Ohne Armee, aber mit Küstenwache: Islands Debatte über EU-Beitritt

Donald Trump, der Grönland annektieren will, löst auch Sorgen in Island aus. Nun ist die Inselbevölkerung gespalten: Sollen die Verhandlungen über einen EU-Beitritt wieder aufgenommen werden?

  • 8 min read
Ohne Armee, aber mit Küstenwache: Islands Debatte über EU-Beitritt

Donald Trump, der Grönland annektieren will, löst auch Sorgen in Island aus. Nun ist die Inselbevölkerung gespalten: Sollen die Verhandlungen über einen EU-Beitritt wieder aufgenommen werden?

Frederik Tillitz (Text), Ólafur Steinar Rye Gestsson (Bilder)23.08.2026, 05.30 Uhr

6 Leseminuten


Im Hafen von Reykjavik, umgeben von amerikanischen Kreuzfahrtschiffen und isländischen Fischtrawlern, zeigt der 77-jährige Gylfi Geirsson seinen ehemaligen Arbeitsplatz: das alte Küstenwachschiff «Odin», benannt nach dem König der heidnischen nordischen Götter. Das Schiff ist längst ausser Dienst, im Maschinenraum riecht es nach Öl. Die «Odin» fährt noch immer entlang der isländischen Küste, aber jetzt als schwimmendes Museum. Eine kleine Organisation ehemaliger Besatzungsmitglieder arbeitet wöchentlich daran, das Schiff in Schuss zu halten, um nachfolgenden Generationen eine entscheidende Epoche der modernen Geschichte Islands greifbar zu machen – eine Zeit, die nun wieder nachhallt.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Von 1971 bis 1986 diente Gylfi Geirsson auf der «Odin». Im hinteren Teil der Brücke ist der Funkraum, in dem er als Offizier arbeitete. 42 Jahre verbrachte er bei der isländischen Küstenwache und war auf fast jedem Schiff der Flotte. Küstenwache und Polizei sind alles, was Island zu seiner Verteidigung aufbieten kann – der kleine Inselstaat hat keine Armee, er ist das einzige Nato-Mitglied ohne einen Soldaten.

Dafür hat Island seine Geografie. Es war das Pfund, mit dem Island wuchern konnte. Die Insel liegt zwischen Grönland und Grossbritannien, ein strategisch wichtiger Korridor für die atlantische Allianz. Seit Donald Trump wieder im Weissen Haus sitzt, ist diese Geografie ein Risiko. Genau deshalb stimmen die Isländer am 29. August in einem Referendum darüber ab, ob die EU-Beitrittsverhandlungen nicht besser wieder aufgenommen werden sollten.

Sorgt sich angesichts von Trumps Ansprüchen auf Grönland um die Sicherheit Islands: Gylfi Geirsson zu Hause in Reykjavik.

Sorgt sich angesichts von Trumps Ansprüchen auf Grönland um die Sicherheit Islands: Gylfi Geirsson zu Hause in Reykjavik.

Trumps Rede in Davos im Februar dieses Jahres, wo er Grönland, das er annektieren will, beharrlich «Iceland» nannte und mit Island zu verwechseln schien, ist auf der Insel gar nicht gut angekommen. Geirsson, der Veteran der Küstenwache, schmunzelt nun darüber. «Ehrlich gesagt, sollten die Namen umgekehrt sein, denn Grönland ist grösstenteils mit Eis bedeckt, während Island ziemlich grün ist.» Für Aufsehen sorgte auch der amerikanische Botschafter in Island, der darüber scherzte, die Insel zum 52. Gliedstaat der USA zu machen.

Doch trotz der Sorge um die eigene Sicherheit spaltet das Referendum über die Aufnahme von Beitrittsgesprächen mit Brüssel die isländische Bevölkerung. Die Umfragen deuten auf ein knappes Ergebnis hin. Die Nein-Seite argumentiert, dass ihr Land, das erst vor 82 Jahren unabhängig wurde, keine Autonomie aufgeben sollte. Die Gegenseite hält dem entgegen: Als Mitglied des EWR habe Island bereits viele Regulierungen aus Brüssel übernommen. Trotz seiner Gründungsmitgliedschaft in der Nato wäre das Land isoliert, sollte das Bündnis zerfallen.

Geirsson hat während seiner langen Karriere erlebt, was nun zur modernen Geschichte Islands gehört. Er war Verbindungsoffizier der amerikanischen Streitkräfte in Island – und auch Teil der isländischen Delegation bei den Fischereifragen während der EU-Beitrittsverhandlungen ab 2009, die sechs Jahre später endeten. Er bezeichnet sich selbst als konservativ und stimmt bei Wahlen regelmässig für die Mitte-rechts-Unabhängigkeitspartei, die nun für ein Nein plädiert. Doch er sagt: «Ich finde nicht, dass man entlang einer politischen Linie stimmen sollte. Wenn man für sich selbst denkt, sollte man seinem eigenen Verstand folgen.»

