Jesus Christ Superstar: Erfurter Domstufen-Festspiele starten ausverkauft
Steffi Becker hebt bedauernd die Schultern auf die Frage, wie man denn noch zu Tickets für das diesjährige Hauptstück der Erfurter Domstufen-Festspiele kommt. Wenn vom 7. August bis Ende dieses Monats vor der m...
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Steffi Becker hebt bedauernd die Schultern auf die Frage, wie man denn noch zu Tickets für das diesjährige Hauptstück der Erfurter Domstufen-Festspiele kommt. Wenn vom 7. August bis Ende dieses Monats vor der malerischen Kulisse zwischen dem Dom und der Kirche St. Severi gleich 21-mal die Rockoper „Jesus Christ Superstar“, ein Frühwerk von Musical-Ikone Andrew Lloyd Webber, zur Aufführung kommt, dann braucht man Glück, genau genommen sehr viel Glück, noch irgendein Ticket zu ergattern. Denn erstmals ist beim 33. Jahrgang der Domstufen-Festspiele bereits vor dem Start der Aufkleber „ausverkauft“ an allen Terminen angepinnt.
„Man braucht wirklich großes Glück, vielleicht vor dem Gelände jemanden zu finden, der noch das eine oder andere Ticket verkauft. Im freien Verkauf sieht es echt düster aus“, gesteht die Pressechefin des Erfurter Theaters. Dabei schlagen zwei Herzen in ihrer Brust. Einerseits sei es natürlich ein großes Glücksgefühl, dass man erstmalig schon vor dem Festivalstart ausverkauft sei. Andererseits seien viele Spontankäufer, Touristen und Kulturfreunde, die sich nur kurzfristig entscheiden konnten, natürlich enttäuscht.
„Musical ist bei uns im Haus als niederschwellige Art der Musiktheater-Unterhalteng sehr gefragt, was sich auch an den Vorstellungen der wiederaufgenommenen ‚Titanic‘ gezeigt hat. Das Genre lockt mehr Publikum an, als andere Bereiche, wie eben beispielsweise Oper. Musical ist in Erfurt extrem beliebt“, konstatiert Steffi Becker, erzählt aber auch, dass man für 2027 mit „La Traviata“ wieder eine der großen Verdi-Opern aufführen wird.
Kulisse der Erfurter Domstufen ist ein Magnet
Sie vermutet, dass beim Run auf die Tickets in diesem Jahr zum Stück über die sieben letzten Tage des Gottessohnes auch eine Rolle gespielt habe, dass diese den meisten Menschen – egal ob gläubig oder nicht – doch recht geläufig sei. Es werde zudem auf Deutsch gesungen. Alles ist somit sehr verständlich und die Inszenierung verspricht große Musiktheaterkunst auf einer einzigartigen Bühne im Herzen der Stadt. Und: „Die Kulisse ist schon auch ein Magnet“, sinniert die Pressechefin des Erfurter Musentempels mit einem gedanklichen Blick auf das Ensemble der zwei Gotteshäuser.
Seit 32 Jahren werden die 70 Stufen vor dem Dom und der St.-Severi-Kirche an 21 Sommerabenden vom Theater Erfurt in eine Open-Air-Bühne für Musiktheater verwandelt. Hunderttausend Besucher haben dieses einzigartige Erlebnis bereits erlebt, das nicht nur Gäste aus Thüringen, sondern aus ganz Deutschland und sogar den europäischen Nachbarländern anzieht. Über die Jahre habe man sowohl die technischen Möglichkeiten als auch die Infrastruktur kontinuierlich weiterentwickelt.
Die Tribüne bietet mittlerweile 2100 Sitzplätze sowie ein halbes Dutzend Rollstuhlplätze mit behindertengerechtem Zugang. Das gesamte Festspielgelände ist barrierefrei zugänglich. Und dank der zentralen Lage und der gut ausgebauten Infrastruktur ist auch die Anreise unkompliziert – zu Fuß, mit der Bahn, dem Auto oder sogar per Flugzeug, lacht Steffi Becker.
Anreise mit Auto und ÖPNV ist dieses Jahr schwierig
Wobei das mit dem Auto und dem ÖPNV in diesem Jahr eher eine vage Hoffnung ist, denn die Thüringer Landeshauptstadt gilt in diesem Jahr als Großbaustelle, insbesondere am Hauptbahnhof muss man seine sieben Sinne gut beisammen haben, um nicht vom rechten Wege abzukommen.
Wer es auf den Domplatz geschafft hat, darf sich bei „Jesus Christ Superstar“ auf ein legendäres Rock-Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice freuen, das vor 55 Jahren am Broadway in New York seine Uraufführung fand. Die in Erfurt aufgeführte deutsche Fassung stammt von Timothy Roller. In der Inszenierung von Regisseur Peter Lund mit einem gigantischen Bühnenbild von Hank Irwin Kittel, der damit nach 24 Jahren seine Zeit als Ausstatter im Theater Erfurt beendet, erleben die Besucher nach 21 Jahren erstmals wieder die letzten sieben Tage im Leben Jesu in freier Anlehnung an die Bibel.
