Lebensmittel könnten teurer werden – Ifo-Chef fordert große Steuerreform

StartseiteWirtschaftStand: 06.08.2026, 08:20 UhrKommentareUns auf Google folgenIfo-Chef Clemens Fuest will den ermäßigten Mehrwertsteuersatz abschaffen. Lebensmittel, Nahverkehr und Kultur würden teurer – ärmer...

  • 4 min read
Lebensmittel könnten teurer werden – Ifo-Chef fordert große Steuerreform

Stand: 06.08.2026, 08:20 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Ifo-Chef Clemens Fuest will den ermäßigten Mehrwertsteuersatz abschaffen. Lebensmittel, Nahverkehr und Kultur würden teurer – ärmere Haushalte sollen Geld erhalten.

Frankfurt – Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, hat eine grundlegende Reform der deutschen Mehrwertsteuer gefordert. Er spricht sich dafür aus, den ermäßigten Steuersatz von sieben Prozent abzuschaffen. Stattdessen sollen alle Waren und Dienstleistungen einheitlich mit 19 Prozent besteuert werden.

Der Vorschlag trifft auf eine Gesellschaft, in der bereits heute 13,3 Millionen Menschen als armutsgefährdet gelten.

Der Präsident des Ifo-Instituts fordert eine einheitliche Mehrwertsteuer von 19 Prozent. Der ermäßigte Satz von sieben Prozent auf Lebensmittel und andere Güter würde entfallen.

Der Präsident des Ifo-Instituts fordert eine einheitliche Mehrwertsteuer von 19 Prozent. Der ermäßigte Satz von sieben Prozent auf Lebensmittel und andere Güter würde entfallen. © Marcus Brandt/dpa

Fuest will ermäßigte Mehrwertsteuer abschaffen

„Alle Güter mit derzeit ermäßigtem Mehrwertsteuersatz, vor allem Lebensmittel, würden sich verteuern“, sagte Fuest der „Bild“.

Ziel sei es, die Komplexität des Steuersystems zu reduzieren und dem Staat Mehreinnahmen zu verschaffen. Betroffen wären neben Lebensmitteln auch Tickets im Personennahverkehr, Restaurantbesuche sowie Eintritte in Theater, Museen und Sportveranstaltungen.

Produkte mit dem ermäßigten Steuersatz machen derzeit rund 18 Prozent des Verbraucherpreisindex aus.

Lebensmittel und Nahverkehr würden teurer

Kern des Fuest-Vorschlags ist eine Kombination aus Steuererhöhung und gezielter Entlastung. Einkommensschwache Haushalte sollen eine jährliche Gutschrift von 360 Euro vom Staat erhalten.

Damit soll die Mehrbelastung durch die höhere Steuer ausgeglichen werden. „Wichtig ist mir, dass es eine Chance bietet, das Chaos bei der Mehrwertsteuer abzuschaffen, ohne die ärmsten Haushalte mehr zu belasten“, sagte Fuest.

Gutschrift soll ärmere Haushalte entlasten

Die eigentliche Belastung soll laut dem Ökonomen vor allem die obere Hälfte der Bevölkerung treffen. „Belastet würde vor allem die Hälfte der Bevölkerung mit den höheren Einkommen, also mit Bruttoeinkommen über circa 55.000 Euro“, sagte Fuest.

Bei einer vollständigen Weitergabe der Steuer durch Unternehmen könnten die Preise um bis zu zwölf Prozent steigen. Fuest rechnet allerdings mit einem geringeren Anstieg, „weil die Steuer von den Unternehmen nicht voll weitergegeben werden kann“.

Nach Abzug der Ausgleichszahlungen blieben dem Staat dem Bericht zufolge mehr als 36 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich.

DIW sieht soziale Schieflage

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat die Folgen einer solchen Angleichung untersucht. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche soziale Schieflage.

Eine vierköpfige Familie mit geringem Einkommen gibt den Großteil ihres Budgets für ermäßigt besteuerte Güter aus. Bei monatlichen Ausgaben von 400 bis 600 Euro für diese Produkte entstünden Mehrkosten von 45 bis 67 Euro im Monat.

Das entspricht einer jährlichen Mehrbelastung von 500 bis 800 Euro netto.

Ärmere Haushalte wären stärker belastet

„Ärmere Haushalte werden relativ zu ihrem Einkommen deutlich stärker belastet als reiche. Diese Regressionswirkung lässt sich durchgängig über alle Einkommensgruppen beobachten“, schreibt das DIW.

Haushalten im unteren Einkommensbereich drohe ein Realeinkommensverlust von fast zwei Prozent. Bei den obersten zehn Prozent seien es nur 0,5 Prozent.

Armutsgefährdung in Deutschland steigt

Diese Zahlen fallen in eine Zeit, in der die Armutsgefährdung in Deutschland bereits gestiegen ist. Rund 13,3 Millionen Menschen hatten zuletzt ein Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze.

Das entspricht 16,1 Prozent der Bevölkerung – ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr, als die Quote bei 15,5 Prozent lag.

Alleinlebende und Alleinerziehende besonders betroffen

Die Armutsgefährdungsgrenze liegt für eine alleinlebende Person bei 1446 Euro netto im Monat. Für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren sind es 3036 Euro.

Besonders stark betroffen sind Alleinlebende mit einer Quote von 30,9 Prozent sowie Menschen in Alleinerziehenden-Haushalten mit 28,7 Prozent.

Arbeitslose weisen mit 64,9 Prozent die höchste Armutsgefährdungsquote auf. Insgesamt sind 21,2 Prozent der Bevölkerung – rund 17,6 Millionen Menschen – von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.

Debatte über Mehrwertsteuer nimmt Fahrt auf

Fuests Vorstoß trifft auf eine laufende politische Debatte über die Zukunft der Mehrwertsteuer. Im Juli berichtete die „Welt“, dass in der Bundesregierung sogar über eine Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes auf 22 Prozent nachgedacht werde.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums gibt es Forderungen nach einer vollständigen Abschaffung der Steuer auf Lebensmittel.

Zwischen 22 Prozent und null Prozent

„In einem Gesamtpaket kann ich mir gut vorstellen, die Mehrwertsteuer für Grundnahrungsmittel auf null zu senken“, sagte der damalige Unions-Fraktionschef Jens Spahn im Januar.

Parallel dazu forderte der Chef des Seeheimer-Kreises in der SPD-Fraktion, Esra Limbacher, die Mehrwertsteuer auf „gesunde Lebensmittel“ komplett zu streichen.

Fuests Vorschlag steht damit zwischen zwei entgegengesetzten politischen Positionen. Er will weder senken noch auf 22 Prozent erhöhen – sondern vereinheitlichen und den Ausgleich über direkte Transfers sicherstellen. (Quellen: Bild, DIW, Statistisches Bundesamt, Welt) (mare)