Deshalb wird Geirsson am nächsten Samstag für die Aufnahme von Beitrittsgesprächen stimmen. Und das, obwohl er einst an vorderster Front stand im Konflikt mit dem Kontinent.

Blumig werde die Zukunft als EU-Mitglied, so hoffen die Vertreter der «Ja»-Kampagne.

Blumig werde die Zukunft als EU-Mitglied, so hoffen die Vertreter der «Ja»-Kampagne.

Die Kriege um den Kabeljau

In den späten 1950er Jahren führten Streitigkeiten zwischen Island und dem Vereinigten Königreich über das Recht zum Fischfang in den Gewässern um Island zu den sogenannten Kabeljau-Kriegen. Die Briten erhielten Unterstützung von Westdeutschland und Belgien. Das haben ihnen viele Isländer nie verziehen.

Von 1958 bis 1976 bekämpften sich Island und das Vereinigte Königreich in drei grossen Konfrontationen auf See. Die isländische Küstenwache kappte die Netze britischer Fischtrawler, die von der Royal Navy geschützt wurden. Es kam auf beiden Seiten zu Ramm-Angriffen. Obwohl sie nicht als konventionelle Kriege eingestuft werden, ereigneten sich während der Konflikte mehrere ernste Vorfälle. Ein isländischer Ingenieur starb sogar bei einem Unfall.

Geirsson spielte in den letzten beiden Konflikten eine zentrale Rolle. «Ich war an vielen Kollisionen beteiligt. Einmal mit einer Fregatte, und die letzte Kollision war so heftig, dass wir ein Loch in die Seite rissen. Ich erinnere mich, dass wir spürten, wie wir den Stahl durchbrachen. Als das Schiff dann nach Steuerbord drehte, sahen wir, wie Möbel aus dem Loch fielen», erzählt er.

Geirsson kämpfte während der «Kabeljau-Kriege» gegen die Briten.

Geirsson kämpfte während der «Kabeljau-Kriege» gegen die Briten.

Obwohl er gewissermassen an der Front war, hegte Geirsson nie Hass gegenüber den europäischen Nachbarn. «Ich hatte keine feindseligen Gefühle gegenüber den Briten. Sie folgten einfach nur Befehlen und machten ihren Job, genau wie wir. Die allgemeine Bevölkerung hasste die Briten, und sogar die britische Botschaft wurde angegriffen, das war sehr falsch.»

Die Isländer erreichten schliesslich, dass die britische Regierung die ausschliesslich isländischen Fischereirechte in ihren umliegenden Gewässern anerkennen musste. Der Sieg stärkte auch das isländische Gefühl von David gegen Goliath.

Ein gutes Geschäft

In Geirssons Wohnzimmer zeigen mehrere Gemälde an den Wänden die isländischen Küsten und Segelschiffe. Das Zeugnis eines Lebens auf See. Zu Hause bewahrt er auch Artefakte aus seiner langen Karriere auf: eine Miniaturharpune und ein grosskalibriges Projektil aus den Kabeljau-Kriegen. Auf seinem Fernseher hat er eine Diashow mit Fotos aus seiner Karriere vorbereitet, die vom Segeln im Mittelmeer über Einsätze in Rom und Dänemark bis hin zu Fotos aus den Kabeljau-Kriegen reichen.

Er lebt mit seiner Frau in der Hauptstadt Reykjavik. Sie blicken vom Balkon aus auf den Inlandflughafen. Mehrmals täglich kann er Helikopter der Luftdivision der Küstenwache starten sehen. Es ist inzwischen acht Jahre her, dass er pensioniert wurde. Doch sein Interesse an Politik und der Landesverteidigung geht weiter.

Von seinem Balkon in Reykjavík aus sieht Gylfi Geirsson direkt auf den Inlandflughafen.

Von seinem Balkon in Reykjavík aus sieht Gylfi Geirsson direkt auf den Inlandflughafen.

«Manche Leute sagen, wir würden unsere Unabhängigkeit verlieren, wenn wir der EU beitreten. Ich finde, das haben wir bereits mit der Annahme des EWR-Abkommens getan. Wären wir Mitglied, hätten wir die Möglichkeit, etwas Einfluss zu nehmen», sagt er.

