Kein NFL-Team, aber alle Fans: Saudi-Arabiens Milliarden-Deal mit EA verändert alles
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Kein NFL-Team nötig: Saudi-Arabien übernimmt EA und erreicht Millionen US-Fans per Videospiel
Stand: 08.08.2026, 06:28 Uhr
Saudi-Arabien muss kein NFL-Team mehr kaufen: Der EA-Deal verschafft Riad einen Zugang in die Wohnungen und Gewohnheiten von Fans in ganz Amerika.
Seit Jahren verfolgt der Public Investment Fund (PIF) von Saudi-Arabien eine klare Anlagestrategie: Teams aufkaufen, neue Ligen gründen und so viele hochkarätige Turniere wie möglich ausrichten, um das Königreich zu einer globalen Sportmacht zu machen. Nun aber hat sich die Strategie geändert, just in dem Moment, in dem der Iran-Krieg die Verwundbarkeit eines Portfolios offengelegt hat, das an Stadien, Rennstrecken und Teams gebunden ist.
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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsweek.com.
Der PIF kündigte Anfang dieses Jahres an, seine Finanzierung von LIV Golf einzustellen, der milliardenschweren Initiative, mit der Spitzengolfer von der PGA Tour abgeworben werden sollten. Das fiel zusammen mit dem Verkauf einer 70-prozentigen Beteiligung am saudischen Spitzenfußballklub Al-Hilal und damit, dass Riad von Plänen abrückte, die Asiatischen Winterspiele und die Rugby-Weltmeisterschaft auszurichten. Doch dabei handelt es sich keineswegs um einen Rückzug. In der ersten Augustwoche besiegelte ein vom PIF geführtes Investorenkonsortium – darunter Jared Kushners Affinity Partners – die Übernahme von Electronic Arts (EA) für 55 Milliarden Dollar (rund 48 Milliarden Euro), einem weltweit renommierten Videospielentwickler fast aller führenden Sportspiele, darunter Madden NFL.
All der Einfluss Saudi-Arabiens auf Fußball, Golf, Boxen und die Formel 1 hat bislang nie zu einem NFL-Franchise geführt, das dem PIF gehört. Jetzt, da sich Drew Brees und Larry Fitzgerald auf ihre Aufnahme in die Pro Football Hall of Fame vorbereiten und eine neue Saison bevorsteht, hat der Staatsfonds einen anderen Weg in Amerikas Lieblingssport gefunden. Wozu ein einziges NFL-Team besitzen, wenn man das Unternehmen kontrolliert, das alle 32 Teams, ihre Trikots und Starspieler in Millionen Haushalte bringt – und dabei erfasst, was Fans kaufen und wie sie spielen?
Sport als Hebel für Vision 2030
Saudi-Arabiens große Wette auf den Sport ist ein zentrales Element von Vision 2030 – der großen Strategie des Golfstaates, seine Wirtschaft von der Abhängigkeit von Öl-Einnahmen zu lösen und zugleich eine neue Art geopolitischen Einflusses aufzubauen. Kritiker betiteln diesen Ansatz als „Sportswashing“, also als Versuch, von der schwachen Menschenrechtsbilanz des Landes abzulenken. Die Strategie hat messbar Aufmerksamkeit generiert: Saudi-Arabien behält die Rechte zur Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2034 und bleibt stark im Fußball, Boxen, Mixed Martial Arts und Motorsport engagiert.
Doch es gibt Grenzen. Diese Investitionen erzeugen einen starken, aber kurzen Aufmerksamkeitsschub und kurzfristigen Umsatz: Ein großer Schwergewichtskampf, ein Rennwochenende oder ein Turnier kann enorme Summen einspielen – doch dann ist es vorbei. Das Gleiche gilt für den Besitz eines Teams: Man erobert vielleicht dessen Fanbasis und generiert Einnahmen aus Merchandising und Tickets, aber der Ertrag ist auf das begrenzt, was genau dieses eine Team erreichen kann. Der Kauf von EA durchbricht für Saudi-Arabien diese Grenzen und verschafft dem Land vor allem Zugang zum amerikanischen Markt.
Wie EA Amerikas Fans verbindet
EA und die NFL verlängerten 2025 ihre exklusive, mehrjährige Vereinbarung, die Madden als einzig authentische NFL-Simulationsreihe sichert. Nach Angaben der NFL werden jedes Jahr mehr als zwei Milliarden Madden-Partien gespielt, während Fans täglich das Äquivalent von 23.000 NFL-Saisons absolvieren. Es spielt keine Rolle, ob man Fan der Patriots ist oder die Broncos unterstützt; wer Videospiele mag, spielt Madden. Die Rechte des Entwicklers an College Football erfüllen eine ähnliche Funktion auf amerikanischen Hochschulgeländen und in den Konferenzen, während NHL und UFC die Reichweite des Unternehmens in andere US-amerikanische Fanbasen ausdehnen.
