Klimaforscher Fischlin: «Ich empfinde bittere Traurigkeit» nach 40 Jahren Warnungen

Seit 40 Jahren forscht Andreas Fischlin zum Klimawandel und warnt vor dessen Folgen. Was sagt er zu den Rekord- Hitzewellen dieses Jahr? Ein Gespräch über verlorene Zeit, Zynismus und die Schweiz in 20 Jahren.

  • 7 min read
Klimaforscher Fischlin: «Ich empfinde bittere Traurigkeit» nach 40 Jahren Warnungen

Darum gehts

  • Der pensionierte ETH-Klimaforscher Andreas Fischlin warnt seit 40 Jahren vor den Folgen des Klimawandels. An den Rekord-Hitzewellen 2026 überrascht ihn nichts.
  • Auch die Schweiz habe Chancen verpasst: «China hat uns längst überholt.»
  • Ein Gespräch über Donald Trump und Albert Rösti, über verlorene Zeit, Zynismus und Genugtuung von Klimawissenschaftler.

Die Schweiz ächzt in diesem Sommer bereits unter der vierten massiven Hitzewelle, fast überall in Europa werden reihenweise Allzeit-Rekorde pulverisiert. Wir haben beim renommierten Schweizer Klimaforscher Andreas Fischlin nachgefragt, wie er diese Tage erlebt.

Herr Fischlin, Sie warnen seit 40 Jahren vor dem Klimawandel. Nun treffen viele Ihrer Warnungen ein. Fühlen Sie sich bestätigt?

Natürlich fühle ich mich bestätigt. Aber ich empfinde keinen Triumph, eher bittere Traurigkeit. Wenn der US-Präsident sagt, der menschengemachte Klimawandel sei ein Schwindel, ringt man um Atem.

Wenn Bundesrat Rösti sagt, eine derart heftige Hitze habe er nicht erwartet, ist man versucht zu sagen: Wer nicht hören will, muss fühlen. Das ist aber bloss bitter, denn auch jene, die auf unsere Warnungen gehört haben, müssen die Folgen ertragen.

Wo wurde Zeit verloren?

Wir hätten den weltweiten Höchststand der Treibhausgasemissionen spätestens zwischen 2020 und 2025 erreichen müssen. Stattdessen sind sie weiter gestiegen. Dabei ist klar, was geschehen muss: Wir müssen so schnell wie möglich fossilfrei und klimaneutral werden.

Auch die Schweiz hat Chancen verpasst. Bei der Photovoltaik waren wir in der Forschung und in der praktischen Anwendung einmal führend. Doch wir haben sie nicht ausreichend unterstützt, weil viele glaubten, sie habe keine Zukunft. Inzwischen hat uns China längst überholt.

«Es wurden weiter Gebäude mit dunklen Fassaden oder versiegelte Plätze wie bei der Europaallee in Zürich gebaut.»

Andreas Fischlin, pensionierter ETH-Klimaforscher

Wo zeigen sich die Versäumnisse besonders deutlich?

Zum Beispiel bei der Infrastruktur. Es wurden weiter Gebäude mit dunklen Fassaden oder versiegelte Plätze wie bei der Europaallee in Zürich gebaut, ohne die zunehmende Hitze mitzudenken.

Solche Fehlentscheide lassen sich nicht von heute auf morgen korrigieren. Dafür sind nicht allein die Regierungen verantwortlich; auch Fachleute wie Architekten haben das Problem leider verschlafen.

Viele reden von «einfach einem heissen Sommer». Wie differenzieren Sie als Klimaforscher?

Natürlich ist es ein heisser Sommer, und das Wetter schlägt Kapriolen. Aber eine solche Kapriole wäre ohne den menschengemachten Klimawandel extrem unwahrscheinlich. Vorläufige Forschungsresultate deuten darauf hin, dass ein Sommer wie 2026 ohne ihn praktisch unmöglich wäre – «virtually impossible», also mit einer natürlichen Wahrscheinlichkeit von höchstens einem Prozent.

Aber ich verstehe, dass Klimawandel abstrakt ist, weil er statistisch beschrieben wird. Für eine solide Analyse braucht man 30 Jahre Messungen und hinkt deshalb mit Aussagen zum Klimawandel immer etwas hinterher. Darauf kann die Politik aber nicht warten. Da muss man vorausschauend handeln.