Darüber hinaus glaubt er, dass die isländische Wirtschaft in diesen unsicheren Zeiten von einem guten Abkommen profitieren könnte. Die Fischerei ist die grösste und stabilste Branche neben einer wachsenden Tourismusindustrie, aber «selbst die kann über Nacht zusammenbrechen», sagt Geirsson. In weiten Teilen Islands hat der ständige Zustrom von Touristen ein für die Einheimischen unerträgliches Mass erreicht. Während der Sonnenfinsternis versammelten sich bis zu 80 000 Touristen in Island. Jährlich empfängt das Land mit rund 400 000 Einwohnern mehr als zwei Millionen Reisende.

Andererseits werden mit einem EU-Beitritt die Probleme der isländischen Wirtschaft nicht einfach verschwinden. Die Insel hat zwar eines der weltweit höchsten Bruttoinlandprodukte pro Kopf, aber auch hohe Zinsen und Inflation. «Manche sagen, wenn wir den Euro anstelle der Krone einführen, wird alles besser. Das glaube ich nicht, es ist keine magische Lösung. Wir müssen selbst daran arbeiten. Das ist die Aufgabe der isländischen Politiker, nicht etwas, von dem wir erwarten können, dass es in Brüssel geklärt wird.»

Die Küstenwache ist, zusammen mit der Polizei, Islands einzige Verteidigungslinie. Zur Pension wurde Gylfi Geirsson als Andenken ein Geschoss geschenkt.

Die Küstenwache ist, zusammen mit der Polizei, Islands einzige Verteidigungslinie. Zur Pension wurde Gylfi Geirsson als Andenken ein Geschoss geschenkt.

Verlust der Souveränität

Island wurde 1944 während des Zweiten Weltkriegs von Dänemark unabhängig. Während Dänemark von Nazi-Truppen besetzt war, nutzten die Alliierten Island als Brücke von Nordamerika nach Europa. Sie wurden am Ende des Krieges zu einem Garanten für die Unabhängigkeit der Insel. Die amerikanische Präsenz auf Island besteht weiterhin auf dem Militärflughafen in Keflavik, wo die amerikanische Flagge Seite an Seite mit der isländischen weht.

So wie die sichtbaren Gräben in der isländischen Landschaft zwischen den tektonischen Platten, die die Insel sowohl nach Nordamerika als auch nach Eurasien ziehen, wurde auch die isländische Gesellschaft seit ihrer Unabhängigkeit sowohl nach Osten als auch nach Westen gezogen. Bis heute spielt das Erbe der kolonialen Vergangenheit eine Rolle bei der Zurückhaltung der Inselnation, ihre Souveränität aufzugeben. «Die Tatsache, dass wir erst kürzlich unsere Unabhängigkeit erlangt haben, verbinden die Leute damit, dass wir sie nun wieder verlieren könnten. Ich halte das für Blödsinn. Auf beiden Seiten ist die politische Diskussion sehr emotional», sagt Geirsson. «Ich sehe auch viele Informationen auf Facebook, die einfach nur Unsinn sind. Die Leute müssen wissen, worüber sie abstimmen.»

Die durch den amerikanischen Präsidenten ausgelösten Sorgen spielen auch bei den möglichen Beitrittsgesprächen eine Rolle. «Es ist ganz offensichtlich, dass für Trump Öl und Mineralien wichtiger sind als Sicherheit. Und ich glaube nicht, dass er an Fisch interessiert ist. Aber natürlich ist Island aus militärischer Sicht wichtig, bekannt als nicht versenkbarer Flugzeugträger», sagt Geirsson. «Die Nato ist beschädigt, aber wir haben auch ein Verteidigungsabkommen mit den USA. Doch können wir darauf vertrauen? Ich bin mir nicht sicher.»

Deshalb hofft Gylfi Geirsson, dass es am 29. ein Ja geben wird. Sicher ist er sich nicht.

Der alte Teil des Nato-Stützpunkts in Keflavík, der nun für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Island ist das einzige Nato-Mitglied ohne Armee.

Der alte Teil des Nato-Stützpunkts in Keflavík, der nun für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Island ist das einzige Nato-Mitglied ohne Armee.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

Passend zum Artikel

Nicht nur in der Schweiz, auch in Island weckt die Nähe oder Ferne zu Europa starke kollektive Emotionen. Ende August steht ein EU-Referendum an, und Island wäre nicht Island, wenn im Streit nicht aus dem tiefen Fundus der Literatur geschöpft würde.

Europa kann den autoritären Grossmächten die Stirn bieten, erklärt der deutsche Zeitendiagnostiker im Interview. Dafür muss es sich aber neu aufstellen.

Donald Trump ist weiterhin versessen auf Grönland. In Qaanaaq, der nördlichsten Stadt, lebt der Ururenkel eines amerikanischen Entdeckers. Was denkt er über die Gebietsansprüche des amerikanischen Präsidenten? Wir haben ihn besucht.