Künstliche Intelligenz: In China wird selbst der Lieferdienst zum KI-Labor

Alibaba, Baidu, Meituan: Peking folgt bei der KI-Wirtschaft einem Muster, das der Westen schon von E-Autos kennt: viele Anbieter, hohes Tempo, aggressive Preise. Bald könnte eine neue KI-Exportmacht entstehen.

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Künstliche Intelligenz: In China wird selbst der Lieferdienst zum KI-Labor

Meituan kennt in China wirklich jeder. Die App des Lieferkonzerns ist Teil des Alltags, in den Städten gehören die Lieferanten zum Straßenbild. Sie fahren in gelben Jacken auf E-Rollern, mit dampfenden Essensboxen auf dem Gepäckträger, versorgen Büroangestellte und Familien mit Nudelsuppen, aber auch Medikamenten oder Supermarkteinkäufen.

Nun macht ausgerechnet der größte Essenslieferant des Landes auch mit KI-Ambitionen auf sich aufmerksam. Schon 2025 hatte Meituan ein erstes offenes KI-Modell veröffentlicht. Mit LongCat-2.0 legt der Konzern jetzt mit einem deutlich leistungsfähigeren System nach.

Schon vor der offiziellen Enthüllung hatte das Modell in der internationalen Entwicklergemeinde für Rätselraten gesorgt. Auf der bei KI-Kennern bekannten Plattform OpenRouter war ein Modell unter dem Namen „Owl Alpha“ aufgetaucht. Nutzer testeten es, verglichen es und spekulierten über den Entwickler. War es DeepSeek? Ein neues Modell von Alibaba? Bald wurde klar, dass hinter dem mysteriösen Auftritt Meituan steckte.

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Die technischen Angaben klingen gewaltig. LongCat-2.0 soll 1,6 Billionen Parameter haben, Eingaben von bis zu einer Million Token verarbeiten können und vollständig auf einem Cluster mit chinesischen KI-Chips trainiert worden sein. Der Fokus liegt auf sogenannten Agentic-Coding-Aufgaben, also auf KI-Systemen, die nicht nur Texte ausgeben, sondern komplexere Arbeitsabläufe beim Programmieren eigenständig abarbeiten sollen.

Ob LongCat international wirklich mit den besten US-Modellen mithalten kann, müssen unabhängige Tests zeigen. Die Symbolik aber ist schon jetzt bemerkenswert: In China baut inzwischen sogar der Essenslieferdienst ein eigenes Sprachmodell.

Fast jeder große chinesische Technologiekonzern möchte ein eigenes KI-Modell vorweisen. Alibaba hat Qwen, Baidu Ernie, Tencent Hunyuan, ByteDance Doubao, Moonshot Kimi. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Chinas Vorteil sind große digitale Plattformen

Auffällig ist, wer hinter vielen dieser Modelle steht. Es sind oft genau die Firmen, die Chinas Internet groß gemacht haben. Onlinehändler, Suchmaschinen, Lieferdienste, Video-Apps. Das ist Chinas Vorteil. Das Land hat, was Europa weitgehend fehlt: digitale Plattformen mit Millionen Nutzern, vielen Daten, eigener Cloud und viel Kapital. Wer schon eine Plattform hat, kann KI schneller ausprobieren, billiger verbreiten und sofort in den Alltag bringen.

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Der Markt ist dadurch unübersichtlich geworden, aber auch extrem lebendig. Chinas Netzaufsicht spricht von Hunderten registrierten generativen KI-Diensten und -Anwendungen. Aus dem Rennen um die besten Modelle ist ein Massenwettbewerb geworden.

Wie geschickt chinesische Anbieter ihre Modelle inzwischen auch international platzieren, zeigte nicht erst Meituan. Schon zuvor hatte Xiaomi, eigentlich bekannt für Smartphones, Haushaltsgeräte und Elektroautos, mit einem ähnlichen Spiel Aufmerksamkeit erzeugt. Ein zunächst anonymes Modell namens „Hunter Alpha“ erschien auf OpenRouter und sorgte für Spekulationen. Erst später stellte sich heraus, dass es ein Testmodell von Xiaomis KI-Team MiMo war. Die Entwicklergemeinde diskutierte nicht zuerst über Herkunft, sondern über Leistung.

