König Mohammed VI.: Falschmeldungen über Gefangene und Ceuta verbreiten sich viral
Publiziert1. August 2026, 15:04Mohammed VI. von MarokkoJugend drängt nach Europa, König baut Stadien und lebt im LuxusDie Protestbewegung «GenZ 212» kritisiert Marokkos König für Milliardeninvestitionen in Stad...
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Publiziert1. August 2026, 15:04
Mohammed VI. von MarokkoJugend drängt nach Europa, König baut Stadien und lebt im Luxus
Die Protestbewegung «GenZ 212» kritisiert Marokkos König für Milliardeninvestitionen in Stadien statt in die Gesundheitsversorgung. Der Monarch steht nach dem Arabischen Frühling erneut unter Druck.

Darum gehts
- Falschmeldungen bei Social Media behaupten, Marokkos König Mohammed VI. habe Gefängnisse geleert, um Spanien zu sabotieren.
- Tatsächlich handelt es sich um eine königliche Tradition: Zum Thronjubiläum am 30. Juli erhielten 1'788 Häftlinge Strafmilderungen – die meisten sitzen weiterhin in Haft.
- Gleichzeitig wächst in Marokko die Protestbewegung «GenZ 212», die mehr Investitionen in Spitäler und Bildung statt in Fussballstadien fordert.
Immer wieder hören die 20-Minuten-Reporter in Ceuta von Marokkanern Kritik an ihrem Monarchen – zumindest hinter vorgehaltener Hand. «Die Königsfamilie schwelgt im Luxus, während es den Leuten schlecht geht», sagt jemand. Auch andere sagen, Mohammed VI. habe zum Königstag am 30. Juli Menschen nach Ceuta geschickt als diplomatischen Schachzug.
Deutlicher wird Ayoub Elharous (26) gegenüber der schwedischen Tageszeitung «Dagens Nyheter»: «Der König wollte seine Probleme lösen. Also öffnete er die Tore – und liess unsere jungen Männer sterben», sagt er empört.
Innerhalb weniger Tage haben 60'000 Menschen die Grenze zur spanischen Exklave Ceuta in Marokko überquert. Viele, weil sie sich ein besseres Leben in Europa erhofften. Inzwischen ist die Mehrheit enttäuscht wieder zurückgegangen.
Der König ist nur noch «unantastbar» und nicht mehr «heilig»
Der gesundheitlich angeschlagene Mohammed VI. hat in letzter Zeit Rückhalt in der Bevölkerung verloren. In Marokko droht Menschen eine Haftstrafe, wenn sie Mohammed VI. oder seine Entscheidungen öffentlich kritisieren. Trotzdem wuchs in den letzten Monaten eine Protestbewegung mit dem Namen «GenZ 212» heran, die die Prioritäten des Königs bemängelt.
Bekannt sind etwa Rufe wie: «Die Stadien sind da, aber wo sind unsere Spitäler?» Selbst der König muss regelmässig ins Ausland reisen, um sich behandeln zu lassen.
Für die Afrikameisterschaft 2025 und die Weltmeisterschaft 2030 investiert Marokko Milliarden in neueste Fussballstadien. Weiter fliesse viel Geld in Prestigeprojekte wie Hochgeschwindigkeitszüge oder moderne Häfen, während die Basisinfrastruktur bröckle, sagen Kritiker. Die Jugend fordert, dass stattdessen mehr in die Gesundheitsversorgung und die Bildung investiert wird. Fast 70 Prozent der Marokkaner unter 30 Jahren wollen das Land verlassen, wie eine Umfrage des Forschungsinstituts Arab Barometer zeigt.
Ähnliche Forderungen stellte die Bevölkerung bereits 2011 während des Arabischen Frühlings. Damals wollten die Menschen auf der Strasse, dass der König einen Teil seiner Macht abgibt und den Übergang zu einer parlamentarischen und konstitutionellen Monarchie einleitet. Damals gelang dem Königshaus ein Meisterstück in der Machtsicherung, schreibt etwa das «International Institute for Democracy and Electoral Assistance».
In einer historischen TV-Ansprache kündigte Mohammed VI. eine Verfassungsreform mit Volksabstimmung an, um die Demonstrierenden zu besänftigen. So sollte der König künftig nur noch Premierminister ernennen dürfen, die der stärksten Partei angehören. Auch sein eigener Status sollte herabgestuft werden. In der Verfassung soll der König nur noch als «unantastbar» und nicht mehr als «heilig» bezeichnet werden. Die Verfassungsreform wurde praktisch einstimmig angenommen. Mit den minimalen Zugeständnissen habe der Palast die Proteste neutralisiert, während die Kernelemente der Macht intakt blieben.
Wegen seiner Gesundheit tritt Mohammed VI. kürzer
König Mohammed VI. gilt als einer der reichsten Menschen Afrikas, «Forbes» schätzt sein Vermögen auf 5,7 Milliarden US-Dollar. Via der royalen Holdinggesellschaft Al Mada kontrolliert er Schlüsselsektoren der Wirtschaft: Banken, Telekommunikation, Energie, Bergbau. Die königlichen Monopole verhindern fairen Wettbewerb und schwächen damit das Wirtschaftswachstum, wie etwa das Netzwerk «Arab Reform Initiative» kritisiert, das unter anderem von der Schweiz mitfinanziert wird.
Stell dir vor, du hättest Milliarden zur Verfügung: Wo würdest du zuerst investieren?
Ganz klar in Gesundheit und Bildung, das ist die Basis.
In Infrastruktur und Projekte, die das Land international bekannter machen.
In Umweltschutz und nachhaltige Technologien.
Ich würde einen Mix aus allem machen, je nach Bedarf.
Ich würde das Geld lieber direkt an die Bevölkerung verteilen.
Ich überlasse solche Entscheidungen lieber den Experten.
Die Journalistin Catherine Graciet erkannte gar nahezu mafiöse Tendenzen im Königshaus, weil sich auch das Umfeld des Monarchen bereichere. Ihr Enthüllungsbuch «Le Roi prédateur» (dt. etwa: der Räuberkönig)» ist in Marokko verboten.
Die Königsfamilie residiert im Palast in Rabat, wo auch der Sitz des Regierungschefs sowie wichtiger Ministerien ist. Das Dar al-Makhzen gilt als Stadt in der Stadt, weil es hinter den Palastmauern alles gibt: eine Golfanlage, einen Pferdestall, eine Bäckerei, eine Schule für die Royals, eine Bibliothek, eine Kaserne, eine Moschee und viele weitläufige Gärten. Insgesamt besitzt die königliche Familie Marokkos über 30 Paläste, Residenzen und Villen, um die sich Tausende Angestellte kümmern, was pro Jahr etwa 230 Millionen Franken kostet, gemäss «Gulf News».

In den letzten Jahren musste König Mohammed sein Geld vermehrt in seine eigene Gesundheit investieren. 2018 in Paris und 2020 in Rabat liess er sich operieren, um seine Herzrhythmusstörungen zu behandeln. Seit langem halten sich zudem Gerüchte, dass ihn chronische Atemwegsprobleme plagten und er darum öfter längere Erholungsaufenthalte in Frankreich verbrachte.
Auch darum lässt sich Mohammed VI. zunehmend von seinem Sohn, Kronprinz Moulay Hassan (23), und seinem Bruder, Prinz Moulay Rachid (56), vertreten.

Dario Aeberli (dae), Jahrgang 1995, arbeitet seit Oktober 2023 als People-Redaktor bei 20 Minuten. Zuvor war er Lokaljournalist und beim «Migros-Magazin».