Manipulative Gestaltung: Was sie ist, welche Auswirkungen sie auf Jugendliche hat und Ratschläge für Eltern
Ein korrektes und geschütztes digitales Umfeld zu fördern, ist nicht einfach und Videospiele sind der riskanteste Bereich: Interfaces fesseln die Aufmerksamkeit und erzeugen Abhängigkeit. Wie sich Risiken vermeiden lassen.
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Stand: 04.08.2026, 13:42 Uhr
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Videospiele, Dark Patterns, Lootboxen: Wie manipulatives Design Kinder abhängig macht – und warum Verbote allein das Problem nicht lösen.
Frankfurt – Ein sicheres, transparentes und faires digitales Ökosystem zu fördern: Das ist das Ziel des Italienischen Verbandes für elektronischen Handel, der sich dafür einsetzt, unter Unternehmen eine Kultur der Rechtskonformität zu verbreiten. Diese reicht vom DSGVO bis zum Digital Services Act, damit die Gestaltung von Webdiensten ethisch ist und die Verletzlichkeit der Jüngsten berücksichtigt.
Content Partnerschaft
Dieser Artikel von Greta La Rocca entstand in Kooperation mit Corriere della Sera
„Wenn wir über E‑Commerce und digitale Dienste sprechen, ist das Vertrauen der Käufer der Motor des Marktes. Deshalb ist ein korrektes und geschütztes digitales Umfeld nicht nur eine ethische Pflicht gegenüber den Verbrauchern, sondern auch ein präzises wirtschaftliches Interesse der Unternehmen, da Legalität und Sicherheit langfristig Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit erzeugen.“, erklärt Manuela Borgese, Rechtsanwältin, Vizepräsidentin von Aicel und Mutter zweier Jugendlicher.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zu manipulativer Gestaltung
„Der Schutz der digitalen Rechte und der Schutz von Minderjährigen im Netz sind keine Bremsen für die Entwicklung, sondern wesentliche Vorbedingungen für das Geschäft selbst“, erklärt Rechtsanwältin Borgese. Einer der heikelsten Bereiche betrifft Unternehmen und Geschäftsmodelle, die die Architektur der Benutzeroberflächen nutzen, um das bewusste Einverständnis der Nutzer zu umgehen. Zu den Kontexten mit der größten Wirkung in diesen Fragen gehört der Bereich der Videospiele.
Die Auswirkungen, die manipulative Gestaltung auf Jugendliche haben kann, sind wissenschaftlich dokumentiert: Sie nutzt neurowissenschaftliche Mechanismen, um die Aufmerksamkeit zu fesseln, Dopaminspitzen zu erzeugen und Abhängigkeit zu schaffen. Im kognitiven System von Minderjährigen sind die Folgen verstärkt.
Das Prinzip der Manipulation: Von Gaming bis Facebook
Das Prinzip der Manipulation ist identisch, variiert aber je nach Kontext: „Im Gaming führt dies zu pathologisch verlängerten Spielsitzungen (bis hin zur ‚Gaming Disorder‘, einer Verhaltenssucht durch Spielen, die von der Weltgesundheitsorganisation anerkannt ist) und zu impulsiven In‑App‑Käufen über Lootboxen (Pakete mit zufälligen virtuellen Objekten in Videospielen, die mit echtem Geld gekauft oder durch Spielen freigeschaltet werden können), die zum Glücksspiel verleiten können. In sozialen Netzwerken versetzen Funktionen wie unendliches Scrollen und Autoplay das Gehirn in den „Autopilotmodus“ und treiben zu einem zwanghaften und nächtlichen Gebrauch von Instagram und Facebook.“
Diese Verstöße berühren die Schutzvorgaben der einschlägigen Rechtsakte (etwa DSGVO, DSA und AI Act), wie die jüngsten Untersuchungen der Europäischen Kommission vom 10. Juli 2026 gegen Meta gezeigt haben: Die Kommission ist vorläufig überzeugt, dass das suchterzeugende Design von Instagram und Facebook gegen das Digital‑Services‑Gesetz verstößt.
Zwischen Freizeit und Verletzlichkeit: Rolle der Eltern
Die Erfahrung von Borgese, Mutter zweier Kinder im Alter von 11 und 13 Jahren, verschafft ihr einen unmittelbaren Einblick in eine Altersgruppe, in der die Grenze zwischen Freizeit und Verletzlichkeit äußerst schmal ist. Sie führt sie – sowohl bei AICEL als auch in der wissenschaftlichen Forschung als Expertin für Recht der digitalen Gesellschaft und technologische Innovation an der Universität Catanzaro – dazu, konkrete Lösungen zu entwickeln, die auf Risikobewusstsein statt auf Prohibition beruhen.