Zur Modellflut kommt der Preiskampf. Chinesische Anbieter unterbieten sich bei den Kosten für die Nutzung ihrer Modelle. Beinahe durch die Bank haben sie zuletzt die Preise weiter gesenkt und Rabatte angeboten. Das Ziel ist klar: Entwickler sollen möglichst viele Aufgaben auf chinesische Modelle verlagern. Was nicht absolute Spitzenleistung braucht, soll billig, schnell und skalierbar erledigt werden.

Chinesische KI-Modelle sind um einiges günstiger

Die Unterschiede sind zum Teil enorm. DeepSeek etwa senkte die Preise für sein V4-Pro-Modell so stark, dass es laut Berechnungen bis zu 97 Prozent günstiger war als OpenAIs GPT-5.5. Auch gegenüber Claude von Anthropic liegen chinesische Modelle bei einfachen oder wiederkehrenden Aufgaben deutlich darunter. Für Entwickler zählt deshalb nicht mehr nur, welches Modell in Ranglisten ganz oben steht. Entscheidend ist auch, ob ein chinesisches Modell für einen Bruchteil des Preises gut genug arbeitet.

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Das erinnert an den chinesischen Markt für Elektroautos. Auch dort begann der Aufstieg mit vielen Anbietern, staatlicher Unterstützung, hohem Technologietempo und aggressiven Preisen. Aus dem Wettbewerb gingen starke Firmen wie BYD hervor, zugleich aber auch Überkapazitäten, Margendruck und ein brutaler Verdrängungswettbewerb. Chinas KI-Branche könnte nun eine ähnliche Entwicklung erleben. Erst Überangebot und Preiskampf, dann Konsolidierung. Einige Modelle werden globale Relevanz bekommen, andere verschwinden.

Im Ausland scheint das Angebot bereits zu verfangen. Dort fragen sich immer mehr KI-Tüftler, warum sie für jede Routineaufgabe teure westliche Modelle nutzen sollen, wenn chinesische offene Modelle oft gut genug und deutlich günstiger sind.

Einen zusätzlichen Schub gab die Debatte um Anthropics neues Modell Fable. Kurz nach dem Start ordnete die US-Regierung Exportauflagen an. Anthropic sperrte den Zugang daraufhin weltweit. Erst nach gut zwei Wochen wurden die Beschränkungen wieder aufgehoben. Einige sehen darin ein Warnsignal. Wer seine Anwendung komplett auf ein einzelnes US-Modell baut, hängt nicht nur an dessen Preisen, sondern auch an politischen Entscheidungen in Washington.

Für chinesische Entwickler sind US-Modelle trotzdem wichtig. Claude und OpenAI werden im Land geschätzt, vor allem beim Programmieren. Offiziell sind sie auf dem chinesischen Markt aber nicht aktiv. OpenAI und Anthropic bieten ihre Dienste in Festlandchina nicht regulär an, zugleich sind westliche KI-Plattformen wie ChatGPT in China nur schwer oder gar nicht direkt erreichbar.

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In der Praxis nutzen chinesische Nutzer solche Modelle deshalb oft über Umwege. Lange galt das in der Branche als Grauzone. Nun gehen US-Anbieter schärfer dagegen vor. Besonders sichtbar wird das derzeit am Streit um Claude. Anthropic wirft Akteuren mit Verbindung zu Alibaba vor, das Modell in großem Stil abgefragt zu haben, um Fähigkeiten für eigene Systeme abzuschöpfen. Gemeint ist sogenannte Destillation. Dabei liefert ein starkes Modell massenhaft Antworten, mit denen ein anderes Modell trainiert oder verbessert wird.

Alibaba kommentierte die Vorwürfe zunächst nicht öffentlich, untersagte Mitarbeitern aber die Nutzung von Claude-Code am Arbeitsplatz. Auch andere US-Anbieter hatten zuvor vor solchen Zugriffen aus China gewarnt und den Zugang aus nicht unterstützten Regionen verschärft.

In China wiederum wird vor Sicherheitslücken in US-Modellen und vor deren Nutzung gewarnt. Für Peking ist das politisch nützlich. Die Botschaft lautet, dass chinesische Firmen sich nicht auf US-Chips verlassen sollen und auch nicht auf US-Modelle. Bei Nvidia versucht China seit Jahren, die Abhängigkeit zu verringern. Nun verschiebt sich dieselbe Logik auf die Modellebene. Im Idealfall entstehen starke chinesische Chips, starke chinesische Modelle und günstige Rechenleistung. Zusammen wäre das die Grundlage für eine neue KI-Exportmacht.