2000 Kilometer in 28 Tagen: Sophie Woods knackt den Rekord auf der Via Alpina

Interview«Ich habe mich vor einer Gruppe Touristen ausgeweint. Ich nenne es einen ‹taktischen Weinkrampf›.» Sophie Woods läuft die Via Alpina in Rekordzeit28 Tage braucht die Neuseeländerin für den 2000 Kilomet...

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2000 Kilometer in 28 Tagen: Sophie Woods knackt den Rekord auf der Via Alpina

Interview

«Ich habe mich vor einer Gruppe Touristen ausgeweint. Ich nenne es einen ‹taktischen Weinkrampf›.» Sophie Woods läuft die Via Alpina in Rekordzeit

28 Tage braucht die Neuseeländerin für den 2000 Kilometer langen Fernwanderweg – dabei wollte sie nach missglückten Versuchen, schwanger zu werden, nur ihren Körper wieder lieben.

08.08.2026, 05.30 Uhr

7 Leseminuten


2000 Kilometer in 28 Tagen, Hitzewellen und Waldbrände: Manchmal konnte Sophie Woods vor Anstrengung nur noch lachen – oder weinen.

2000 Kilometer in 28 Tagen, Hitzewellen und Waldbrände: Manchmal konnte Sophie Woods vor Anstrengung nur noch lachen – oder weinen.

15 bis 18 Stunden war die Ultratrail-Läuferin Sophie Woods, 42, täglich unterwegs, um den Streckenrekord der Via Alpina zu brechen. Während 28 Tagen. Unterwegs hat sie viele Leute getroffen, unter anderem Jake Catterall, den Briten, der den Rekord zuvor innehatte. Er hat 2024 35 Tage gebraucht.

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Die Via Alpina ist ein Fernwanderweg über rund 2000 Kilometer und durch acht Länder: von Triest in Italien durch Slowenien, Österreich, Deutschland, Liechtenstein, die Schweiz und Frankreich bis nach Monaco – von der Adria an die Côte d’Azur. Dabei erklimmt man über 3000 Meter hohe Berge und legt einen Höhenunterschied von einem Dutzend Mount Everests zurück, also mehr als hunderttausend Höhenmeter. Die Schwierigkeit entspricht einer alpinen Wanderroute mit exponierten Stellen, Geröllfeldern und zum Teil schwieriger Orientierung.

Woods Ehemann George und ihre Hündin Nila haben sie in einem Camper begleitet und unterstützt. Seit Woods zurück ist, weicht Nila kaum mehr von ihrer Seite.

Sophie Woods, Sie haben auf der Via Alpina den ganzen Alpenbogen gesehen. Welches Land hat die schönsten Alpen?

Ich muss zugeben: Die Schweiz ist schon etwas ganz Besonderes. Diese hohen Berge, diese Seen. Das Gelände ist wirklich anspruchsvoll, dafür wird man mit wunderbaren Blicken belohnt. Doch auch der Triglav-Nationalpark in Slowenien – wow! Er erinnert an die Dolomiten, ist aber weniger überlaufen. Und das Wasser in Slowenien ist unglaublich, die Farbe, die Klarheit. Die Alpen sind überall anders.

Das ist erstaunlich. Über die Alpen spricht man meist als Einheit.

Dabei verändern sie sich ständig. Slowenien ist sehr grün. Die Dolomiten haben dieses legendäre rosafarbene Gestein und eine Unmenge an Wildblumen. In Österreich habe ich karge Bergrücken auf schmalen Trails oder Klettersteigen überquert. Dann die Schweiz mit den verschiedenen Gesteinsarten und unterschiedlichsten Wegtypen. Und kaum in Frankreich, sieht es aus wie auf Korsika. Hinter jeder Ecke habe ich erwartet, das Meer zu sehen.

Die rund 2000 Kilometer haben Sie in Weltrekordtempo zurückgelegt. Konnten Sie die Landschaft überhaupt geniessen?

Gegen Ende, in der letzten von vier Wochen, war ich praktisch ohne Schlaf unterwegs, das hat definitiv weniger Spass gemacht – und nachts sieht man natürlich auch nicht viel, obwohl ich es liebe, bei Dunkelheit zu laufen. Ich war manchmal neidisch, als ich Leute sah, die ihr Zelt direkt an einem wunderschönen See aufgeschlagen haben, die Füsse hochlegten, und ich musste noch sechs, sieben Stunden laufen.

Über Stock und Stein: Die Via Alpina ist ein alpiner Fernwanderweg mit exponierten Stellen, Geröllfeldern und Kletterpassagen.

Über Stock und Stein: Die Via Alpina ist ein alpiner Fernwanderweg mit exponierten Stellen, Geröllfeldern und Kletterpassagen.

Sie haben zuerst gesagt, Sie hätten 29 Tage gebraucht, dann haben Sie auf 28 korrigiert. Was ist passiert?

Keiner von uns konnte mehr klar denken, wir waren total erschöpft. Wir haben einfach die Tage gezählt. Doch als wir den Antrag für den Streckenrekord einreichen wollten, haben wir in 24 Stunden gerechnet und gemerkt, dass wir uns vertan hatten. 28 statt 29 Tage sind ja noch cooler. Obwohl mir der Rekord nie wichtig war.

Worum ging es Ihnen dann, wenn nicht um den Rekord?

