Holocaust vor 85 Jahren: Magdeburg erinnert an Mord an Juden in Riga
80 Städte gehören dem Riga-Komitee an, das die Erinnerung, an die in Lettland ermordeten, einstigen Bewohner ihrer Städte wachhält. Darunter ist auch Magdeburg, dessen einstiger Bürgermeister Herbert Goldschmidt nach Riga deportiert wurde.
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AUDIO: Deportiert und ermordet: Der Magdeburger Herbert Goldschmidt (4 Min)
Holocaust vor 85 Jahren
Magdeburger erinnern an in Riga ermodete Juden
Stand: 19.07.2026 17:36 Uhr
80 Städte gehören dem Riga-Komitee an, das die Erinnerung, an die in Lettland ermordeten, einstigen Bewohner ihrer Städte wachhält. Darunter ist auch Magdeburg, dessen einstiger Bürgermeister Herbert Goldschmidt nach Riga deportiert wurde.
von Annette Schneider-Solís, MDR SACHSEN-ANHALT
Dunkle Wolken hängen über Bikernieki, einem Wäldchen am Stadtrand von Riga. Der Regen passt zu diesem Ort mit seiner grausamen Geschichte. Von Steinen verschiedener Größe gesäumte Wege führen von mehreren Seiten zu einem Gedenkstein.
Vertreter des Riga-Komitees gedenken in Bikernieki der 35.000 ermordeten Menschen.
Im Wald von Bikernieki sind bis zu 35.000 Menschen ermordet worden: Juden vor allem, aber auch sowjetische Kriegsgefangene, politische Gefangene. Hier und in Rumbula probten die Nazis mit Massenmorden den Genozid an der jüdischen Bevölkerung.
Erste Opfer aus Berlin
"Die ersten Opfer waren am 30. November 1941 1053 Juden, die aus Berlin deportiert wurden und nach dreitägiger Fahrt mit dem Zug hier ankamen", weiß Thomas Rey vom Riga-Komitee. "Direkt nach ihrer Ankunft in Rumbula mussten sie sich ausziehen und in Gruben legen, die sowjetische Kriegsgefangene ausgehoben hatten. Daraufhin wurden sie erschossen. Die nächsten Opfer mussten sich auf die noch warmen Toten legen und wurden ebenfalls erschossen."
Noch bevor die 'Endlösung der Judenfrage' auf der Wannseekonferenz beschlossen wurde, wurde sie hier schon praktiziert. Thomas Rey, Riga-Komitee
An zwei Wochenenden nacheinander metzelten die Nazis, die Lettland seit Juli 1941 besetzt hielten, mit ihren lettischen Helfern auch die Tausenden Bewohner des Rigaer Ghettos nieder. Das wurde so für weitere Transporte aus dem deutschen Reichsgebiet geräumt.
Generalprobe für die Endlösung
"Noch bevor die 'Endlösung der Judenfrage' auf der Wannseekonferenz beschlossen wurde, wurde sie hier schon praktiziert", erinnert sich Thomas Rey. "Das führte dazu, dass der Verantwortliche für die Massenerschießungen in Riga, Rudolf Lange, dort eingeladen wurde. Man wollte offenbar einen Praktiker am Tisch haben."
Thomas Rey nimmt mit dem Holocaustüberlebenden Margers Vestermanis am Gedenken teil.
Einer, der die Besatzung Lettlands durch die Deutschen überlebte, ist Margers Vestermanis. Er überlebte als Jugendlicher das Ghetto und erinnert sich daran, wie er als 15-Jähriger im Winter mit dem Schlitten Leichen abtransportieren musste. "So einen Massenmord gab es zuvor nie in der Geschichte", weiß der Historiker. Margers Vestermanis wird im September 101 Jahre alt.
Frauen, Kinder und Alte wurden ohne jedes Mitleid in die Gruben gestürzt. Wenn wir dieses Unrecht nicht verurteilen, dann ist das schlecht. Margers Vestermanies, Holocaust-Überlebender aus Riga
Die Erinnerung an die Nazigräuel wachzuhalten, hat er sich zur Lebensaufgabe gemacht. Der aus einer deutschsprachigen Familie stammende Lette ist auch im hohen Alter noch unterwegs, um vor allem jungen Leuten von dem Erlebten zu berichten. "Frauen, Kinder und Alte wurden ohne jedes Mitgefühl in die Gruben gestürzt. Wenn wir dieses Unrecht nicht verurteilen, dann ist das schlecht."
