Mehr als Lifestyle: Pilates-Boom in Saarbrücken – das steckt hinter dem Trend
Neue Studios, ausgebuchte Kurse und ein wachsendes Angebot: Pilates erlebt auch in Saarbrücken einen Boom. Doch woher kommt der Trend und was steckt hinter dem Sport, jenseits seiner Social-Media-Ästhetik?
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Mehr als Lifestyle Pilates-Boom in Saarbrücken – das steckt hinter dem Trend
Saarbrücken · Neue Studios, ausgebuchte Kurse und ein wachsendes Angebot: Pilates erlebt auch in Saarbrücken einen Boom. Doch woher kommt der Trend und was steckt hinter dem Sport, jenseits seiner Social-Media-Ästhetik?
04.08.2026 , 07:00 Uhr
Pilates ist schon lange kein Social-Media Phänomen mehr. Pilates-Studios gibt es inzwischen auch in Saarbrücken immer mehr. flowspace.
Foto: Flowspace
Indirektes Licht, beige Wände, halbrunde Spiegel. Pflanzen und Parkettboden sorgen für ein Wohnzimmer-ähnliches Ambiente. Die Füße stecken in Schlaufen, die Beine bewegen sich hoch und runter. Außer der Musik im Hintergrund ist nur das mechanische Hin und Her des Übungsgeräts (ein sogenanntes Reformer-Gerät) zu hören. Szenen wie diese findet man schon lange nicht mehr nur auf Instagram, wo Pilates von Influencern als Lifestyle vermarktet wird. In Saarbrücken hat sich der Sport ins feste Fitnessangebot integriert: In der Landeshauptstadt zählt man aktuell vier Pilates-Studios.
„Unsere Reformerkurse sind sehr schnell ausgebucht“, berichtet Anabel Bieg, Leiterin des Pilates-Studios „flowspace“ in Saarbrücken. Gerade das Reformergerät erfahre aktuell einen regelrechten Hype.
Vom Erfinder Joseph Pilates zum weltweiten Trend
Was steckt hinter dem Trend? „Pilates ist ein kontrolliertes Ganzkörpertraining mit besonderem Schwerpunkt auf Rumpfstabilität, Bewegungskontrolle, Atmung und Bewegungsausführung“, erklärt Martin Prelop vom Arbeitsbereich Trainingswissenschaft der Universität des Saarlandes (UdS). Trainiert wird entweder auf der Matte mit dem eigenen Körpergewicht oder an Geräten wie dem Reformer, wo Federn einen Widerstand erzeugen.
Pilates ist zwar im Trend, jedoch längst keine Neuerfindung. Pilates gehe auf den gleichnamigen deutschen Fitnesstrainer Joseph Pilates zurück, der seine Methode Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt hat, erklärt Prelop. In New York habe er sein Konzept verfeinert, das zunächst vor allem in der Tanzszene Anklang gefunden habe. Seine Schüler hätten diese Methode anschließend weltweit verbreitet.
Wer heute an Pilates denkt, der verbindet mit der Sportart oftmals junge Frauen, die in farblich abgestimmter Kleidung auf dem Reformer trainieren. Ein Klischee?
Pilates kennt kein Alter
„Im Reformer-Pilates sind es schon überwiegend weibliche, eher jüngere Teilnehmer“, berichtet Anabel Bieg. Der Sport richte sich jedoch keineswegs nur an junge Menschen, wie Prelop hinzufügt: „Pilates ist sehr skalierbar. Man kann daher sagen, je nachdem, wie die Übungsstunden ausgelegt sind, ist es grundsätzlich über alle Altersklassen anwendbar.“
Dass die Sportart jetzt einen regelrechten Hype erfährt, hat mehrere Gründe: „Durch die stetige Weiterentwicklung des Sports entstanden unterschiedliche Formate für verschiedene Zielgruppen bis hin zum heutigen Boutique-Pilates“, erklärt der Trainingswissenschaftler Prelop. Diese moderne Form zeichne sich durch hochwertig gestaltete Studios, kleine Gruppen und eine persönliche Atmosphäre aus – genau die Art von Pilates, die in den sozialen Medien dominiert.
Fast jeder kann sich Pilates Trainer nennen
Doch auch der rechtliche Rahmen habe zur Kommerzialisierung des Sports beigetragen. „Pilates ist als generische Bezeichnung nicht rechtlich geschützt – das bedeutet, dass grundsätzlich jeder Pilates-Kurse anbieten kann“, so Prelop – eine Entwicklung, die auch kritisch zu betrachten sei. Da es keine einheitlich geregelten Vorgaben für die Ausbildungsdauer gebe, könne sich grundsätzlich jeder zum Pilates-Trainer zertifizieren lassen. Die Ausbildung könne wenige hundert Stunden umfassen oder sogar ausschließlich online stattfinden, sagt der Experte. Wer auf der Suche nach einem Pilates-Studio sei, sollte sich daher im Bekanntenkreis umhören oder Bewertungen prüfen, empfiehlt Prelop.
Wer den Sport schon ausprobiert hat, weiß: Der Trend hat seinen Preis. Für eine Stunde Reformer-Pilates verlangen Studios in Saarbrücken, laut ihren Internetseiten, gut und gerne 26 Euro, mehrere Einheiten kosten schnell über 100 Euro – ein Budget über das nicht jeder verfügt. Da drängt sich die Frage auf, wie es zu solchen Preisen überhaupt kommt: „Die Kosten ergeben sich vor allem aus den hohen Ausbildungskosten, den kleinen Gruppengrößen und den Geräten“, erklärt Anabel Bieg. Besonders hochwertige Geräte seien in der Anschaffung kostenintensiv, so die Inhaberin des „flowspace“. Natürlich spiele aber auch die Boutique-Einrichtung eine Rolle, ergänzt sie.
Die Stärke von Pilates ist die Kombination verschiedener Fitness-Komponenten
Doch ist Pilates seinen Preis wert? Sportwissenschaftler Martin Prelop betont, dass Pilates zwar anderen Trainingsformen wie Gymnastik oder Yoga nicht überlegen, aber dennoch ein effektives Training für die allgemeine Fitness sei. Die Stärke von Pilates liege dabei vor allem in der Kombination verschiedener Fitness-Komponenten: „Pilates trainiert Kraftausdauer, Bewegungskontrolle, Koordination und Mobilität“, erklärt der Experte. Studien würden auch zeigen, dass Pilates unter anderem die Haltung verbessern und Rückenprobleme lindern könne. Durch das Balancetraining könne der Sport außerdem zur Sturzprävention im Alter beitragen, so Prelop.
Pilates hat somit auch jenseits der Social-Media Ästhetik einiges zu bieten. Für Anabel Bieg ist daher klar: Der Sport wird sich auch über den Trend hinaus weiterentwickeln. „Ich bin mir sicher, dass Pilates weiterhin ausgebaut wird, beispielsweise im rehabilitativen Bereich oder eben auch im Training mit Sportlern“, sagt sie. (jos)
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