Wirtschaft wächst – und trotzdem wollen Junge Marokko verlassen
Marokkos Wirtschaft wächst – und trotzdem wollen viele junge Menschen das Land verlassen. Nordafrika-Expertin Isabelle Werenfels von der Stiftung Wissenschaft und Politik erklärt die Hintergründe dieses Widersp...
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Marokkos Wirtschaft wächst – und trotzdem wollen viele junge Menschen das Land verlassen. Nordafrika-Expertin Isabelle Werenfels von der Stiftung Wissenschaft und Politik erklärt die Hintergründe dieses Widerspruchs.
Isabelle Werenfels
Maghreb-Expertin, Stiftung Wissenschaft und Politik
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Die Schweizerin Isabelle Werenfels ist Maghreb-Expertin bei der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) mit Sitz in Berlin.
SRF News: In welchen Bereichen zeigt sich Marokkos Wirtschaftswachstum von rund vier Prozent besonders?
Isabelle Werenfels: Wir sehen das Wachstum vor allem im Bau- und Infrastrukturbereich. Die Fussball-WM 2030 ist da quasi der Motor. Es entstehen Hochgeschwindigkeitszüge, Stadien und Flughäfen. Dann gab es einen Industrialisierungsschub in den vergangenen Jahren. Marokko ist in der Autoproduktion und beim Autozubehör weit vorne in Afrika.
Das Land exportiert auch viel Phosphat und Dünger – das ist wichtig, jetzt, wo die Strasse von Hormus geschlossen ist. Und Marokko baut eine eigene Rüstungsindustrie auf und ist im Tech-Bereich aktiv. Beim Tourismus ist Marokko inzwischen die Nummer eins in Afrika.
Ein Hauptproblem ist, dass das wirtschaftliche Wachstum zu niedrig ist, um genug neue Jobs zu schaffen.
Wer profitiert von diesem Aufschwung?
Das ist die Krux. In Marokko wird von zwei Entwicklungsgeschwindigkeiten gesprochen. Es gibt globalisierte Eliten und eine obere Mittelklasse, die von diesen Infrastrukturprojekten profitieren. Es sind vor allem Unternehmer und Firmen, die palastnah sind. Der König profitiert selbst mit seinen Unternehmen und auch der Premierminister ist Milliardär.
Abgehängt sind die ländlichen Gegenden. Dort ist die Analphabetenrate extrem hoch. Die Einkommen in der Landwirtschaft sind niedrig. Dort ist es ganz schwierig.
Warum finden gerade junge Menschen keine Arbeit?
Ein Grund ist die Kluft zwischen dem öffentlichen und dem privaten Bildungswesen. Und es werden zu viele Personen mit Hochschulabschluss im Vergleich zu Facharbeitenden ausgebildet.
Ein Hauptproblem ist, dass das wirtschaftliche Wachstum zu niedrig ist, um genug neue Jobs zu schaffen. Die OECD hat ausgerechnet, dass 2025 rund 400'000 neue Menschen auf den Arbeitsmarkt strömten, aber nur knapp 200'000 neue Stellen geschaffen wurden.
Unter den Jugendlichen gibt es eine grosse Frustration.
Wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus?
Das wirkt sich auf die Lebensentwürfe der Jungen aus. Beispielsweise können sie nicht ausziehen, sie können nicht heiraten. In konservativen oder religiösen Milieus ist es undenkbar, dann eine Beziehung zu haben. Die soziale Kontrolle ist sehr stark. Unter den Jugendlichen gibt es eine grosse Frustration. Es gibt Drogen- und Alkoholprobleme und vor allem den Migrationswunsch.
Es klingt zynisch, aber das hat einen positiven Effekt. Die Fertilitätsrate sinkt, weil junge Paare maximal ein bis zwei Kinder wollen, um ihnen eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Marokko hat inzwischen eine Fertilitätsrate, die ganz knapp am Erhalt der Gesamtbevölkerung liegt.
Man will wirtschaftliche und sozioökonomische Chancen bieten, aber die politischen Freiräume eng kontrollieren.
Ist wirtschaftliche Perspektivlosigkeit der einzige Migrationsgrund?
Es ist der wichtigste, aber nicht der einzige. Es gibt eine grosse Diaspora mit Netzwerken, die verlockend wirken – man denkt, der Verwandte hilft einem. Auch gesellschaftliche Freiheit spielt eine Rolle. Dazu kommt ein Paradox: Steigt das Pro-Kopf-Einkommen, wächst zunächst der Migrationsdruck – weil die Menschen sich Schlepper leisten können. In diesem Bereich befindet sich Marokko derzeit. Ab einem gewissen Pro-Kopf-Einkommen sinkt der Migrationsdruck dann wieder.
Im vergangenen Herbst kam es in Marokko zu anhaltenden Protesten der jungen Generation – den sogenannten «Gen Z»-Protesten. Sie forderten etwa Reformen in der Bildung und in der Gesundheitsversorgung. (4.10.2025)
Getty/Anadolu/Abu Adem Muhammed
Werden die Anliegen der Jugend von der Regierung gehört?
Der König hat höhere Investitionen in Gesundheit und Bildung versprochen. Gleichzeitig gab es aber auch viel Repression. Marokko orientiert sich an asiatischen Entwicklungsdiktaturen: Man will wirtschaftliche und sozioökonomische Chancen bieten, aber die politischen Freiräume eng kontrollieren.
Das Gespräch führte Brigitte Kramer.