Die Steine – unterschiedlich groß, unterschiedlich in der Form – stehen für ermordete Familien.
Unter den Opfern: Magdeburger Bürgermeister
Einer der vielen Tausend Menschen, die in Riga ermordet wurden, war Herbert Goldschmidt. Goldschmidt stammte aus einer zum protestantischen Glauben konvertierten Familie mit jüdischen Wurzeln. Sein Vater war Direktor des Magdeburger Landgerichts, er selbst war Bürgermeister in Magdeburg unter Ernst Reuter, bis er mit dem Sozialdemokraten gemeinsam im März 1933 von den Nazis aus dem Rathaus gejagt wurde.
Herbert Goldschmidt, ehemaliger Bürgermeister Magdeburgs, wurde auch bach Riga deportiert und ermordet.
Nach einem demütigenden Marsch durch ein Nazispalier, bei dem er eine Hakenkreuzfahne tragen musste, und kurzer Haft suchte er Schutz in Berlin. Von dort aus wurde er gemeinsam mit seiner Frau Margarete im Februar 1942 nach Riga deportiert. Im inzwischen geräumten Ghetto wurde er in der Berliner Straße untergebracht und überlebte noch ein gutes Jahr. Nach dem März 1943 verliert sich seine Spur.
An Herbert Goldschmidt erinnert ein Stolperstein am Magdeburger Rathaus. Es war der erste Stolperstein, der in Magdeburg verlegt wurde.
Erinnerung heute wichtiger denn je
In Bikernieki erinnern seit 2001 Steine an die Städte, die ihre jüdischen Einwohner nach Riga deportierten. Auf einem steht der Name Magdeburg. "Diese Platten symbolisieren ein Stück Heimat für die Menschen, die fern ihrer Heimat massakriert wurden", sagt Ronni Krug. "Es ist extrem schwer zu begreifen, dass ein Menschenleben einfach so verschwinden kann", resümiert der Magdeburger Ordnungsbeigeordnete, der als Vertreter Magdeburgs mit dem Riga-Komitee nach Lettland gereist ist.
Magdeburgs Ordnungsbeigeordneter Ronni Krug legt eine Rose am Gedenkstein für Magdeburg nieder.
Was ist das Riga-Komitee?
Das Riga-Komitee ist ein Zusammenschluss von über 80 deutschen, österreichischen und tschechischen Städten, die während der Nazizeit Juden nach Riga deportierten. Initiator für den Beitritt Magdeburgs zum Riga-Komitee vor fast 20 Jahren war Dieter Steinecke. Er war damals wie Herbert Goldschmidt Bürgermeister in Magdeburg und Landesvorsitzender des Volksbunds für Kriegsgräberfürsorge, der die Gründung des Riga-Komitees initiierte.
"Für Lutz Trümper als Oberbürgermeister gab es keine Diskussion", erinnert sich Dieter Steinecke. "Ich halte es gerade heute für wichtig, daran zu erinnern", reflektiert er, "wenn ich sehe, wie sich Europa und auch Deutschland entwickeln und wie sich Rechtsextremismus, Antisemitismus und Hass gerade jetzt wieder ausbreiten."
Ich halte es gerade heute für wichtig, daran zu erinnern. Dieter Steinecke, ehemaliger Bürgermeister Magdeburgs
Mit 100 Jahren ist Margers Vestermanis der letzte Holocaustüberlebende Rigas. Sein Leben lang kämpfte er um angemessene Erinnerung. Unter dem jetzigen Ministerpräsidenten Andris Kulbergs (links) wird es endlich praktiziert.
Darin ist er sich einig mit Margers Vestermanis, dem letzten lettischen Überlebenden des Holocausts. Lange kämpfte er um angemessenes Erinnern in seiner Heimat. "Es ist nicht einfach, sich zu erinnern", resümiert er. "Es ist immer noch nicht einfach, aber wir müssen dieses Unheil verdammen. Es zeigt, wozu Menschen fähig sind." Das müsse uns mahnen, denn es könne jederzeit wieder passieren.
MDR (Annette Schneider-Solís, Ingvar Jensen)