Was bedeutet die massiv gestiegene Wahrscheinlichkeit konkret: Könnte es schon nächstes Jahr wieder einen Sommer wie jetzt geben?

Ja, denkbar, aber das lässt sich nicht voraussagen. Klar ist nur: Solche Sommer werden immer häufiger. Berechnungen zum Sommer 2018 zeigen: Bei einer globalen Erwärmung um zwei Grad würden wir mit 97-prozentiger Wahrscheinlichkeit jedes Jahr einen mindestens so heissen Sommer erleben. Und der Sommer 2026 ist nach den bisherigen Daten in der Schweiz und Europa vermutlich sogar extremer als jener von 2018.

Überrascht Sie etwas an den aktuellen Hitze- und Trockenheitsrekorden in Europa?

Nein.

«Vielleicht wollen manche diese unschöne Realität nicht wahrhaben. Aber ich glaube, vielen dämmert: Die Wissenschaft hat doch recht.»

Lösen solche Hitzewellen ein politisches Umdenken aus?

Ja, das denke ich schon. Die meisten Menschen bringt das zum Nachdenken. Sie sehen die schmelzenden Gletscher und Bauern, die Mühe haben, Wasser für ihre Kühe zu finden. Vielleicht wollen manche diese unschöne Realität nicht wahrhaben. Aber ich glaube, vielen dämmert: Die Wissenschaft hat doch recht.

«Wir müssen so schnell wie möglich Netto-Null erreichen. Alles andere wird sehr teuer und schmerzhaft.»

Der Klimagipfel von Kopenhagen galt 2009 als Fiasko. Sechs Jahre später kam das erfolgreiche Pariser Klimaabkommen, weil erst danach mehr Menschen das Gefühl hatten, dass etwas mit dem Wetter nicht mehr stimmt. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Aber bis heute ist noch nicht allgemein verstanden worden: Wir müssen so schnell wie möglich Netto-Null erreichen. Alles andere wird sehr teuer und schmerzhaft. Hierzu müssen wir auch die Rahmenbedingungen ändern.

Gemeinden, Kantone und Bund müssen beitragen, ebenso jede und jeder Einzelne – mindestens mit dem Stimmzettel und auch ganz konkret: Wird zum Beispiel eine Heizung ersetzt, darf es keine Öl- oder Gasheizung mehr sein, sondern etwa eine Wärmepumpe.

Laut einer Comparis-Umfrage lassen sich 80 Prozent beim Einkaufen nicht von der Klimadebatte beeinflussen. Was denken Sie da?

Daraus darf man nicht schliessen, dass ihnen der Klimawandel gleichgültig ist. Hier spielt die kognitive Dissonanz eine Rolle: Viele sorgen sich ums Klima, richten ihr Verhalten aber nicht konsequent danach aus.

Andere Umfragen zeigen seit Jahren, dass die Angst vor dem Klimawandel viele beschäftigt. Doch die Verantwortung liegt nicht allein bei den Konsumentinnen und Konsumenten. Entscheidend ist auch, was Firmen anbieten.

«Was kann die kleine Schweiz ausrichten, solange Hauptverschmutzer wie China und die USA nicht mitziehen?» – Was sagen Sie dazu?

Mich ärgert das Argument ein wenig. Wie wenn ein Kind etwas angestellt hat und meint «das andere hat aber auch». Sagen wir dann nicht auch immer, dass das keine Rolle spiele? Beim Klimaschutz gilt das genauso.

«China könnte noch positiv überraschen.»

Weltweit sind wir der fünftgrösste Finanzplatz. Auch sonst darf man nicht unterschätzen, welchen Einfluss die Schweiz in vielen Belangen hat. Darum tragen wir beim Klimawandel auch einiges an Verantwortung.

Zudem stimmt es nicht, dass China nichts unternimmt: Das Land nimmt den Klimawandel ernst, plant langfristig und investiert massiv in erneuerbare Energien. China könnte uns noch positiv überraschen.

Die USA dagegen – mit 23 Prozent Anteil am bisherigen Klimawandel das Land mit der grössten historischen Verantwortung –, machen unter der jetzigen Regierung leider genau das Falsche. Das ist schon fast grauenhaft angesichts der Dringlichkeit des Problems.

