Merlin Hummel: Warum der Hammerwerfer alles infrage stellt

Eine WM-Medaille ist etwas, auf das viele Athleten ihre ganze Karriere hinarbeiten. Merlin Hummel hat dieses Ziel schon mit 23 Jahren erreicht. Doch der Erfolg bestätigte ihm nicht nur, dass er mit den anderen ...

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Merlin Hummel: Warum der Hammerwerfer alles infrage stellt

Eine WM-Medaille ist etwas, auf das viele Athleten ihre ganze Karriere hinarbeiten. Merlin Hummel hat dieses Ziel schon mit 23 Jahren erreicht. Doch der Erfolg bestätigte ihm nicht nur, dass er mit den anderen Hammerwerfern mithalten kann. Er zeigte ihm auch, dass sein bisheriger Ansatz an Grenzen stößt. Hummel merkte, dass er einen neuen Reiz braucht.

„Veränderungen waren dringend nötig“

Der Blick auf seine Leistungen veränderte sich und damit auch die Erwartungen an ihn. Plötzlich ging Hummel nicht mehr als Außenseiter in die Wettkämpfe: „Das ist auch mental eine andere Situation“, sagt der 24-Jährige. Er wisse aber, dass 80 Meter in Zukunft wohl nicht mehr für eine Medaille reichen werden. „Ich bin bereit, diesen Schritt mitzugehen und die Entwicklung mitzuprägen.“

In den Wochen nach der WM, als er einen klareren Blick auf die Dinge hatte, habe er gemerkt, dass die bisherige Trainingsgestaltung nicht ausreiche, um die nächste Leistungsstufe zu erreichen. „Von außen wirkte es, als liefe alles rund. Tatsächlich waren Veränderungen aber dringend nötig“, sagte Hummel Anfang Januar im F.A.Z.-Interview. Vor allem in der Technik habe er noch viel Potential gesehen. Seine Vorstellung davon, was sich ändern müsse, sei aber teilweise mit der seines damaligen Trainers kollidiert.

„Das ist genau das, was ich brauche“: Hummel im Eintracht-Frankfurt-Trikot.
„Das ist genau das, was ich brauche“: Hummel im Eintracht-Frankfurt-Trikot.dpa

Mit steigenden Weiten werde es immer schwieriger, noch Anpassungen vorzunehmen: „Das kann ich nicht mehr selbst erkennen“, sagt Hummel. Dafür brauche es jemanden mit scharfem Auge und gutem Verständnis, der am besten auch selbst Erfahrung als Leistungssportler habe. „Bei 82 Metern und mehr ist das entscheidend, um sich weiterzuentwickeln.“

Im Januar kamen er und sein Bruder für eine Trainingseinheit mit der ehemaligen Hammerwerferin Kathrin Klaas nach Frankfurt. Hummel habe zwei Würfe gemacht, und als Klaas ihm ihre Beobachtungen schilderte, habe er sofort verstanden, woran er arbeiten müsse: „Das ist genau das, was ich brauche, und das hat sich bis heute gut bewährt.“

„Ich verstehe eigentlich gar nichts mehr“

Seit dieser Saison startet Hummel für Eintracht Frankfurt und arbeitet mit Klaas vor allem an den Basics, die etwa 99 Prozent des Gesamttrainings ausmachten. „Bevor ich nach Frankfurt kam, dachte ich, ich hätte den Hammerwurf verstanden“, sagt Hummel. „Jetzt merke ich: Ich verstehe eigentlich gar nichts mehr, weil alles noch detaillierter ist.“ Den gesamten Baukasten, der sich in den vergangenen zwölf Jahren immer weiter gefestigt habe, habe er mit Klaas komplett auseinandergenommen: „Wir versuchen, ihn wieder neu aufzubauen.“

Er habe schon früh erkannt, dass seine linke Schulter ein Problem sei. Damit die Bewegung möglichst effizient sei, müsse der Hammer eine lange Bahn nehmen. Es reiche aber nicht, einfach weniger mit der Schulter zu ziehen, erklärt Hummel. „Ich muss herausfinden, wie ich Zug auf das Gerät bringe und wie ich Beschleunigung erzeuge. Die rechte Seite muss mehr arbeiten, die linke Seite mehr stabilisieren.“ Die Veränderungen, an denen Klaas mit ihm arbeite, spüre er schon.

Hummel weiß aber auch, dass solche Umstellungen Zeit brauchen. Bei den deutschen Meisterschaften im Juli hatte Hummel seinen Titel mit 79,18 Metern erfolgreich verteidigt. Die EM sollte zeigen, wie weit ihn die Fortschritte unter Druck schon tragen. Die Qualität im Training sei in den vergangenen Monaten sehr volatil gewesen, sagt Hummel, aber er gehe mit einem tiefen Selbstvertrauen in die EM. „Die letzten Wettkämpfe haben mir genügend Sicherheit gebracht und auch das Wissen: Ich kann unter Druck abliefern.“

Die Ausgangssituation für Hummel schien günstig zu sein, zumal mit dem Kanadier Ethan Katzberg der Weltranglistenerste fehlt. Doch Hummel wusste auch, dass sich die Technik noch nicht automatisch abrufen lässt. In der Qualifikation hätte er es deshalb gerne wie Bence Halász gemacht. Während der Ungar gleich im ersten Versuch die erforderliche Weite von 78,00 Metern erzielte, blieb Hummel mehr als sechs Meter unter seiner Saisonbestleistung. Nach der ersten von zwei Gruppen war er nur Fünfter.

„Das ist sicher eine der schlechtesten Qualifikationen, die ich jemals abgelegt habe“, sagte er: „Ich habe es nicht geschafft, wirklich in den Wettkampf zu kommen. Ich war nicht so fokussiert wie sonst.“ Hummel musste warten – und bangen. Erst nach der zweiten Gruppe stand fest, dass seine 75,49 Meter reichen, um unter die besten zwölf Athleten zu kommen. Es war ein Ergebnis, das zeigte, worum es für ihn in dieser Saison tatsächlich geht: nicht um die sofortige Rückkehr zu alter Stärke, sondern darum, unter neuen Voraussetzungen weiterzulernen.