Singen gegen Alzheimer: Wie Melodie und Rhythmus das Gedächtnis stärken

Der alte Mathelehrer mit den nach hinten gegelten Haaren und dem mafiösen Aussehen war wirklich kein begnadeter Pädagoge. Seine Wutausbrüche waren gefürchtet, sein irres Geschrei ließ regelmäßig Decken und Wänd...

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Singen gegen Alzheimer: Wie Melodie und Rhythmus das Gedächtnis stärken

Der alte Mathelehrer mit den nach hinten gegelten Haaren und dem mafiösen Aussehen war wirklich kein begnadeter Pädagoge. Seine Wutausbrüche waren gefürchtet, sein irres Geschrei ließ regelmäßig Decken und Wände des Gymnasiums erzittern. Eines aber hat er bewirkt: Die binomischen Formeln können wir, jenseits jeglicher Anwendungsmöglichkeit, immer noch auswendig. Denn er ließ sie auf die Melodie „Der fröhliche Landmann“ aus Robert Schumanns „Album für die Jugend“ singen.

Dass das Singen beim Auswendiglernen und Einprägen hilft, war selbst den übelsten Vertretern schwarzer Pädagogik schon immer klar. Inzwischen weiß man nur genauer, warum das so ist. Durch die Verbindung von Wörtern, Silben und Zahlen mit Melodie und Rhythmus werden verschiedene Areale des Gehirns aktiviert, Sprach-, Hör- und emotionales Zentrum können sich beteiligen. So kommt es zu einer Vernetzung und besonders festen Verankerung im Gedächtnis. Ob im geschilderten Fall das Gefühl der Angst oder der Freude über die willkommene Abwechslung vom trockenen mathematischen Zeug überwog, sei allerdings dahingestellt.

Es hat jedenfalls genauso gut geklappt, wie es mit dem Abc-Lied auf die Melodie von „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ noch heute funktioniert. Kindern und Lernenden mit Migrationshintergrund, denen das lateinische Alphabet fremd ist, fällt es auf diese Weise leichter, sich die richtige Reihenfolge der Buchstaben einzuprägen.

Wie große Textmengen auf diese Weise bewältigt werden können, lässt sich beim gleichmäßigen Singsang buddhistischer Mönche beobachten. Die uralten Verse, die auch im Text Memorationshilfen bieten, tragen alle Kennzeichen langer mündlicher Überlieferung, einer Oral Poetry. Es wird angenommen, dass auch antike Versepen auf solche Rezitationstöne gesungen wurden.

Jeder kennt die Erfahrung selbst. Freiwillig, aus Interesse oder Begeisterung gelernte Lieder, die Lieblingssongs, bleiben mit ihrer Melodie leicht und sehr gut im Gedächtnis. Das reine Aufsagen der Texte fiele weitaus schwerer.

Die Demenzforschung geht der Verbindung von Musik, Emotionen, Gedächtnis und Sprache daher längst nach. Die Kronberg Academy erforscht sie seit 2023 in einem wissenschaftlich begleiteten Praxisprojekt in Zusammenarbeit mit dem Institut für Allgemeinmedizin der Frankfurter Goethe-Universität. Dazu gibt es spezielle interaktive Gesprächskonzerte für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Die Erfahrungen sind sehr positiv und erfolgversprechend.