Joëlle Zask über Megafeuer, Klimawandel und die Fehlannahmen der Zivilisation
Die französische Philosophin Joëlle Zask beschäftigt sich mit den Gefahren durch Waldbrände, die so extrem sind, dass sie kaum mehr zu löschen sind. Im Interview erklärt sie, welche Abwehrmittel den Menschen bleiben.
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Interview
«Wir wollen Krieg gegen das Feuer führen, doch dieser Krieg ist verloren, bevor er überhaupt begonnen hat»
Die französische Philosophin Joëlle Zask beschäftigt sich mit den Gefahren durch Waldbrände, die so extrem sind, dass sie kaum mehr zu löschen sind. Im Interview erklärt sie, welche Abwehrmittel den Menschen bleiben.
08.08.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten

Das Ferienparadies als Flammeninferno: Touristen am Strand von Le Moutchic in Lacanau.
Maximilien Lampy / AFP
Joëlle Zask, diesen Sommer stehen im Mittelmeerraum wieder riesige Flächen Wald in Flammen. Schon vor Jahren warnten Sie in Ihrem Essay «Quand la forêt brûle» vor den verheerenden Ausmassen von «Megafeuern». Worin unterscheidet sich diese neue Dimension von Waldbränden von bisherigen Szenarien?
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Megafeuer ist ein Begriff für eine neue Art von Waldbrand. Man kann auch von extremen oder aussergewöhnlichen Feuern sprechen. Entscheidend ist, dass ein Megafeuer so intensiv ist, dass seine Ausbreitung praktisch unkontrollierbar ist. Manche wüten so lange, wie beispielsweise in Sibirien oder im Nordwesten Kanadas, dass sie scheinbar nicht löschbar sind. Charakteristisch für Megafeuer ist auch ihre Ausdehnung; so verbrannten beispielsweise in Frankreich dieses Jahr schon über 100 000 Hektaren. Obwohl sie weltweit nur in geringer Zahl vorkommen, sind sie dennoch für 80 bis 90 Prozent der verbrannten Fläche verantwortlich.
Was macht sie so zerstörerisch?
Anders als bei «normalen» Bränden wird der Wald dauerhaft zerstört. In der Gegend um Marseille verbrannten sogar die Baumstümpfe und Wurzeln grosser Bäume. Der Boden wurde zu Staub zermahlen, langsame Tiere wurden verbrannt, schnelle Tiere verloren ihren Lebensraum. Ein Megabrand ist so intensiv, dass er sein eigenes Klima erzeugen kann: Es entstehen Tornados und Feuerbomben, die Glut kann über einen Kilometer weit geschleudert werden, auch was vermeintlich gelöscht wurde, kann plötzlich wieder aufflammen. Die amerikanische Weltraumbehörde Nasa hat berechnet, dass 30 Prozent der jährlichen Feinstaubemissionen durch Waldbrände verursacht werden. Das trägt massgeblich zum Klimawandel bei und hat gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit. Die Asche verschmutzt Gewässer, setzt verborgene Giftstoffe frei und lagert sich mitunter auf den Polkappen ab.
Sie argumentieren, die Megafeuer seien erst durch das Zusammenwirken zweier entscheidender Faktoren möglich geworden.
Das ist zum einen der menschengemachte Klimawandel. Und zum anderen das Verschwinden traditioneller Feuerkulturen: Kontrollierte Brände und Brandrodung hatten den Vorteil, den Trockenmassegehalt auszugleichen, Unterholz zu entfernen und so die Wälder zu erhalten und gleichzeitig zu bewirtschaften. Die Zerstörung natürlicher Lebensräume geht stets mit der Zerstörung kultureller Lebensräume einher. Nehmen wir die Region Landes im Südwesten Frankreichs, die nun jedes Jahr brennt: Sie wurde einst von Napoleon III. in eine Holzfabrik verwandelt, eine riesige Monokultur von See-Kiefern, die fast 90 Prozent des Waldmassivs der Gascogne ausmachen. Einzig, um Paris zu bauen und die Werften zu versorgen, während gleichzeitig die sehr reiche lokale Zivilisation zerstört wurde.
