Schweizer Flughäfen: Ohne Kontrollen in den Schengenraum?

Die Schweiz vernachlässigt die Grenzkontrollen an kleinen Flughäfen. Zwei Berichte offenbaren ein grosses Ausbildungsgefälle der zuständigen Beamten. Andere Staaten verlangen von der Schweiz Massnahmen.

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Schweizer Flughäfen: Ohne Kontrollen in den Schengenraum?

«Meistens kennt man sich»: Warum Schweizer Flugplätze zum Sicherheitsrisiko werden

Die Schweiz vernachlässigt die Grenzkontrollen an kleinen Flughäfen. Zwei Berichte offenbaren ein grosses Ausbildungsgefälle der zuständigen Beamten. Andere Staaten verlangen von der Schweiz Massnahmen.

11.07.2026, 21.45 Uhr

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Ein Hauch Nostalgie: Eine ehemalige Swissair-Maschine startet in Grenchen anlässlich der Einweihung des neuen Towers im letzten Jahr.

Ein Hauch Nostalgie: Eine ehemalige Swissair-Maschine startet in Grenchen anlässlich der Einweihung des neuen Towers im letzten Jahr.

Bruno Kissling / CH Media

Das Spektakel am Himmel über dem Jurasüdfuss ist präzise durchgetaktet. Ein aviatischer Höhepunkt folgt dem anderen: Fallschirmjäger springen aus einem Militärflugzeug, wie es einst am D-Day über der Normandie eingesetzt wurde. Die Patrouille Suisse fliegt in Staffelformation über die Köpfe der Zuschauer. Ein französisches Jagdflugzeug aus dem Ersten Weltkrieg dreht seine Runden. Am Freitag und Samstag war das «Wings & Friends» in Grenchen das Mekka für Liebhaber historischer und moderner Luftfahrt, wie es auf der Website des Flugplatzes heisst.

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Was niemand sehen kann: Hier, mitten im Kanton Solothurn, verläuft eine unsichtbare Grenze. Der Flughafen Grenchen gehört zu den 18 Schweizer Flugplätzen, über die auch Passagiere von ausserhalb der EU und der Efta einreisen, also von ausserhalb des sogenannten Schengenraums. Das heisst: Neben den drei grossen Landesflughäfen Zürich, Genf, Basel sind auch 15 kleine Flugplätze als Schengen-Aussengrenze klassifiziert. Wer aus einem Drittstaat wie Ägypten, Russland oder Marokko hier landet, reist in den europäischen Raum ein und muss entsprechend kontrolliert werden.

«Abwicklung ohne Security»

Damit spielen selbst kleine Flugplätze wie Grenchen (SO), Buochs (NW), Saanen und Sankt Stephan (BE) eine Rolle für die Sicherheit nicht nur der Schweiz, sondern für den ganzen Schengenraum, innerhalb dessen sich einmal Eingereiste frei bewegen können. Entsprechend wichtig sind hier die Kontrollen, um Kriminelle, potenzielle Terroristen oder unrechtmässig eingereiste Migranten abzuhalten. Doch ausgerechnet an diesen kleinen Regionalflughäfen ist das System nicht überall gleich dicht.

Wie offen die Grenze etwa am Flughafen Grenchen ist, dem Schweizer Regionalflugplatz mit den meisten Flugbewegungen, kann auf dessen Website nachgelesen werden. «Geschäftsleute profitieren von den schnellen Abläufen, der angenehmen Abwicklung ohne Security», steht dort. Der Flughafen-CEO Michael Steinbach bestätigt auf Anfrage, dass ankommende Flugpassagiere keine Sicherheitskontrolle durchlaufen müssen. In Grenchen würden nur Privatjets landen, sagt er. «Meistens kennt man sich, also die Kantonspolizei und die Passagiere.» Und er schiebt nach: «Das ist bei allen kleineren Flughäfen ohne Airlines so.»

Was diese Vertrautheit für die Sicherheit genau bedeutet, bleibt offen. Grundsätzlich führen zwar auch die kleinen Flugplätze bei Ankommenden aus Drittstaaten Passkontrollen durch, betont das Staatssekretariat für Migration (SEM) auf Anfrage. Dennoch ortet die Bundesbehörde das «Risiko einer Grenzkontrolle unterschiedlicher Qualitätsklassen».

Mit «schnellen Abläufen» wirbt der Flugplatz Grenchen auf seiner Website.

Mit «schnellen Abläufen» wirbt der Flugplatz Grenchen auf seiner Website.

Peter Klaunzer / Keystone

Das liegt daran, dass in der Schweiz die Kantone für die Kontrollen der Schengen-Aussengrenzen zuständig sind. Einige haben diese Aufgabe an das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) delegiert (etwa Basel und Genf), andere setzen ihre Kantonspolizei für diese Aufgabe ein. Und da bestehen offenbar beträchtliche Unterschiede. Während die Zürcher Flughafenpolizei eine grosse, professionell aufgestellte Organisation ist, sind bei kleineren Flugplätzen oft einzelne Polizisten für die Kontrollen zuständig, oft auch im Nebenamt.