EA wandelt diese Fangemeinde in Umsatz um, im vergangenen Jahr waren es knapp 7,5 Milliarden Dollar (rund 6,5 Milliarden Euro). Einmalige Turniere mieten gewissermaßen die Aufmerksamkeit eines Fans, doch Gaming holt die Spieler Nacht für Nacht zurück. Das Interesse des PIF an EA geht dabei über die Sicherung einer weiteren verlässlichen Einnahmequelle hinaus. Die Datenschutzerklärung von EA besagt, dass das Unternehmen Konto- und Abrechnungsdaten, Kaufhistorien, Spielstatistiken, Geräteinformationen, ungefähre Standortdaten sowie Interaktionen mit sozialen Funktionen und Werbung seiner Kunden erfassen darf.
Daten, Werbung und ein digitales Imperium
Das Ergebnis ist eine umfangreiche Sammlung von Verbraucherinformationen, die entscheidend dafür sind zu verstehen, welche Produkte Spieler halten, was sie kaufen und wie sie auf Werbung reagieren. EA baut auf diesen Beziehungen bereits ein größeres Geschäft auf. Vor weniger als zwei Monaten brachte das Unternehmen EA Advertising auf den Markt, eine Plattform, die Marken Zugang zu EAs Portfolio an Spielen und Diensten bietet, die nach Angaben von EA im letzten Geschäftsjahr monatlich mehr als 120 Millionen Spieler erreichten. Damit wird Sportleidenschaft in etwas Messbares, Skalierbares und dauerhaft Monetarisierbares verwandelt.
Gaming ist zudem ein Geschäft, das weit weniger anfällig für die Verwundbarkeiten ist, die physische Vermögenswerte im Nahen Osten belasten. Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat den „sicheren Hafen“-Status der Golfstaaten zerstört. Er führte zur Absage des Formel-1-Rennens in Saudi-Arabien und anderer großer Motorsportveranstaltungen in der Golfregion – mit enormen finanziellen Verlusten –, während der Große Preis von Katar weiterhin gefährdet ist. Madden-Spieler in Boston, Denver oder Dallas spielten unterdessen einfach weiter. All dies fügt sich nahtlos in die jüngst verkündete Anlagestrategie des PIF für die nächsten vier Jahre ein.
Neue Strategie, neue Risiken
„Die Strategie 2026–30 markiert eine natürliche Weiterentwicklung, da der PIF von einer Phase raschen Wachstums und Beschleunigung zu einer neuen Phase nachhaltiger Wertschöpfung übergeht, mit einem stärkeren Fokus auf die Maximierung der Wirkung und die Steigerung der Effizienz von Investitionen“, hieß es in einer jüngsten Pressemitteilung. Vor der von Saudi-Arabien geführten Übernahme war EA mehr als drei Jahrzehnte lang börsennotiert und wurde Anfang dieser Woche noch mit über 200 Dollar je Aktie gehandelt, bevor das Unternehmen wieder in Privatbesitz überging. Doch der spektakuläre Buyout bringt für den PIF erhebliche Herausforderungen mit sich.
Der Kauf von EA ist nicht gleichbedeutend mit einem unkomplizierten Erwerb der Madden-NFL-Lizenz und der Rechte am übrigen Spielekatalog des Unternehmens. Der PIF kauft auch die Gewohnheit von Millionen Fans, die erwarten, dass jede Ausgabe, jedes Produkt und jedes Erlebnis ihre Zeit und ihr Geld weiterhin wert ist. Von den 55 Milliarden Dollar (rund 48 Milliarden Euro), die der PIF für die Übernahme von EA zahlt, entfallen fast 20 Milliarden (rund 17 Milliarden Euro) auf Schulden, die vom Unternehmen selbst bedient werden müssen. EA teilte laut Bloomberg Anleiheinvestoren mit, man wolle jährlich rund 700 Millionen Dollar (rund 607 Millionen Euro) an Kosten einsparen, darunter 170 Millionen (rund 147 Millionen Euro) durch „organisatorische Effizienzen“, um den Schuldendienst zu stemmen.
Die Loyalität der Gamer als entscheidender Faktor
Das nährt die Sorge, dass dem Spieleentwickler eine Serie von Massenentlassungen und Sparmaßnahmen bevorsteht, die sich auf die Qualität der Produkte auswirken könnten. Spieler haben zwar keine andere authentische NFL-Simulation, die sie kaufen können, doch sie können die Vorjahresversion weiterspielen, Zusatzinhalte nicht mehr erwerben oder ihre Aufmerksamkeit anderswohin verlagern. Wenn Sparprogramme die Produkte verschlechtern oder ausufernde Monetarisierungsstrategien jeden Bildschirm in eine Werbe- oder Verkaufsshow verwandeln, beginnen jene wiederkehrenden Fanbeziehungen zu erodieren, die EA so wertvoll gemacht haben.
Der PIF muss keinen NFL-Teambesitzer davon überzeugen, ihm ein Franchise zu verkaufen. Über seine Spiele kann er alle Fangemeinden gleichzeitig erreichen, doch diese Beziehung gehört ihm nur so lange, wie die Fans weiter auf „Start“ drücken.