„Meine elterliche Erfahrung bestätigt die Feststellungen der Europäischen Kommission: Die standardmäßig für Jugendliche aktivierten Zeitverwaltungs‑Tools werden leicht umgangen, und Elternkontrollen sind nur wirksam, wenn Eltern über ausreichend Zeit und technische Kompetenzen verfügen. In diesem Sinne ist offensichtlich, dass eine bedingungslose Delegation an die Familien auszuschließen ist.“ Für belastbare statistische Daten zu den jüngst in Australien, Frankreich, Spanien oder Griechenland eingeführten Gesetzen ist es noch zu früh, doch die ersten Anwendungssignale zeigen deutliche Grenzen.“
Prohibition birgt das Risiko, das Problem nicht zu beseitigen, sondern es dem Radar der Eltern zu entziehen und Minderjährige dazu zu drängen, digitale Tricks (wie VPNs) zu nutzen, um Sperren zu umgehen. Zudem ist die Online‑Interaktion inzwischen ein Raum der Sozialisierung und ein Recht auf kulturelles Leben, das in Artikel 31 der UN‑Kinderrechtskonvention verankert ist.
Prohibition reicht nicht: Digitale Teilhabe sichern
„Sie zu isolieren, bedeutet, sie von den Beziehungen zu Gleichaltrigen auszuschließen. Technologie muss gesteuert, nicht einfach verboten werden.“ Borgese, die kürzlich in Athen auf einer internationalen Konferenz mit einem Paper zu Dark Patterns und manipulativer Gestaltung vertreten war, erläutert, dass „wir die Onlinesicherheit nicht ausschließlich den Familien überlassen können, indem wir von den Eltern verlangen, allein einen ungleichen Kampf gegen Interfaces und Algorithmen zu führen, die darauf ausgelegt sind, das Engagement zu maximieren. Die Stärke dieses Ansatzes liegt im gesamten verbündeten Ökosystem, stützt sich aber vor allem auf Vertrauen und Bewusstsein.“
Jugendliche eignen sich heute die Grundkenntnisse oft allein im Netz oder über YouTube‑Videos an; dabei ist es entscheidend, dass sie eine gezielte Schulung erhalten, um die ökonomischen Mechanismen des Webs – etwa Profiling und Dark Patterns – zu verstehen und Werkzeuge zu erwerben, mit denen sie selbständig und bewusst handeln können. Übermäßige Kontrolle wiederum befeuert nur die Suche nach neuen digitalen Schlupflöchern. Es ist unerlässlich, dass diese Themen Teil ihrer kulturellen Entwicklung werden und in angemessener Form vermittelt werden.
Digitale Bildung als Teil der Schulausbildung
„Ein ministerielles Protokoll wäre nötig, um diesen Weg zu standardisieren, Lehrkräfte mit juristischen und technologischen Kompetenzen auszustatten und die digitale Bürgerschaft zu einem institutionellen Fach zu machen, statt sie der guten Willenskraft einzelner Schulen zu überlassen.“
Heute gibt es nur fragmentierte Projekte und allgemeine Leitlinien, aber es fehlt ein obligatorisches, strukturiertes nationales Programm, das algorithmische Manipulation und die Rechte minderjähriger Online‑Verbraucher behandelt. Auch auf europäischer Ebene befinden sich technologisch harmonisierte Lösungen wie Modelle zur Age Verification noch in der Testphase und sind weder in Konsolen noch in Gaming‑Systeme integriert. Derzeit klafft eine enorme Lücke zwischen den in den Gesetzen formulierten Prinzipien und der Alltagsrealität, mit der Kinder und Familien konfrontiert sind.
Acht Tipps für Eltern
- Automatische Zahlungen deaktivieren: Niemals die Hauptkreditkarte verknüpfen, ohne für jede einzelne Transaktion ein Passwort oder eine biometrische Freigabe (Fingerabdruck oder Gesichtserkennung) zu verlangen.
- Interaktionen und Chats schützen: Die Privatsphäre‑Einstellungen sowohl in sozialen Netzwerken als auch in Multiplayer‑Videospielen so konfigurieren, dass keine Kontaktaufnahme durch Unbekannte möglich ist, um das Risiko zu senken, dass Spielchats zu Orten der Anbahnung werden.