Die extremen Brände sind also nicht nur Naturkatastrophen, sondern Symptom einer tiefgreifenden Krise in unserem Verhältnis zur Natur?
Wir können Megabrände nicht wirklich als Naturkatastrophen bezeichnen. Das Wesen der Verwüstung – ein biblischer Begriff! – liegt darin, dass sie durch Ereignisse verursacht wird, die weder göttliche Strafe noch Naturkatastrophen sind. Ihre Ursache liegt bei uns, einer Zivilisation, die unfähig geworden ist, die Bedingungen für ihr Bestehen und ihre Entwicklung zu schaffen und zu erhalten. Genau das geschieht mit dem Klimawandel und der bereits erwähnten kulturellen Zerstörung, dem Ende der «Kulturen des Feuers». Diese tiefgreifende Krise in unserem Verhältnis zur Natur ist ein deutliches Symptom für die Fragilität unserer Zivilisation. Die Megafeuer bedeuten eine beispiellose Risikosituation – und wir tragen die Verantwortung.
Schuld ist der Mensch, der immer schamloser die natürlichen Ressourcen abbaut?
Nicht nur. Diese Krise ist gekennzeichnet durch die Umwandlung der Natur in einen Ressourcenvorrat. In der Wissenschaft spricht man von Extraktivismus, einem Wirtschaftsmodell, das auf dem grossflächigen Abbau und Export natürlicher Ressourcen basiert. Aber verantwortlich für die heutige Situation ist, umgekehrt, auch eine romantische Sicht der Natur, wonach alle menschlichen Aktivitäten ihr schaden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gingen die Entwicklung der kapitalistischen Industriegesellschaft und die Entstehung von Nationalparks in den Vereinigten Staaten Hand in Hand.
Was ist falsch daran, unberührte Schutzräume für die Natur zu schaffen?
Der mediterrane Wald, der australische Busch, die Wälder Borneos und Sumatras und sogar grosse Teile des Amazonas sind keine Primärwälder. Sondern Wälder, die während Jahrhunderten durch die von indigenen Völkern, Bauern und Förstern gelegten Feuer geformt wurden – durch eine wahre Wissenschaft des kontrollierten Abbrennens. Die Natur hat sich in dieser langen Zeit tiefgreifend gewandelt; sie wurde durch menschliches Handeln geprägt, aber es stellte sich ein Gleichgewicht ein. Doch dann meinte man, man müsse die Natur vor angeblich rückständigen Praktiken des Abbrennens schützen. Und nun kämpfen wir gegen Feuer, die kaum zu stoppen sind.
Das Bild zweier Touristen, die vom Strand von Le Moutchic aus die Brände in Gironde beobachten, ging um die Welt. Das Ferienparadies als Flammeninferno, ein Schnappschuss der Apokalypse. Welche emotionalen Wunden hinterlässt das im kollektiven Gedächtnis?
Dieses Foto steht beispielhaft für die Spektakularisierung von Grossbränden. Den brennenden Wald aus der Ferne oder auf einem Bildschirm zu beobachten, die gewaltigen Rauchwolken am Himmel, die flüchtenden Menschen und Tiere, die Verzweiflung: Das hat etwas Kathartisches. Man empfindet Mitleid und Entsetzen, während man sich gleichzeitig der eigenen Sicherheit gewiss ist. Das Problem mit diesen Bildern ist, dass sie in keiner Weise mobilisieren. Im Gegenteil: Sie wecken Gefühle, die lähmen.
Aber dramatische Bilder schaffen doch erst Aufmerksamkeit für ein drängendes Problem unserer Zeit.
