Er jagt jeder Sonnenfinsternis hinterher – 2026 nach Spanien oder Island?
August 1999, kurz vor der letzten totalen Sonnenfinsternis des Jahrtausends. Ein Jahr lang hatte sich Sebastian Voltmer darauf vorbereitet. Alles sollte perfekt sein für den Moment, wenn sich der Schatten des M...
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August 1999, kurz vor der letzten totalen Sonnenfinsternis des Jahrtausends. Ein Jahr lang hatte sich Sebastian Voltmer darauf vorbereitet. Alles sollte perfekt sein für den Moment, wenn sich der Schatten des Mondes über die Sonne legt und es mitten am Tag dunkel wird. Der damals 17-Jährige wollte Fotos von dem astronomischen Ereignis schießen.
Zwölf Kameras und ein Teleskop hatte er im Garten seiner Eltern verteilt, zuvor Sprünge geübt, um sich flink zwischen den Auslösern hin und her bewegen zu können. Als die Finsternis begann, schaute er gebannt in den Himmel. „Die Sonnensichel konnte ich bereits in einer Wolkenlücke sehen“, erinnert sich Voltmer, doch dann fing es an zu regnen.
12. August: Die erste totale Sonnenfinsternis für das europäische Festland seit 20 Jahren
Auf den Bildern sah man grau verwaschene Wolken. „Dann beobachte ich eben die erste Sonnenfinsternis im neuen Jahrtausend“, habe er sich getröstet. Mittlerweile muss der heute 44-Jährige überlegen, wie viele er bereits miterlebt hat.
Voltmer ist Sonnenfinsternis-Jäger. Gemeinsam mit Freunden reist er durch die ganze Welt, immer dem Kernschatten des Mondes hinterher. Das ist der schmale Streifen, der nur dann auf die Erdoberfläche fällt, wenn Sonne, Mond und Erde exakt in einer Linie stehen. In dieser Position blockiert der Mond das Sonnenlicht. Eine totale Sonnenfinsternis gibt es alle ein bis zwei Jahre, doch der Kernschatten ist so klein, dass sie immer an anderen Orten stattfindet. Am 12. August 2026 wird sie nach zwanzig Jahren erstmals wieder auf dem europäischen Festland zu sehen sein. Das Naturspektakel fasziniert viele, aber wie wird man Sonnenfinsternis-Jäger?
Als Voltmer noch ein 12-jähriger Junge im Saarland war, öffnete sich plötzlich der Weltraum für ihn: 1993 hatten Forscher den Kometen Shoemaker-Levy 9 entdeckt, der drohte mit dem Planeten Jupiter zu kollidieren. Das mediale Interesse war enorm, nie zuvor hatte es die Möglichkeit gegeben, einen Einschlag zu beobachten. „Wegen der reißerischen Berichterstattungen hatte ich als Kind Angst, dass die Erde aus dem Gleichgewicht geraten könnte“, sagt er, „Aber ich dachte mir so: Wenn das wirklich geschehen sollte, will ich’s wenigstens noch beobachten.“
Die Feuerkugelkönige
Er suchte ein Fachgeschäft für Teleskope auf. „Ich war kein typischer Musterschüler, habe mich am Unterricht eher weniger beteiligt. Doch als es ums Weltall ging, löcherte ich den Verkäufer in einer Art, wie man es von mir nicht kannte.“ Im Juli 1994 schlugen über mehrere Tage hinweg Kometenstücke in die Atmosphäre Jupiters ein. Voltmer hing atemlos am neu erworbenen Teleskop. „Mich hat es überwältigt, dass ich die dunklen Einschlagstellen in den Gasmassen des Planeten Jupiter sehen konnte – und das vom Elternhaus aus“, sagt er. Er begann Fotos zu schießen. Zu Weihnachten und Geburtstagen wünschte er sich Equipment und baute sich eine eigene Dunkelkammer auf. Heute arbeitet Voltmer als international erfolgreicher Astrofotograf und Filmemacher.
Auf Reisen knüpfte er Bekanntschaften in der Astro-Community. 2001 fuhr er mit einer Gruppe in die Mandschurei im Nordosten Chinas, um den Meteorstrom der Leoniden zu erleben. Gemeinsam sahen sie mehrere Tausend Sternschnuppen, der Reiseleiter taufte die Teilnehmer die „Feuerkugelkönige“.
Der Tag wird für ein paar Minuten zur Nacht
Aus ihnen entstanden die Sonnenfinsternis-Jäger. Voltmer und vier Freunde sind der harte Kern einer Gruppe, der zu jeder totalen Finsternis reist, nach Sambia, Australien, Chile, Mexiko, wo sie eben hinmüssen. Sie sind nicht die Einzigen, die sich Sonnenfinsternis-Jäger nennen. Schätzungen zufolge reisten zur letzten totalen Sonnenfinsternis im April 2024 bis zu 3,7 Millionen Menschen nach Nordamerika. Wie viele davon regelmäßig dem Kernschatten des Mondes hinterherjagen, ist unklar.
Eine Geschichte aus dem Frankfurter Allgemeine Quarterly, dem Zukunftsmagazin der F.A.Z.
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Während Schaulustige ihre Lichtschutzbrillen herausholen und fasziniert in den Himmel schauen, sind die Jäger beschäftigt, schießen Fotos und filmen, um das Material später wissenschaftlich auszuwerten. Wichtig ist ein wolkenfreier Himmel, das weiß Voltmer seit seiner ersten Finsternis allzu genau. Die Jäger wälzen vorab Wetterstatistiken, passen Reiserouten kurzfristig an Prognosen an.
Aber wieso der ganze Aufwand für ein paar Minuten? Genau das mache den Reiz aus, sagt Voltmer: „In wenigen Momenten ereignet sich so viel“, sagt er. Der Tag werde plötzlich zur Nacht, die Natur würde weitestgehend verstummen, Fledermäuse losfliegen – all das meist vor einem farbenprächtigen Himmel im Kernschatten des Mondes. Gegen Ende der Finsternis leuchte der erste Sonnenstrahl hinter dem Mond hervor und bilde kurz einen glitzernden Diamantring-Effekt. „Da läuft einem der Schauer über den Rücken“, sagt Voltmer.
Dieses Jahr fahren die Jäger nach Spanien. Voltmer liebäugelt jedoch mit Island, das der Kernschatten des Mondes ebenfalls streift. „Ich möchte die Finsternis an einem märchenhaften, romantischen Ort erleben“, sagt er. Genau wisse er es noch nicht, wo er sein werde, aber das Outfit für den Tag stehe schon fest, denn für jede Sonnenfinsternis designe ein Mitjäger ein neues T-Shirt. Vor Kurzem habe er ihn getroffen und den neuesten Entwurf erhalten.