Das Musical beleuchtet vor allem die menschliche Seite Christi, der wie alle Menschen Liebe, Hoffnung und Angst empfindet. Die Zerbrechlichkeit des Protagonisten wird in eine Geschichte über Revolution, Unterdrückung, Geldgier und natürlich „Love and Peace“ eingebettet.
Man merkt dem Stoff an, dass Woodstock noch nicht lange zurücklag, als Webber und Rice „Jesus Christ Superstar“ schufen. Das Stück war sogar als Doppel-Langspielplatte wochenlang in den britischen Musik-Charts, bevor sich die Autoren entschlossen, es wirklich bühnentauglich zu machen und es am Broadway herauszubringen, sagt die Legende. Eine 1973 erfolgte Hollywood-Verfilmung tat ihr Übriges, um das Werk zu einem der erfolgreichsten Stücke des 20. Jahrhunderts zu machen.
Alter Bekannter inszeniert das legendäre Broadway-Stück
Mit Peter Lund als Regisseur kam ein alter Bekannter an seine frühere Wirkungsstätte zurück. „Unser Konzept für die neue Produktion von Jesus Christ Superstar wird bestimmt vom historischen Umfeld. Die berühmten Domstufen sind ein religiös aufgeladener Ort und damit ein ideales Gegengewicht für die geniale Idee von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice, die letzten Tage Jesus als moderne Rockoper zu gestalten. Unsere Produktion wird so zu einer Reise durch die Zeit, von der historischen Weihnachtsgeschichte bis zum hysterischen amerikanischen TV-Gottesdienst. Aber eines bleibt in diesen 2000 Jahren immer gleich: Jesus Botschaft wird missverstanden, manipuliert und missbraucht“, erklärt Lund seinen Ansatz.
In sieben überdimensionalen Bilderrahmen wolle er die ewige Geschichte der Ausgrenzung von Minderheiten durch die Jahrhunderte erzählen – denn offensichtlich habe die Menschheit ja immer noch nicht gelernt, unsere Nächsten wie uns selbst zu lieben.
Für die Choreografie ist Bart De Clercq verantwortlich, der voriges Jahr erst den Deutschen Musical Theater Preis 2025 in der Kategorie „Beste Choreographie“ für seine Arbeit an dem Musical „Die Weiße Rose“ am Festspielhaus Neuschwanstein in Füssen verliehen bekam.
Seit 2021 sorgt das Philharmonische Orchester Erfurt bei den DomStufen-Festspielen für ein besonderes musikalisches Erlebnis: Die Musikerinnen und Musiker spielen live im 500 Meter entfernten Theater Erfurt, während ihre Musik per Glasfasertechnik blitzschnell auf den Domplatz übertragen wird. Unter idealen akustischen Bedingungen im Großen Haus entsteht so ein Klang auf höchstem Konzertniveau. Gleichzeitig sind Orchester und Instrumente vor den oft wechselhaften Witterungsbedingungen auf dem Domplatz geschützt, sodass sich die Musik in all ihrer Tiefe und Brillanz entfalten kann.
Zusätzlich zum symphonischen Orchester spielt im Theater Erfurt eine klassische Rockband mit E-Gitarre, E-Bass und Drumset die rockigen Sounds ein.
Familienstück an neuem Ort: Premiere ist am 15. August
Wer bisher kein Ticket gekauft hat und sein Glück auch nicht überstrapazieren mag, dem sei ein Ausflug mit der Familie zum zweiten Stück in diesem Jahr empfohlen – einem klassischen Familienstück, das auch Kinder ab fünf Jahren an das Thema Musik und darstellendes Spiel heranführen soll. Für das Stück „Bärbeiß“, das ab 15. August zwanzigmal zur Aufführung kommt, hat man in diesem Jahr eine Extra-Tribüne in den Severi-Park gebaut – für 300 Besucher. „Die Kulisse ist echt super - man sieht quasi auf einen Campingplatz, auf dem der grummelige Bärbeiß in seinem alten DDR-Wohnwagen lebt und eigentlich seine Ruhe haben will“, erzählt Steffi Becker.
Am Ende erkennt er in diesem raffinierten Familienstück, dass Einsamkeit irgendwie kein gutes Lebenskonzept ist. Unter anderem gibt es eine Band in Hasenkostümen aus vier Musikern und viele Darsteller in tierischen Kostümen - vom Graureiher bis zum Königspinguin. „Die Besucher sitzen im Schatten der alten Bäume und genießen einen schönen Blick vom Petersberg, den man so noch nie bekommen hat“, schwärmt Steffi Becker.
Das Kinderstück nach Annette Pehnt mit Musik von André Kassel wurde entsprechend den beliebten Bärbeiß-Kinderbüchern inszeniert, die Bühnenfassung und Liedtexte stammen von Swaantje Lena Kleff und Kathrin Kondaurow.
Tickets für den Familientheaterausflug gibt es auf der Internetseite des Theaters Erfurt.
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