detailwissen und Lernfähigkeit verloren: Zwei Jahrzehnte des Offshorings und der Auslagerung von IT-Dienstleistungen  „haben dazu geführt, dass den meisten Großunternehmen weltweit die interne Softwareentwicklungskompetenz fehlt, die eine agentische KI erfordert“, heißt es in der Bain-Studie.

Ellringmann führt seit dem vergangenen November das Deutschlandgeschäft von Bain, sie ist die erste Frau auf diesem Posten. Die 49 Jahre alte Versicherungsexpertin trat in die Fußstapfen von Walter Sinn, der den Umsatz von Bain im deutschsprachigen Raum während seiner elfjährigen Amtszeit verdreifachen konnte und nach seinem Abtritt auf den für ihn neu geschaffenen Posten des Chairmans für Deutschland und Österreich gewechselt ist. Die Betriebswirtin ist gut vernetzt im Unternehmen. Sie arbeitet seit fast 25 Jahren für Bain. Nach ihrem BWL-Studium an der Privathochschule WHU in Vallendar heuerte sie im Januar 2002 bei Bain an, spezialisierte sich auf Versicherungen, promovierte nebenbei und stieg elf Jahre später zur Partnerin auf.

Ein Viertel mehr Neueinstellungen in diesem Jahr

Den Expansionskurs ihres Vorgängers will Ellringmann fortführen. Für Bain arbeiten derzeit rund 1500 Berater im deutschsprachigen Raum, in diesem Jahr werde wieder eine „deutlich dreistellige Zahl“ junger Berater neu eingestellt, 25 Prozent mehr als im Vorjahr. „Ich glaube weiter an das Pyramidenmodell“, sagt Ellringmann mit Blick auf die typische Personalstruktur der großen Strategieberater gemäß dem „Up-or-out-Prinzip“, wonach regelmäßig viele junge Berater – oft frisch von der Uni – eingestellt werden, von denen die meisten aber nur wenige Jahre im Unternehmen bleiben. Die wenigen, die bleiben, steigen dann aber die Karriereleiter hoch. Während früher fast nur Wirtschaftswissenschaftler, Ingenieure und Naturwissenschaftler gefragt waren, würden mittlerweile deutlich stärker auch Bewerber mit KI- und Technologie-Kompetenz gesucht, also Data-Scientits, Prompt Engineers und auch Produktdesigner.

Dass die KI auch das Geschäftsmodell der Strategieberater bedroht, glaubt Ellringmann nicht. Das könne in anderen Beratungssparten wie etwa der IT-Beratung zwar der Fall sein, weil mithilfe von KI inzwischen sehr viel einfacher programmiert werden könne. Die Hilfe der Strategieberater sei in den Chefetagen aber mehr denn je gefragt, KI sei hier als neues Thema hinzugekommen, das dem Geschäft der Berater kräftig Schub verpasst.

Wie gut das Beratungsgeschäft für Bain läuft, hängt immer auch vom Wohlergehen der Private-Equity-Branche ab, denn dieses Geschäft steht für rund ein Fünftel bis ein Viertel der Umsätze. Bain gilt in der Beratung von Private-Equity-Fonds als unangefochtener Marktführer, laut eigener Aussage ist Bain in Europa in mehr als 70 Prozent der Private-Equity-Unternehmen beratend tätig – deren Transaktionsvolumen mehr als zwei Milliarden US-Dollar beträgt. Bevor sich die Fonds an einem Unternehmen beteiligen, um es aufzumöbeln und später mit Aufpreis wieder zu verkaufen, beauftragen die Fondsmanager oft Bain-Berater mit einer gründlichen Unternehmensprüfung, der sogenannten Due Diligence. Das hat Bain in den vergangenen Jahren starken Rückenwind gegeben.

Hinter vorgehaltener Hand sagen Konkurrenten allerdings, das Due-Diligence-Geschäft sei in Teilen KI-gefährdet, weil diese viele Analysen in einem Bruchteil der Zeit liefern könne. Ellringmann winkt ab. KI könne bei manchen Analysen zwar helfen, damit könne aber niemals die Urteilskraft langjähriger Berater ersetzt werden. Bain hat im Laufe der Jahre rund um die Welt mehr als 26.000 Due-Diligence-Prüfungen ausgeführt. „Wenn sich Private-Equity-Fonds an Unternehmen beteiligen, geht es oft um Milliardeninvestitionen“, sagt Ellringmann selbstbewusst: „Da will sich kein Manager allein auf KI verlassen.“