Nach Krieg und Raumnot entstand in Herleshausen eine Realschule

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Nach Krieg und Raumnot entstand in Herleshausen eine Realschule

Stand: 06.08.2026, 07:41 Uhr

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Nach dem 2. Weltkrieg und durch Raumnot entstand in Herleshausen eine Realschule, hier die Abschlussklasse von 1953

Meilenstein erreicht: Am 26. März 1953 erhielt der erste Jahrgang der Realschule Herleshausen die Mittlere Reife. Unser Bild zeigt die erste Abschlussklasse. © Sammlung: Siegfried Mann / KI-unterstützt/Made with Google AI

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Weg von Herleshausen zur weiterführenden Schule in Eisenach plötzlich unmöglich. So baute Herleshausen seine Zukunft.

Herleshausen – Schulgeschichte beginnt selten mit einem Festakt. Meist beginnt sie mit Mangel, Improvisation und der Hartnäckigkeit von Menschen, die sich nicht damit abfinden wollen, dass etwas nicht möglich sein soll. So war es auch in Herleshausen.

Als die Südringgauschule vor wenigen Monaten ihr 60-jähriges Bestehen feierte (wir berichteten), wurde natürlich auch an ihre Gründung im Dezember 1966 erinnert. Doch wer tiefer in die Geschichte des Bildungsstandortes eintaucht, stößt auf eine bemerkenswerte Vorgeschichte. Sie führt zurück in die unmittelbare Nachkriegszeit, in einen Ort am Rand einer neu gezogenen Grenze und zu einem Schulprojekt, das für Generationen von Jugendlichen zum Wendepunkt werden sollte – wie auch für den Herleshäuser Siegfried Manß, der in den vergangenen Monaten Unterlagen zur Herleshäuser Schulgeschichte zusammengetragen hat. Sie dienen als Grundlage dieses Artikels.

Bis zum Frühjahr 1945 war die Welt für viele Herleshäuser noch anders geordnet. Die Kinder besuchten die örtliche Volksschule. Wer höhere Bildungsziele verfolgte, wechselte später meist nach Eisenach. Die Stadt lag in greifbarer Nähe, war kultureller und wirtschaftlicher Bezugspunkt und mit der Bahn bequem erreichbar.

Schulweg über Nacht abgeschnitten

Dann kam das Ende des Krieges. Deutschland wurde in Besatzungszonen aufgeteilt. Herleshausen fand sich in der amerikanischen Zone wieder, Eisenach in der sowjetischen – und aus einer Selbstverständlichkeit wurde über Nacht ein Problem: Die Wege zu den weiterführenden Schulen im nahen Thüringen waren abgeschnitten.

Für die Familien im Werratal entstand damit eine Frage von existenzieller Bedeutung: Wohin sollten die Kinder nach der Volksschule gehen? Die Alternative hieß Eschwege. Doch die Kreisstadt war weit entfernt, die Verkehrsverbindungen schwierig, Unterkünfte teuer. Für viele Familien kam ein regelmäßiger Schulbesuch dort kaum infrage.

Gleichzeitig kämpfte die Gemeinde mit den Folgen des Krieges. Der Unterricht war zunächst eingestellt, zahlreiche Lehrer fehlten, die Zahl der Schülerinnen und Schüler stieg durch Flüchtlinge und Vertriebene stark an. Ende des Jahres 1946 mussten bereits rund 400 Kinder von wenigen Lehrkräften unterrichtet werden. Klassenräume waren Mangelware, Unterricht fand teilweise sogar am Nachmittag statt.

Pfarrhaus wurde in der Not zum Schulgebäude

In dieser Situation trat ein Mann in den Mittelpunkt: Rektor Hugo Hoffmann, selbst als Flüchtling nach Herleshausen gekommen. 1946 übernahm er die Leitung der Schule und wurde zum Motor eines bemerkenswerten Aufbruchs. Bereits Anfang 1947 beschlossen Gemeinde und Kirchengemeinde eine ungewöhnliche Lösung: Das bisherige Pfarrhaus an der Bahnhofstraße wurde zum Schulgebäude umgebaut. Fünf Klassenräume und ein Lehrerzimmer entstanden. Im September 1947 konnte das neue Schulhaus feierlich eingeweiht werden. Doch Hoffmann und viele engagierte Bürger dachten noch weiter: Sie wollten nicht nur ausreichende Klassenräume schaffen – sie wollten eine Schule, die ihren Jugendlichen auch nach der Volksschule Perspektiven bot.

Am 18. Mai 1949 schrieb der Elternbeirat der Volksschule an den Regierungspräsidenten in Kassel. Die Forderung war ebenso mutig wie weitblickend: In Herleshausen sollten Aufbauklassen eingerichtet werden, die zur Mittleren Reife führten. Unterstützung kam von Bürgermeister, Gemeindevertretung, Landrat und Schulaufsicht.

Aus den Aufbauklassen entwickelte sich Schritt für Schritt eine Realschulabteilung. Die Schülerzahlen stiegen, die räumlichen Möglichkeiten wiederum nicht. Deshalb begann 1950 der Bau eines gänzlich neuen Schulgebäudes. Wenige Wochen nach der Pensionierung Hugo Hoffmanns setzte sein Nachfolger Dr. Hermann Lampe am 3. Oktober 1950 den ersten Spatenstich. Der Neubau galt für damalige Verhältnisse als ausgesprochen modern. Sechs Klassenräume, Lehrerzimmer, Lehrküche, Badeeinrichtungen und eine Hausmeisterwohnung gehörten zur Ausstattung. Am 11. Januar 1952 wurde die Schule eingeweiht.

Nach dem 2. Weltkrieg und durch Raumnot entstand in Herleshausen eine Realschule, hier das Schulgebäude 1953

Der Schulneubau in Herleshausen galt für damalige Verhältnisse als ausgesprochen modern. Am 11. Januar 1952 wurde die Schule eingeweiht; unser Foto stammt aus dem Jahr 1953. © Sammlung: Siegfried Mann / KI-unterstützt/Made with Google AI

Und schon ein Jahr später erreichte das ehrgeizige Projekt sein erstes großes Ziel: Am 26. März 1953 erhielt der erste Jahrgang der Realschule Herleshausen die Mittlere Reife. Die Absolventen veranstalteten am Abend eine Abschiedsfeier und luden das gesamte Kollegium ein. Damit schrieb die Schule Geschichte: Erstmals konnten Jugendliche im Südringgau einen mittleren Bildungsabschluss erwerben, ohne ihre Heimatregion verlassen zu müssen.

Auch die erhaltenen Abschlusszeugnisse erzählen von dieser Pionierzeit. Neben Deutsch, Englisch, Geschichte und Erdkunde standen dort Fächer wie Naturgeschichte, Naturlehre, Sozialkunde, Kurzschrift, Handschrift, Französisch oder Leibeserziehung. Sie dokumentieren den Anspruch einer Schule, die ihren Schülern eine möglichst umfassende Bildung vermitteln wollte. Als die Südringgauschule 1966 gegründet wurde, entstand sie deshalb keineswegs auf historischem Neuland – ihr Fundament war längst gelegt. Die eigentliche Geburtsstunde weiterführender Bildung in Herleshausen lag bereits fast zwei Jahrzehnte zurück. (Emily Hartmann)