- Parental Control beim Kauf aktivieren und gemeinsam mit den Minderjährigen konfigurieren: Reiner Prohibitionismus führt zu keinem nachhaltigen Ergebnis, wenn nicht die Gründe dahinter gemeinsam verstanden werden.
- Zusammen spielen und surfen: Die digitale Welt wird täglich komplexer, selbst für Fachleute. Die einzige Möglichkeit, ihre Welt wirklich kennenzulernen, besteht darin, Zeit zu investieren, um zu verstehen, was sie spielen oder anschauen. In ihre digitale Erfahrung einzutauchen, ist der einzige Weg, sie entschlüsseln zu können.
- Den Wert von virtueller Währung erklären: Ihnen helfen zu verstehen, dass Juwelen, Münzen oder Punkte echtem Geld entsprechen, indem man gemeinsam den Umrechnungskurs berechnet.
- Den Wert personenbezogener Daten vermitteln: Erklären, dass ein „gratis“ Dienst mit unseren Informationen bezahlt wird und dass man in Profilen niemals vollständige Namen, Schulen oder geografische Positionen angibt.
- Klare Nutzungsabsprachen zu Zeiten und Apps: Eine gemeinsame Familienvereinbarung treffen, die zeitliche Grenzen für Spiel‑ oder Social‑Media‑Sitzungen festlegt, Bildschirme am Esstisch und im Schlafzimmer vor dem Schlafengehen verbietet und festhält, welche Videospiele oder Anwendungen heruntergeladen werden dürfen.
- Das PEGI‑System nutzen: Die PEGI‑Kennzeichnung (europäisches System zur Alterskennzeichnung von Videospielen; hilft Eltern, geeignete Spiele für ihre Kinder auszuwählen) nicht nur als Verbot verstehen, sondern als Informationsinstrument, um die tatsächlichen Inhalte des Spiels zu erkennen.
Welche Fehler Eltern vermeiden sollten
- Den Bildschirm als „Babysitter“ nutzen: Auf Geräte zurückgreifen, um Kinder in Momenten der Langeweile zu beruhigen oder abzulenken, wodurch sie daran gehindert werden, ihre emotionale Selbstregulierung zu entwickeln.
- „Free‑to‑Play“‑Spiele unterschätzen: Annehmen, ein Spiel sei sicher, nur weil der Download kostenlos ist, und dabei die aggressiven internen Kaufanreize übersehen.
- Alles der Technologie überlassen: Glauben, dass eine Parental‑Control‑App jedes Problem löst und damit den kritischen familiären Dialog aushebeln.
- Nutzungsbedingungen ungelesen akzeptieren: Für die Kinder auf komplexe Datenschutzerklärungen einfach mit „Ich stimme zu“ klicken, ohne zu prüfen, wie sie profiliert werden.
- Das falsche Vorbild geben: Von den Kindern verlangen, das Handy wegzulegen, während man selbst in familiären Momenten am Bildschirm klebt.
- Videospiele nur als Zeitverschwendung betrachten: Den kulturellen und gemeinschaftsbildenden Wert von Gaming ignorieren und so eine kommunikative Mauer zum Kind errichten.
- Altersbeschränkungen umgehen, um sie „glücklich zu machen“: Social‑Media‑ oder Spielkonten erstellen, indem man das Geburtsdatum vor dem Mindestalter fälscht.
- Den Minderjährigen für den Interface‑Trick verantwortlich machen: Die Verantwortung für eine ungeplante Ausgabe oder ein Fehlverhalten vollständig dem Jugendlichen zuschreiben, ohne anzuerkennen, dass die Handlung oft von einer bewusst manipulierend gestalteten Oberfläche oder Interaktion ausgelöst wird.
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Neue Regulierung und Verantwortung der Unternehmen
Bis Ende 2026 wird der neue europäische Verordnungsentwurf, der Digital Fairness Act, erwartet, der genau darauf abzielt, den Anwendungsbereich der Transparenz‑ und Fairnesspflichten zu erweitern.
Borgese wird gemeinsam mit AICEL die Arbeitsgruppen und die Ausarbeitung praktischer Leitlinien für italienische und europäische Unternehmen intensivieren, damit sie diese ethischen Standards verinnerlichen, bevor sie zu sanktionierbaren Pflichten werden. Dadurch soll gezeigt werden, dass ein fairer E‑Commerce, der Minderjährige respektiert, langfristig auch ein erfolgreicherer E‑Commerce ist.