Somalia: Kriegschaos sorgt für Rückkehr der Piraterie
Nach Jahren der relativen Ruhe sind zuletzt wieder mehrere Frachtschiffe von somalischen Piraten angegriffen und deren Besatzungen entführt worden. Der Iran-Krieg und die Verwerfungen rund um den Schiffsverkehr im Nahen Osten ließen die Gewalt auch am Horn von Afrika wieder steigen. Fachleute zweifeln, ob die somalische Piraterie – so wie früher schon einmal – wieder eingedämmt werden kann.
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Somalia
Nach Jahren der relativen Ruhe sind zuletzt wieder mehrere Frachtschiffe von somalischen Piraten angegriffen und deren Besatzungen entführt worden. Der Iran-Krieg und die Verwerfungen rund um den Schiffsverkehr im Nahen Osten ließen die Gewalt auch am Horn von Afrika wieder steigen. Fachleute zweifeln, ob die somalische Piraterie – so wie früher schon einmal – wieder eingedämmt werden kann.
Online seit gestern, 23.36 Uhr
Zwischen 2005 und 2012 kam es am Horn von Afrika, der längsten Küste des Kontinents, zu über 1.000 Angriffen auf Schiffe, Tausende Besatzungsmitglieder wurden als Geiseln genommen. Laut einem Bericht des „Guardian“ vom Dienstag brachten die Überfälle damals Lösegeldzahlungen in Höhe von 400 Millionen US-Dollar (344 Mio. Euro) ein, die wiederum zurück an die Finanziers der Piratennetzwerke flossen, ebenso wie an die einfachen Piraten und die Gemeinden, die sie mit Waren und Dienstleistungen versorgten.
Die Angriffe ebbten aber ab, nachdem eine multinationale Anti-Piraterie-Truppe eingesetzt worden war. Die Anstrengungen waren erfolgreich, jahrelang gab es kaum mehr Berichte über somalische Piraten, die in der Region Gewalt und Terror verbreiteten.
Auch Anfang des Jahres war von einem Aufflammen nichts zu sehen: Die weltweite Piraterie sank 2026 zunächst auf den niedrigsten Stand seit 1992. Demnach gab es im ersten Quartal 38 Vorfälle, verglichen mit 90 im gleichen Zeitraum des Jahres 2025, wie die Denkfabrik Responsible Statecraft berichtete.
Angriffe sind koordiniert
Doch seit April erlebt die somalische Piraterie eine Renaissance. Nun gab es eine Reihe geografisch gehäufter und zusammenhängender Vorfälle. Mindestens sechs Handelsschiffe wurden gekapert, über 90 Seeleute gefangen genommen. Mehr als 120 Piraten operieren derzeit vor der Küste Somalias, so eine Analyse der renommierten Marinezeitung Lloyd’s List.
Der „Guardian“ berichtete zudem von zwei großangelegten und koordinierten Attacken im August: eine gegen einen Öltanker mit Verbindungen zum Iran, die andere gegen ein unter kamerunischer Flagge fahrendes Schiff, die „Lutuf“, das militärische Ausrüstung für die Türkei transportierte.
Zwei Wochen später wurde die „Lutuf“ wieder freigelassen, im Rahmen einer gemeinsamen türkisch-somalischen Operation, bei der vier Piratenschiffe zerstört wurden. Laut Angaben lokaler Beamter sei zudem ein Lösegeld in Höhe von 2,5 Millionen US-Dollar geflossen.
Piraten nutzen aktuelle Lage aus
Die Piraten nutzen die Schwachstellen in den Sicherheitssystemen der Reedereien aus, die in den vergangenen Jahren zurückgefahren worden waren. Dabei verlassen sie sich laut Fachleuten auch zunehmend auf technologische Raffinesse. Dazu gehört die Nutzung des Satelliteninternetdienstes Starlink von SpaceX, um Ziele zu verfolgen und in höchstem Tempo zu kommunizieren.
„Nicht nur haben die Marinen der Welt, die einst die Piraterie am Horn von Afrika bekämpften, ihre Ressourcen umgeleitet, um den Bedrohungen für Schiffe in diesen wichtigen Wasserstraßen entgegenzuwirken“, analysierte der Thinktank Center for Maritime Security im Juli.
Die Konflikte hätten nun auch „den Schiffsverkehr näher an die Küste Somalias gelenkt und damit opportunistischen Piraten die Möglichkeit eröffnet, Handelsschiffe anzugreifen“. Der gestiegene Ölpreis mache Angriffe auf Öltransporte für die Piraten besonders attraktiv.
Fachleute sehen Angriffe als Frühphase
Dabei spielten auch die Huthis im Jemen eine Rolle. Sie würden ihr Know-how weitergeben und ihrerseits wiederum vom Chaos im Schiffsverkehr profitieren. Etwa 70 Prozent des Schiffsverkehrs, der vor den Angriffen der Huthis im Roten Meer stattfand, werde nun um das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika herumgeleitet, vorbei an der somalischen Küste.
Die KI-Analysefirma Windward schrieb, die jüngste Häufung der Vorfälle sei als Frühphase eines anhaltenden Operationszyklus zu sehen und nicht als einen begrenzten Vorfall.
Keine Kapazitäten zur Gegenwehr
Ob erneut eine internationale Kraftanstrengung die somalische Piraterie eindämmen kann, ist fraglich. „Was als Nächstes geschieht, hängt davon ab, wie die aktuellen Entführungen verlaufen. Piraten sind auf Lösegelder angewiesen, um zu reinvestieren und junge Männer für ihre erfolgsabhängigen Verträge zu gewinnen. Schnelle und großzügige Zahlungen … könnten zur Freilassung von gekaperten Schiffen führen. Sie würden aber zu eskalierenden Risiken für alle Beteiligten führen“, analysierten die Forschenden Anja Shortland und Federico Varese im Mai auf der Plattform The Conversation.
„Kein Staat und kein Bündnis hat derzeit den Willen oder die Kapazität, eine Marinemission in dem Umfang wie 2011 und 2012 durchzuführen, als die Marinen weltweit jährlich über eine Milliarde US-Dollar für Anti-Piraterie-Operationen vor der Küste Somalias ausgaben.“ Doch diese Sicherheitslücke müsse schnell geschlossen werden. „Obwohl Piraterie ein Problem auf See darstellt, kann es nur an Land gelöst werden.“