Schweiz und Grossbritannien: Freihandelsabkommen geschlossen
Nach dreijährigen Verhandlungen: Die Schweiz und Grossbritannien einigen sich auf ein neues FreihandelsabkommenVom neuen Abkommen sollen insbesondere der Dienstleistungssektor und die Digitalwirtschaft profitie...
- 4 min read
Nach dreijährigen Verhandlungen: Die Schweiz und Grossbritannien einigen sich auf ein neues Freihandelsabkommen
Vom neuen Abkommen sollen insbesondere der Dienstleistungssektor und die Digitalwirtschaft profitieren. Der Vertragstext wird aber erst vor Ende Jahr vorliegen.
Ralph Goldinger, Bern13.07.2026, 16.26 Uhr
4 Leseminuten

Ein symbolischer Handschlag zwischen dem britischen Wirtschaftsminister Peter Kyle und dem Bundespräsidenten Guy Parmelin.
Denis Balibouse / Reuters
Die Schweiz und Grossbritannien haben sich überraschend auf ein neues Freihandelsabkommen geeinigt. Das verkündeten Bundespräsident Guy Parmelin und der britische Wirtschaftsminister Peter Kyle am Montag vor Medien im Hotel Bellevue Palace in Bern. Damit endet eine dreijährige Verhandlungsphase.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Der britische Wirtschaftsminister Kyle sagte euphorisch: «Das ist ein echter Grund zum Feiern. Wenn Länder ihren Handel vertiefen und solche Abkommen abschliessen, schafft das Stabilität – für unsere beiden Länder, ihre Regierungen und ihre Bevölkerung.»
Das Abkommen stabilisiert die bestehenden Beziehungen und baut diese in einzelnen Bereichen aus. Insbesondere im Dienstleistungssektor, in der Digitalwirtschaft, bei der Mobilität von Geschäftsleuten und beim Patentschutz sind Verbesserungen zu erwarten. Noch vor Ende Jahr wollen die beiden Staaten das Freihandelsabkommen endgültig unterzeichnen. Der genaue Vertragstext soll erst dann veröffentlicht werden.
Die beiden Staaten einigen sich nach zehn Verhandlungsrunden auf eine in 20 Kapiteln umfassend formalisierte Vertiefung ihrer Beziehungen. Um die Verhandlungen war es lange Zeit ruhig gewesen. Dass jetzt eine abschliessende Einigung erzielt wurde, kommt überraschend und dürfte für die britische Regierung auch eine innenpolitische Komponente haben: Keir Starmer wird vor seinem Rücktritt noch einige Erfolge verbuchen wollen. «Dieses wegweisende Abkommen ist das sechste Handelsabkommen, das wir innerhalb von zwei Jahren abgeschlossen haben», so lässt sich der Premierminister in einer Medienmitteilung zitieren.
Zudem kann das Abkommen als geopolitisches Signal gewertet werden. Angesichts von Trumps Zollpolitik sind sowohl die Schweiz als auch Grossbritannien auf eine Stabilisierung des internationalen Handels angewiesen. Als Botschaft an den US-Präsidenten sei der Verhandlungserfolg jedoch nicht zu verstehen, sagte Parmelin am Montag in Bern.
Ein Abkommen, von dem der Dienstleistungssektor profitiert
Nachdem Grossbritannien 2016 den Entscheid fällte, aus der Europäischen Union auszutreten, musste sich die Schweiz neu arrangieren. Mittels Nachfolgeregelungen und mehrerer neuer schweizerisch-britischer Abkommen stabilisierten die beiden Länder ihre Beziehungen vorerst. «Heute gehen wir deutlich darüber hinaus und verleihen der strategischen Wirtschaftspartnerschaft zwischen der Schweiz und dem Vereinigten Königreich eine neue Dimension», sagte Parmelin im Hotel Bellevue.
