„Loud Leaving“: Schweden entlarvt grundlegendes Problem von 20 Millionen Deutschen
StartseiteWeltStand: 21.08.2026, 20:29 UhrKommentareUns auf Google folgenArbeitet Deutschland genug? Die Gemüter zur Arbeitsmoral der Deutschen sind gespalten. Ein Blick nach Skandinavien zeigt eine andere Pers...
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Stand: 21.08.2026, 20:29 Uhr
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Arbeitet Deutschland genug? Die Gemüter zur Arbeitsmoral der Deutschen sind gespalten. Ein Blick nach Skandinavien zeigt eine andere Perspektive auf.
Frankfurt – Lang hieß es in Deutschland: Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen. Weltweit galt die deutsche Arbeitsmoral als von Pflichtbewusstsein, Fleiß und Disziplin geprägt, doch davon scheint nicht mehr viel übrig zu sein. Das glaubt zumindest die Bundesregierung mit Blick auf die sinkende Wirtschaftskraft. Das Fazit lautet: Die Deutschen müssen wieder mehr arbeiten. Deshalb will die Bundesregierung Krankschreibungen schwieriger und Mehrarbeit attraktiver gestalten. Ein paar hundert Kilometer nördlich von Berlin wäre dieser Ansatz unvorstellbar, denn in Schweden sind Überstunden fast schon verpönt.

Während man in Deutschland die angeknipste Bürolampe kurz vor Mitternacht als Symbol für Leistung wahrnimmt, ist in Schweden das genaue Gegenteil der Fall. „Wer lange im Büro ist, gilt nicht automatisch als unverzichtbar und leistungsstark, im Gegenteil: Wer immer bis in den Abend hinein am Schreibtisch sitzt, ist kein Held, sondern wird gefragt, ob er Probleme hat“, erklärt Wiebke Ankersen. Sie ist promovierte Skandinavistin und Geschäftsführerin der AllBright-Stiftung. Zuvor arbeitete sie als Presseattachée an der Schwedischen Botschaft in Berlin.
„Loud Leaving“ in Schweden würde Müttern in Deutschland zugutekommen
Die Bedeutung des Ausgleichs zwischen Arbeit und Freizeit wird auch in den schwedischen Chefetagen vorgelebt. „In Schweden gehen der Chef oder die Chefin in der Regel demonstrativ und für alle gut sichtbar pünktlich nach Hause. Niemand muss im Büro bleiben, nur weil die Führungskraft noch da ist“, sagt Ankersen der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Die Skandinavistin nennt das Konzept „Loud Leaving“, also wenn Führungskräfte fast schon vorbildhaft in den Feierabend gehen. Regelmäßige Meetings nach 16 Uhr seien deshalb unüblich.
Laut den Zahlen des Statistischen Bundesamts liegt die Wochenarbeitszeit der Schwedinnen und Schweden aktuell bei 37,4 Stunden. In Deutschland sind es 34,2 Stunden. Dabei ist zu beachten, dass die Teilzeitquote hierzulande zu den höchsten in Europa zählt. Sie ist bedingt durch die Care-Arbeit, die immer noch hauptsächlich von Müttern geleistet wird, wovon es 20 Millionen in Deutschland gibt (Stand: 2022). Im Jahr 2025 arbeitete deshalb fast jede zweite Frau in Deutschland in Teilzeit. In Schweden ist es jede vierte – trotz höherer Geburtenrate (1,42 zu 1,32 Kinder pro Frau). Auch deshalb habe man das „Loud Leaving“ dort etabliert, erklärt Ankersen: „Damit das für alle funktioniert und vor allem Eltern nicht reihenweise im Burnout landen, hat sich die Arbeitskultur dementsprechend weiterentwickelt.“
Die Sicherheit, dass Überstunden auch bei Vorgesetzten keine Grundvoraussetzung sind, habe dazu geführt, dass Frauen häufiger in Führungspositionen arbeiten, erklärt Ankersen: „Weil sie wissen, dass sie trotzdem Zeit mit ihren Kindern verbringen können.“ Dieses Versprechen fehle vielen Menschen in Deutschland. „Die arbeiten dann unter ihrem Niveau oder in Teilzeit, weil sie davon ausgehen, dass ein gelungenes Familienleben sonst nicht möglich ist. Ihre Arbeitskraft und Kreativität fehlen der deutschen Wirtschaft“, sagt Ankersen.
Frauen in Schweden arbeiten seit den Siebzigerjahren in der Regel in Vollzeit oder vollzeitnah. Dieser Fortschritt ging einher mit einem Wandel der Arbeitskultur und den sich stetig verbessernden Rahmenbedingungen: Die Individualbesteuerung belohnt Vollzeittätigkeiten und ein gut ausgebautes System an Kitas und Ganztagsschulen hält Eltern den Rücken frei. In Deutschland diskutiert die Regierung hingegen aktuell über eine Kürzung der Elternzeit. Die Bildungsgewerkschaft GEW warnte in der Frankfurter Rundschau, die Regierung bringe Eltern und Kitas in eine hochproblematische Situation.
Die schwedische Entwicklung scheint zu funktionieren: „Schwedische Unternehmen sind mit der gesunden Work-Life-Balance ihrer Mitarbeitenden nicht weniger produktiv als deutsche“, sagt Ankersen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Schweden stieg in den vergangenen drei Jahren kontinuierlich an, im Jahr 2026 um fast zwei Prozent. Aktuell liegt das BIP bei 70.676 US-Dollar. Das deutsche BIP steht im Jahr 2026 bei 65.303 US-Dollar. Für die Expertin ist das Fazit klar: „Gerade weil man in Schweden pünktlich nach Hause geht und Überstunden vermeidet, arbeiten mehr Menschen in Vollzeit und die Wirtschaft ist produktiver.“
Was Deutschland sich von Schweden abschauen könnte
In Deutschland setzt man auch nach der Pandemie vielerorts noch immer auf eine ausgeprägte Präsenzkultur. Nicht die Ergebnisse, sondern die Zeit am Schreibtisch bestimme den Eindruck von Leistung, kritisiert Ankersen. Das bremse die Bereitschaft vieler Menschen, in Vollzeit zu arbeiten. Die aktuelle Debatte um Lifestyle-Teilzeit und Krankschreibungen zeige zudem, wie stark Deutschland von einer von Misstrauen geprägten Verbotskultur bestimmt sei. „In Schweden geht man grundsätzlich vom mündigen, verantwortungsbewussten Bürger aus“, sagt die Expertin.
Von Schweden könne sich Deutschland deshalb vor allem mehr Vertrauen und Offenheit für Veränderungen abschauen. „Natürlich würde ‚Loud Leaving‘ auch in Deutschland funktionieren“, sagt Ankersen. Beide Länder kämen historisch aus einem ähnlichen Rollenmodell, doch Schweden habe die Strukturen weiterentwickelt: Alle sollen im Beruf und in der Familie präsent sein können. Auch in Deutschland habe die Pandemie gezeigt, dass flexible Arbeitsmodelle funktionieren. In Schweden habe man die Präsenzkultur längst hinter sich gelassen. Arbeit und Leben müssten zusammenpassen. Und dazu gehören Anreize für mehr Zeit mit der Familie und nicht für mehr Überstunden. (Quelle: eigene Recherche, Statistisches Bundesamt, BIP aus dem Worldometer)