Was ihm am besten gefiel war aber dann nicht unbedingt das kühle Wetter
KommentarFerienmachen im Norden liegt im Trend. Einer, den es normalerweise in den Süden zieht, hat es ausprobiert.Das Besondere war dann aber nicht unbedingt das Klima.16.08.2026, 06.30 Uhr3 LeseminutenJoël Hu...
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Kommentar
Ferienmachen im Norden liegt im Trend. Einer, den es normalerweise in den Süden zieht, hat es ausprobiert.
Das Besondere war dann aber nicht unbedingt das Klima.
16.08.2026, 06.30 Uhr
3 Leseminuten

Joël Hunn
«Würde und Wahn»
In dieser Kolumne schreiben Schriftsteller Nelio Biedermann, 22, bekannt durch seinen Roman «Lázár», die «Magazin»-Reporterin Rafaela Roth und Christoph Zürcher, 60, Mitglied der Chefredaktion, im Wechsel über das Zeitgeschehen, den alltäglichen Wahnsinn und die Schwierigkeit, Würde zu bewahren.
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Ich bin Typ Süden. Ich liebe Hitze. Solange sich die Feuchtigkeit in Grenzen hält, darf es gerne 40 Grad sein. Doch man kann den Norden ja mal ausprobieren. Ich buchte Estland. Eine Nation, mit der man sich wegen Putin sowieso solidarisch zeigen muss.
Ich landete morgens um zwei in Tallinn. Erwartungsgemäss war es dunkel. Doch das war jetzt der nördliche Sommer. Um drei Uhr wurde es schon wieder hell. Wäre unnötig gewesen. Das Tageslicht präsentierte tiefe Wolken und Nieselregen. Ich fand den Blick über das graue Meer trotzdem nicht unangenehm. Als Nordländer ist man nie ganz dagegen gefeit, sich von der lichtdurchfluteten Verheissung des Südens etwas unter Erwartungsdruck setzen zu lassen. Konnte einem hier definitiv nicht passieren.
Um acht wagte ich mich nach draussen. Tallinn ist architektonisch vom Sozialismus gezeichnet. Doch der Wirtschaftsboom ist unübersehbar. Die New Economy macht sich in vielen alten Fabrikanlagen breit. Eine entsprechende Kaffeekultur lässt aber noch auf sich warten. Ich fand ewig kein offenes Lokal. Meine Vermutung: Wer in Estland aus dem Haus tritt, der braucht nichts mehr, um sofort hellwach zu werden. Das übernehmen die Temperaturen, auch im Juli.
Schliesslich fand ich ein Café. Auch das ist eine neue Sommererfahrung: In Griechenland, wo ich öfter bin, kann man kein Lokal betreten, in dem kein semiwütendes Geschrei herrscht, auch wenn die Gäste nur die Thematik Honig erörtern. Hier Stille wie im Schweigekloster. Daran könnte ich mich gewöhnen. Angenehm auch der Austausch mit den Einheimischen. Hier muss man nicht bei jeder Bestellung so viele Emotionen investieren, als wäre man Teil eines Opernensembles.
Auf zur Stadtbesichtigung. Dass man die latente Schwermut mit falscher Fröhlichkeit überspielen würde, kann man nicht behaupten. Der Tod ist ein prägendes Sujet, bei Denkmälern, im Museum und auf Postkarten. Darauf überfiel mich kurz eine Programmkrise, weil jetzt die Zeit gekommen war, in der man sich in die Sommerferien Richtung Strand begibt. Es nieselte noch immer. Kleiner Paradigmenwechsel für Juli. Aber na gut, mein Hotel bot auch eine Sauna.
Zum Apéro landete ich in einer schicken Bar. Ich hatte von der Statistik gelesen, aber es ist tatsächlich augenfällig. Es leben hier deutlich mehr Frauen als Männer. Und eine Statistik, an deren Glaubwürdigkeit ich auch nicht mehr die geringsten Zweifel habe: Pro Kopf gerechnet, gibt es kein Land, das so viele Supermodels hervorbringt wie Estland. Ich verlebte schon unangenehmere Ferientage.
Am anderen Morgen mietete ich ein Auto und fuhr an die Grenze. Auf dieser Seite des Flusses wehte die Nato-Flagge, auf der anderen die von Russland. Ich folgte der Narwa ans Meer. Holzstege und endlose Dünen, so schön wie in den Hamptons. Estland darf Putin auf keinen Fall in die Hände fallen.
Christoph Zürcher, 60, Mitglied der Chefredaktion, nomadisiert durch die Welt, früher auf der Suche nach Gefahr, heute nach Ruhe. Er schreibt hier im Wechsel mit Rafaela Roth, 38, «Magazin»-Reporterin, und Nelio Biedermann, 22, Romanautor.
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