Fortschritte wurden unter anderem im Dienstleistungsbereich erzielt. «Vor allem stärkt es die Rechtssicherheit bei der grenzüberschreitenden Erbringung von Dienstleistungen, bei Niederlassungen und bei Investitionen», sagte Parmelin. Ausserdem soll es für Geschäftsleute einfacher werden, kurzfristig von der Schweiz nach Grossbritannien zu reisen. Der visafreie Zugang gilt für Aufenthalte von Dienstleistungen erbringenden Spezialisten bis zu drei Monaten. An der Migrationspraxis der beiden Länder soll sich dadurch nichts ändern.
Weitere Neuerungen sind im digitalen Bereich vorgesehen. Zwischen der Schweiz und Grossbritannien sollen Daten freier fliessen können. So einigten sich die Verhandlungsdelegationen darauf, dass keines der beiden Länder über die bestehenden Ausnahmen hinausgehende Lokalisierungsauflagen für die Speicherung von Daten erlassen soll. Unternehmen können somit mit weniger regulatorischen Risiken in einem der beiden Länder Rechenzentren errichten. Zudem müssen sie ihre Daten nicht zwingend auf unterschiedlichen Servern in der Schweiz und in Grossbritannien speichern.
Einen weiteren Fortschritt erzielten die Verhandlungsdelegationen im Pharmabereich. Die Parteien sichern sich zu, die in beiden Ländern geltenden Schutzniveaus im Patentbereich dauerhaft in einem verbindlichen internationalen Abkommen zu verankern. «Das geistige Eigentum war einer der Punkte, auf denen die Schweiz besonders stark bestanden hat», sagte Parmelin. Zu Beginn der Verhandlungen sei dieser Aspekt auf britischer Seite nicht als Bestandteil des Verhandlungsmandats betrachtet worden.
Roaming-Gebühren dürften vorerst bleiben
Teile des Abkommens gehen über den Inhalt eines typischen Freihandelsvertrags hinaus. Die Schweizer Delegation hat den Briten zugesichert, dass britische Staatsangehörige an Schweizer Flughäfen künftig über E-Gates einreisen können. Dadurch sollen die langen Wartezeiten für Reisende von ausserhalb des Schengen-Gebiets verkürzt werden. In der Schweiz muss nun koordiniert werden, wie die Landesflughäfen die entsprechende Infrastruktur gewährleisten können.
In der britischen Medienmitteilung wird zudem erwähnt, dass Reisende in beiden Ländern keine Roaming-Gebühren mehr bezahlen müssten. Bis dieses Versprechen umgesetzt ist, dürfte jedoch noch einige Zeit vergehen. Die Mobilfunkanbieter dürften kaum ein Interesse daran haben, auf die Einnahmen aus Roaming-Gebühren zu verzichten.
Die Schweizer Verhandlungsdelegation konnte den Briten auch gewisse Zugeständnisse in anderen Sektoren abringen, beispielsweise im Agrarbereich. Die Schweiz erhielt etwa für Wein und Joghurt Zollkontingente. Bei anderen Produktgruppen, beispielsweise beim Rindfleisch, konnte sie keine Zugeständnisse erreichen.
Zudem sollen Schweizer Schifffahrtsunternehmen einen gesicherten Zugang zu den britischen Häfen erhalten. Davon könnte etwa das Genfer Unternehmen MSC profitieren, das zu den grössten Schifffahrtsunternehmen der Welt zählt.
Derzeit gibt es noch keine Schätzungen dazu, wie stark die Schweizer Wirtschaft letztlich vom Freihandelsabkommen mit Grossbritannien profitieren wird. Im Jahr 2025 betrugen die Exporte auf die Insel beinahe 50 Milliarden Franken. Grossbritannien ist nach den USA und Deutschland der drittwichtigste Absatzmarkt für Schweizer Exporteure. Die britische Seite erwartet laut ihrem Pressecommuniqué längerfristig eine Erhöhung des Volumens des Dienstleistungshandels mit der Schweiz um einen Viertel oder 7,9 Milliarden Franken pro Jahr.
Passend zum Artikel


