Lange vor Odysseus: Frühe Seefahrer knüpften Netzwerke über das Mittelmeer

Odysseus gilt als Sinnbild der Seefahrt im Mittelmeer. Doch neue Forschungen aus Jena zeigen: Schon vor mehr als 8.000 Jahren überquerten Jäger und Sammler regelmäßig offene Meeresstrecken und verbanden Inseln und Küsten.

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Lange vor Odysseus: Frühe Seefahrer knüpften Netzwerke über das Mittelmeer
Die Höhlenfundstätte Latnija im Norden der Region Mellieħa auf Malta.

AUDIO: Wie Jäger und Sammler das Mittelmeer befuhren (2 Min)

Lange vor Odysseus

Stand: 13.08.2026 19:22 Uhr

Odysseus gilt als Sinnbild der Seefahrt im Mittelmeer. Doch neue Forschungen aus Jena zeigen: Schon vor mehr als 8.000 Jahren überquerten Jäger und Sammler regelmäßig offene Meeresstrecken und verbanden Inseln und Küsten.

von MDR WISSEN

Wenn Odysseus in Homers Epos über das Mittelmeer irrt, begegnet er Inseln, fremden Küsten und unbekannten Welten. Seine Reise ist zur wohl berühmtesten Seefahrergeschichte der europäischen Kultur geworden. Doch wie eine neue Studie zeigt, waren Menschen bereits Jahrtausende vor dem sagenhaften Helden auf dem Mittelmeer unterwegs. Sie überquerten offene Meeresstrecken von mehr als 80 Kilometern und hielten über Generationen hinweg Kontakte zwischen Inseln und dem Festland aufrecht.

Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forschungsteam um die Universität Liverpool, die Universität Malta und das Max-Planck-Institut für Geoanthropologie (MPI-GEA) in Jena. Die Studie erschien im Fachjournal PNAS Nexus. Sie untersucht die Besiedlung Maltas durch Jäger und Sammler vor rund 8.400 bis 7.400 Jahren.

Die Forschenden wollten eine zentrale Frage klären: Konnten die Menschen auf der Mittelmeerinsel langfristig isoliert überleben, oder waren sie auf regelmäßigen Austausch mit anderen Gruppen angewiesen? Schon frühere Studien aus Jena hatten nachgewiesen, dass die Jäger und Sammler mit einfachen Booten nach Malta gelangt waren.

Jäger und Sammler auf dem Weg nach Malta (Illustration)

Malta war für eine isolierte Bevölkerung zu klein

Frühere Funde hatten bereits gezeigt, dass Malta deutlich eher besiedelt war als bisher angenommen. Die kleine Insel galt lange als zu abgelegen, um von steinzeitlichen Jägern und Sammlern erreicht und dauerhaft bewohnt zu werden. Für die neue Studie kombinierten die Forschenden Klimamodelle, Meeresspiegelrekonstruktionen und ethnografische Daten moderner Jäger-und-Sammler-Gesellschaften. So konnten sie abschätzen, wie viele Menschen Malta unter den damaligen Umweltbedingungen überhaupt ernähren konnte.

Das Ergebnis: Nach der Trennung Maltas von Sizilien vor rund 14.000 Jahren konnte die Insel dauerhaft nur etwa 144 bis 170 Menschen versorgen. Für das langfristige Überleben einer Population wäre das aber deutlich zu wenig gewesen. Nach Berechnungen der Forschenden wären dafür mindestens 500 bis 1.000 fortpflanzungsfähige Erwachsene notwendig gewesen. Die Menschen auf Malta konnten also nicht völlig isoliert gelebt haben.

Regelmäßige Fahrten über offenes Meer

Stattdessen sprechen die Daten für ein bislang unbekanntes Netzwerk von Seefahrern im zentralen Mittelmeer. Die Jäger und Sammler müssen immer wieder den Kontakt zu größeren Gemeinschaften gehalten haben, wahrscheinlich auf Sizilien und möglicherweise darüber hinaus.

"Die Fähigkeit, Langstrecken-Seefahrten durchzuführen, markiert einen bedeutenden Übergang in der Menschheitsgeschichte, in dem zuvor unüberwindbare maritime Barrieren zu Verbindungswegen zwischen Gemeinschaften wurden", sagt Eleanor Scerri vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie in Jena, eine der Leiterinnen der Studie. "Im Mittelmeerraum sind erstmals im Mesolithikum Langstreckenfahrten über offenes Meer ohne Zwischenhalt nachgewiesen."

Nach den Modellierungen mussten die Menschen dabei spätestens vor rund 8.500 Jahren offene Wasserstrecken von mehr als 80 Kilometern zurücklegen. Segel, wie wir sie heute kennen, standen ihnen damals noch nicht zur Verfügung. Welche Boote sie nutzten, ist bislang unbekannt.

Ein bemaltes Straußenei

Ein verborgenes Netzwerk der Steinzeit

Für die Forschenden verändert das die Sicht auf die letzten europäischen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften grundlegend. Lange galt die Seefahrt als eine Fähigkeit, die erst mit späteren Bauernkulturen oder komplexeren Gesellschaften große Bedeutung gewann.

Die Studie zeichnet dagegen das Bild hochmobiler Gemeinschaften, die weite Strecken über das Meer bewältigten und soziale Kontakte über große Distanzen pflegten.

"Unsere Studie zeigt, dass Malta Teil eines bislang unbekannten, über lange Zeit bestehenden Netzwerks für Langstrecken-Seefahrten war", sagt Scerri. "Die letzten europäischen Jäger und Sammler erschlossen Land und Meer neu und knüpften soziale Verbindungen auf eine bislang unbekannte Weise, indem sie Inseln und Küsten verbanden – eventuell über Kontinente hinweg."

Die Forschenden halten es deshalb für möglich, dass auch andere Inseln des Mittelmeers schon deutlich früher erreicht wurden als bislang angenommen. Zudem könnte das Netzwerk erklären, warum genetische Spuren europäischer Jäger und Sammler auch in Nordafrika nachgewiesen wurden.

Lange bevor Odysseus in den Mythen über das Mittelmeer segelte, hatten Menschen die See bereits zu einem Verbindungsraum gemacht. Was später Stoff für Epen wurde, war für sie offenbar Teil des Alltags.

gp/pm