Da muss ich Sie enttäuschen. Sobald das Feuer vorüber ist und der Regen zurückkehrt, ist alles vergessen. Es werden keine konkreten Massnahmen ergriffen, um den nächsten Brand zu verhindern, und es gibt auch keinen massenhaften Support für Parteien, die radikale ökologische Schritte vorschlagen. Hingegen entwickeln die direkt Betroffenen posttraumatische Belastungsstörungen, wie Psychologen alarmiert berichten. Der Umweltphilosoph Glenn Albrecht spricht von Solastalgie: dem seelischen Schmerz, den Menschen spüren, wenn sich ihre vertraute Heimat negativ verändert, obwohl sie noch an diesem Ort leben. Zu den katastrophalen Folgen von Grossbränden gehört auch die psychische Belastung von Hunderttausenden, die in solchen Gebieten lebten und leben.
Sie sagen, es würden keine Massnahmen ergriffen. Aber nach den Bränden bei Bordeaux hat die Politik umgehend mehr Mittel für den «Kampf gegen das Feuer» gefordert. Mehr Löschflugzeuge, mehr Feuerwehrleute, bessere Ausrüstung.
Die militärische Sprache ist unangebracht. Wir wollen Krieg gegen das Feuer führen, doch dieser Krieg ist verloren, bevor er überhaupt begonnen hat. Natürlich brauchen die Feuerwehrleute die richtige Ausrüstung. Und sie können auch Leben retten, Menschen und Tiere evakuieren, aber wir sind oft machtlos gegenüber allem anderen. Ein Extremfeuer erlischt nur von selbst: wenn durch Wind, Regen oder Schnee nichts mehr zu verbrennen ist und die Temperatur sinkt. Die von der Politik nun in grosser Zahl geforderten Canadair-Löschflugzeuge sind für Brände mit einer Intensität von 10 000 kW/m² ausgelegt, doch Grossbrände wie jene in Australien im Jahr 2019 erreichten Werte von über 80 000 kW/m². Wir können das Problem nicht allein über technische Lösungen angehen. Wir müssen die Unkontrollierbarkeit von Grossbränden anerkennen. Stattdessen reden wir weiter nur über mehr Mittel im «Kampf gegen das Feuer».
Was wären denn die Alternativen?
Es braucht natürlich Anpassungen der Bauweise und der Infrastruktur, um uns besser vor dem Feuer zu schützen. Und würde ein Teil der Gelder anders ausgegeben, könnten wir ernsthaft hoffen, dass das Risiko von Megafeuern sinkt: für die Pflege und Bewirtschaftung von Wäldern, die Wiederherstellung der Artenvielfalt, die Öffnung von Landschaften, die Bekämpfung von übermässiger Abholzung und von Monokulturen, die Förderung der Weidewirtschaft und die Schulung von Menschen in bewährten Brandpraktiken. Mit anderen Worten: Das Paradigma des «Kriegs gegen das Feuer» könnte sinnvollerweise durch das der Prävention ersetzt werden.
Als politische Philosophin beschäftigen Sie sich seit Jahren mit diesem Thema. Verändert sich die Einstellung der Bevölkerung angesichts der immer heisseren und trockeneren Sommer?
Leider findet dieser dringend benötigte Wandel nicht statt. Während in Frankreich Brände wüten und die Temperaturen infernalische Ausmasse annehmen, schweigt das Umweltbewusstsein. Einerseits stossen wir immer grössere Mengen an Treibhausgasen aus, andererseits suchen wir weiterhin nach Sündenböcken, während politische Parteien, die den Klimawandel offen oder verdeckt leugnen, in den Umfragen an Boden gewinnen. Glücklicherweise organisiert sich die Zivilgesellschaft vor Ort immer wieder, ähnlich einem Labor – eine Gesellschaft, die sich der Risiken bewusst ist und zur Zusammenarbeit fähig ist.
Philosophin des Feuers

PD
Joëlle Zask (66) ist eine französische Philosophin und Dozentin an der Universität Aix-Marseille. Sie forscht am Centre Norbert Elias zu politischer Ökologie, Demokratie und Bürgerbeteiligung. Sie gilt als eine der besten Kennerinnen des Werks von John Dewey, dem amerikanischen Philosophen und Pädagogen. International bekannt wurde sie mit dem Buch «Quand la forêt brûle» (2019), einer vielbeachteten Kulturphilosophie der Megafeuer.
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