Entsprechend stark ist das Gefälle bei der Ausbildung jener Beamten, die über die Sicherheit des gesamten Schengenraums entscheiden: Die Mitarbeiter des BAZG durchlaufen eine zweijährige Ausbildung, die Zürcher Flughafenpolizei schult ihre Leute immerhin drei Monate, im Kanton Solothurn hingegen dauern die entsprechenden Kurse für die Polizisten nach eigenen Angaben vier bis fünf Tage. Ein solothurnischer Grenzbeamter entscheidet also nach nicht einmal einer Woche Ausbildung, wer in das Gebiet der EU und der Efta einreisen darf und wer nicht.

Nur Zürich und der Bund genügen

Das enorme Gefälle ist anderen Schengen-Mitgliedstaaten und der EU ein Dorn im Auge. Gemäss einem Arbeitspapier des Bundes genügen lediglich die Ausbildungen der Kantonspolizei Zürich und des BAZG den Mindeststandards der EU. Das SEM hält auf Anfrage denn auch ausdrücklich fest, dass die Kantone den Schengen-Vorgaben bei der Ausbildung ihrer Grenzbeamten formell «nicht nachkommen».

Es verweist auf eine Inspektion der Schweizer Grenzkontrollen durch Vertreter anderer Schengenstaaten vom letzten Jahr. Diese forderten anschliessend von der Schweiz gemäss einem vertraulichen Bericht ein «stärker harmonisiertes und kohärentes nationales Ausbildungssystem, um ein einheitliches und hohes Niveau der Grenzkontrolle zu gewährleisten». Doch aller Bitten der europäischen Partner zum Trotz ist seither wenig geschehen.

Dabei will der Bund selber ebenfalls schon länger mit den zersplitterten Zuständigkeiten an den Flugplätzen aufräumen. Dafür hatte er vor Jahren das Projekt «Refront» gestartet, das 2023 in einem 60-seitigen Schlussbericht mündete. Auch dort wird festgehalten, dass die Kontrolle der Schengen-Aussengrenzen nicht einheitlich erfolgt, die Zusammenarbeit der involvierten Behörden weitestgehend informell stattfindet und an ihre Grenzen stösst. Gefordert wurde eine neue Form der Kooperation, um die Qualität der Kontrollen zu erhöhen und «potenzielle Sicherheitslücken» zu schliessen.

Umgesetzt wurde jedoch praktisch nichts. In Sachen Ausbildung, Prozesse, Infrastruktur und Technik habe man sich nicht gefunden, schrieb der Bundesrat im letzten November zum Abschluss des Projektes «Refront». Die Ausgangslagen und Bedürfnisse hätten sich als «zu heterogen» erwiesen.

Problematik verschärft sich

Doch nun nimmt der Bund einen weiteren Anlauf. Er überprüft gemeinsam mit den Kantonen im Rahmen des Projekts «Entflechtung 27» generell die Zuständigkeiten und Finanzierungen von Aufgaben durch die beiden Staatsebenen. Eine der vielen eingesetzten Arbeitsgruppen untersuchte dabei auch die Kontrollen an den Aussengrenzen. Sie konstatiert in ihrem Bericht, dass nur ganz wenige Empfehlungen von «Refront» umgesetzt wurden, «und diese auch nur teilweise». Das Verbesserungspotenzial bleibe «unverändert bestehen». Mehr noch: Die Problematik dürfte sich in Zukunft noch akzentuieren, weil die Grenzkontrollen aufgrund stetiger Weiterentwicklungen der Schengen-Zusammenarbeit zunehmend komplexer würden.

Der Flugplatz Grenchen verfügt über drei Graspisten und eine 980 Meter lange Hartbelagspiste.

Der Flugplatz Grenchen verfügt über drei Graspisten und eine 980 Meter lange Hartbelagspiste.

Carsten Steger / CC BY-SA 4.0

Im Bericht wird auch offensichtlich, weshalb sich in dieser Sache bis jetzt kaum etwas verändert hat. Die Vertreter der Kantone in der Arbeitsgruppe wehrten sich gegen den Vorschlag einer Zentralisierung oder Teilzentralisierung der Grenzschutzaufgaben, während Bundesvertreter dafür waren. Offenbar wollen sich die Kantonspolizeien nicht in ihren Kompetenzen beschneiden lassen.

Aus Bern, Nidwalden und selbst aus Zürich heisst es auf Anfrage, das bisherige System habe sich «bestens bewährt» und sei «praxistauglich». Hintergrund der Abwehrhaltung dürfte auch sein, dass über die Regionalflughäfen pro Jahr bloss etwa 9000 Passagiere aus Drittstaaten einreisen, über die Landesflughäfen hingegen sind es 23 Millionen, wie im «Refront»-Bericht steht.

Während in Bern und in den Kantonen weiter über Zuständigkeiten gefeilscht wird, kehrt auf dem Flugplatz Grenchen nach dem Aviatikfest wieder der Alltag ein. Wer hier landet, wird weiterhin nach den bisherigen Gepflogenheiten kontrolliert. Man kennt sich schliesslich.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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