Wie sieht die Schweiz in 20 Jahren aus?

Die in Paris beschlossene Erwärmungsgrenze von 1,5 Grad werden wir leider sehr wahrscheinlich überschreiten, denn wir haben in den letzten Jahren zu viel versäumt. Aber danach ist nicht alles verloren. Ab Netto-Null ist auch eine Umkehr möglich.

Machen wir jedoch im Stil von «Drill, baby, drill» weiter, verschwinden die Schweizer Gletscher gegen das Jahrhundertende praktisch ganz. Erreichen wir aber rasch Netto-Null, können wir noch einen Teil retten.

«Wir könnten noch einen Teil der Gletscher retten.»

Die weltweiten CO₂-Emissionen aus fossilen Energieträgern erreichten 2025 mit 38,1 Milliarden Tonnen einen Rekord. Die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre lag 52 Prozent über dem vorindustriellen Wert. Quelle: Global Carbon Project.

Die weltweiten CO₂-Emissionen aus fossilen Energieträgern erreichten 2025 mit 38,1 Milliarden Tonnen einen Rekord. Die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre lag 52 Prozent über dem vorindustriellen Wert. Quelle: Global Carbon Project.AFP

Auch die Landwirtschaft wird stark leiden. Einen extremen Sommer verkraftet sie vielleicht, zwei nacheinander viel schwerer. Solche kombinierten Folgen nennen wir «compound risks». Mit dem Klimawandel gibt es auch mehr Starkregen. Auf ausgetrockneten Böden kann der rasch Überschwemmungen auslösen.

Als «Wasserschloss Europas» wird die Schweiz mit anderen Ländern aushandeln müssen, wer wann wozu wie viel Wasser nutzen darf – etwa wenn es zur Kühlung von Atomkraftwerken fehlt. Daraus können auch Konflikte entstehen.

«Die Hunde bellen, doch die Karawane zieht weiter – wir müssen weiter sagen, was Sache ist.»

Wie haben Sie und Ihre Kollegen es vermieden, zynisch zu werden?

Als wir wegen unserer Arbeit stark angegriffen wurden, trösteten wir uns mit einem Spruch: Die Hunde bellen, doch die Karawane zieht weiter – wir müssen weiterhin sagen, was Sache ist.

Welche Früchte hat Ihr jahrzehntelanger Einsatz getragen – und was stimmt Sie positiv?

Ich durfte als Wissenschaftsvertreter der Schweizer Delegation dazu beitragen, dass die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad in das Pariser Klimaabkommen aufgenommen wurde.

Und die lange verteufelten erneuerbaren Energien funktionieren und sind heute sogar die günstigsten Energiequellen überhaupt. Das gibt mir eine gewisse Genugtuung – nicht weil wir recht hatten, sondern weil es zeigt, dass Lösungen möglich und greifbar nahe sind.

«Manche wollten uns abschaffen»

Tages-Anzeiger/Urs Jaudas

Andreas Fischlin ist pensionierter ETH-Professor und Experte für Klima und Ökosysteme. Er leitete von 1988 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2015 die Fachgruppe für Terrestrische Systemökologie am Departement für Umweltsystemwissenschaften und war federführend beim Aufbau dieses Departementes, insbesondere mit dem zugrunde liegenden ETH-Studiengang Umweltnaturwissenschaften.

«Anfangs wurden wir von der Hochschulleitung und aus der Industrie heftig angegriffen. Manche wollten uns sogar abschaffen», so Fischlin im Gespräch mit 20 Minuten. «Heute sind wir in einem internationalen Ranking die Nummer eins in Europa und die Nummer vier weltweit.»

Fischlin engagiert sich seit 1992 in verschiedenen Führungs- und Autorenrollen für den Weltklimarat (IPCC). Durch seine massgebliche Mitarbeit am Vierten Sachstandsbericht empfing er 2007 als Teil des IPCC den Friedensnobelpreis.

Er vertrat die Schweizer Wissenschaftsgemeinschaft über 17 Jahre lang in den offiziellen Delegationen bei den UN-Klimaverhandlungen. Als Co-Leiter des «Structured Expert Dialogue» trug er stark dazu bei, dass die 1,5-Grad-Grenze im Pariser Klimaabkommen verankert wurde.

Ann Guenter

Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.