Islamismus und rechte Ideologie: Gleichsetzung bringt uns nicht weiter
Rassismus und religiöser Fundamentalismus müssen gleichzeitig bekämpft werden. Gerade deshalb müssen wir die beiden Phänomene analytisch unterscheiden. Gedenken an die Opfer nach dem islamistischen ...
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Rassismus und religiöser Fundamentalismus müssen gleichzeitig bekämpft werden. Gerade deshalb müssen wir die beiden Phänomene analytisch unterscheiden.
Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
N ach dem islamistischen und queerfeindlichen Anschlag auf den CSD wurde die Tat von rechten Kräften schnell instrumentalisiert. Gleichzeitig entstand der Eindruck, wer auf Rassismus hinweist, relativiere den Islamismus – und wer den Islamismus kritisiert, spiele Rassismus herunter. Beides geht in die falsche Richtung.
Dass wir Rassismus und religiösen Fundamentalismus gleichzeitig bekämpfen müssen, steht außer Frage. Doch gerade deshalb müssen wir beide Phänomene analytisch voneinander unterscheiden. Nur so lassen sich die richtigen politischen Antworten entwickeln.
Bild: Andreas Schöttke
Cihan Sinanoğlu
ist Sozialwissenschaftler. Seit Oktober 2020 leitet er am DeZIM-Institut die Geschäftsstelle des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors.
Rassismus ist in Deutschland ein gesellschaftliches Herrschaftsverhältnis und ein zentrales Ordnungsprinzip. Er entscheidet mit darüber, wer als zugehörig gilt, wessen Arbeit entwertet und ausgebeutet werden kann, wer Zugang zu Ressourcen und Rechten erhält und wer häufiger von staatlicher oder gesellschaftlicher Gewalt betroffen ist.
Rassismus erschöpft sich deshalb nicht in Vorurteilen. Er prägt Institutionen, politische Entscheidungen und gesellschaftliche Verhältnisse. Seine historische Verankerung reicht vom Kolonialismus bis in gegenwärtige Vorstellungen kultureller und zivilisatorischer Überlegenheit. Gerade deshalb wirkt Rassismus weit über individuelles Handeln hinaus.
Eine Bedrohung für die demokratische Gesellschaft
Religiöser Fundamentalismus, hier in der Ausprägung des Islamismus, ist eine autoritäre politische Ideologie. Er verfolgt den Anspruch, Gesellschaft und Staat nach einer bestimmten religiösen Auslegung zu ordnen. Dort, wo islamistische Bewegungen staatliche Macht erlangen, werden Frauen, religiöse, ethnische und sexuelle Minderheiten sowie politische Opposition systematisch entrechtet und gewaltsam unterdrückt.
In Deutschland verfügt der Islamismus weder über staatliche Macht noch über gesellschaftliche Hegemonie. Dennoch stellt er eine reale Bedrohung für die demokratische Gesellschaft dar. Für viele Menschen, die selbst oder deren Familien vor islamistischen Bewegungen und Regimen geflohen sind oder unter ihnen gelitten haben, ist diese Bedrohung außerdem Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte.
In Wechselwirkung
Beide Phänomene stehen zudem in einer Wechselwirkung. Islamistische Gruppen nutzen Erfahrungen von Ausgrenzung und Rassismus für ihre Rekrutierung. Zugleich instrumentalisieren rechte Kräfte islamistische Gewalt, um rassistische Bilder über Muslim*innen zu verbreiten und gesellschaftliche Ausgrenzung zu legitimieren. Diese Wechselwirkung hebt ihre analytischen Unterschiede nicht auf, sondern macht ihre genaue Unterscheidung umso wichtiger.
Gegen religiösen Fundamentalismus braucht es Prävention, Deradikalisierung, den Schutz derjenigen, die von ihm bedroht werden, und die konsequente Bekämpfung extremistischer Netzwerke. Rassismus bekämpfen wir durch die kritische Analyse und Veränderung der Institutionen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die rassistische Ungleichheiten hervorbringen und stabilisieren.
Die Forderung, Rassismus und religiösen Fundamentalismus gemeinsam zu bekämpfen, wird nur dann politisch wirksam, wenn wir die Unterschiede zwischen beiden ernst nehmen.
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