Um das Abenteuer. George und ich haben schwierige Jahre hinter uns, wir haben mehrfach versucht, schwanger zu werden. Doch es hat nicht geklappt. Als Ultratrail-Läuferin habe ich die unglaublichsten Rennen der Welt gemacht. Doch ich wollte nicht einfach in dieses Leben zurückkehren, ich wollte ein Kind haben und Windeln wechseln – dieses Abenteuer erleben. Ich glaube, ich habe die Liebe zu meinem Körper verloren. Deshalb tu ich in diesem Jahr Dinge, von denen ich niemals geträumt habe. Wie den Streckenrekord über die ganze Länge der Alpen.

Dabei mussten Sie auch schwierige Situationen meistern: Hitzewellen, Gewitter und Waldbrände.

Wir hatten zwei Hitzewellen mit Temperaturen bis zu 40 Grad, zu Beginn in Slowenien und Italien und kurz vor Schluss in den Seealpen. Das war heftig. Jedes Mal, wenn ich mein Team sah, haben sie mich mit Eis bepackt. Ich hatte Eis auf dem Körper und in meiner Mütze. Ich ass Eis-Slushys und trank eisgekühlte Getränke. Ich habe mich in jeden Fluss gelegt und versucht, mich so nass wie möglich zu halten. Und ich habe mich einfach langsamer bewegt. Das ist frustrierend, wenn der Weg vor einem noch so lang ist.

Eigentlich wollte Sophie Woods abends zurück im Camper ein kurzes Wellnessprogramm absolvieren, meist reichte die Zeit nur, um zu schlafen.

Eigentlich wollte Sophie Woods abends zurück im Camper ein kurzes Wellnessprogramm absolvieren, meist reichte die Zeit nur, um zu schlafen.

Andere hätten einfach aufgehört.

Da hat mir meine Erfahrung geholfen: Ich wusste, es ist okay, ich bin okay, ich mache einfach weiter. Einmal, in den Dolomiten, hatte ich solche Schmerzen und war so müde, dass ich mich vor einer Gruppe Touristen ausgeweint habe. Die armen Leute. Ich nenne es einen «taktischen Weinkrampf». Ich war so emotional wegen der Hitze und allem – das Weinen tat gut, danach konnte ich weitergehen.

Es gab einen Moment, in dem Sie sich überlegten, was Sie der Familie Ihrer Freundin und Fotografin Zoe Salt – die Sie zeitweise begleitete – sagen, sollte Salt in einem Gewitter sterben. War es so schlimm?

Ich bin in einige Stürme geraten, aber da habe ich mir wirklich Sorgen um unsere Sicherheit gemacht. Ich glaube, ich bin noch nie so schnell gerannt, schon gar nicht nicht von einem Gipfel runter. Wir hatten Stative dabei und Zoe die Kameras, unsere Schuhe waren mit Wasser vollgesogen – das leitet alles Strom. Ausserdem konnte Zoe mit der Kamera vor dem Bauch ihre Füsse kaum sehen. Das hat mich wirklich aufgeschreckt.

Wie viele Schuhe hatten Sie dabei? Wie häufig haben Sie diese gewechselt?

Ich habe neun Paar mitgenommen, in unterschiedlichen Grössen, weil meine Füsse stark anschwellen. Gebraucht habe ich etwa fünf Paar. Jedes Mal, wenn ich mein Team sah, habe ich mindestens die Socken, meist auch die Schuhe gewechselt. Und die Schuhe – das ist ein ekliges Andenken – stinken nun ganz furchtbar.

In Frankreich haben Waldbrände den offiziellen Weg der Via Alpina versperrt. Wie wussten Sie, dass Sie diesen trotzdem beenden und damit um den Rekord laufen können?

George fand heraus, wo genau der Weg gesperrt war und wo wir wieder drauf können – auf Französisch, eine Sprache, die wir nicht sprechen. Und er hat mit dem Team von der Via Alpina abgeklärt, dass wir eine Umleitung gehen können. Wir mussten einfach sicherstellen, dass wir keinen Vorteil haben. Die Route auf der anderen Seite des Tals war länger, höher und technischer, sie war also okay. Von da aus sah ich, wie die Helikopter Wasser auf das Feuer warfen.

Wie gehen Sie auf einem Lauf wie diesem damit um, dass Sie gewisse Dinge in der Hand haben und andere gar nicht?

Wir Ultraläufer sind im Grunde Kontrollfreaks, die sich ins Chaos stürzen. Wir kontrollieren unsere Ernährung, das Training, das Tempo, wir kontrollieren das ganze Material, das wir mit uns führen. Und dann werfen wir alles in die Natur und schauen, ob wir klarkommen. Man gewöhnt sich an das Unerwartete, und man lernt, damit umzugehen. Das ist auch eine Lektion für das Leben.

Was hat Sie auf der Via Alpina am meisten überrascht?

Der Weg ist viel anspruchsvoller und technischer als gedacht. Es gibt Kletterpassagen und ausgesetzte Stellen, es braucht auf jeden Fall Bergerfahrung. Deshalb und auch wegen des Wetters waren meine Tage länger, als ich erwartet hatte. Ich habe nicht damit gerechnet, täglich bis 18 Stunden unterwegs zu sein. Ich hatte eine Morgen- und eine Abend-Checkliste. Auf der Liste des Abends standen schöne Dinge drauf wie sanftes Dehnen, Füsse pflegen, nach Zecken absuchen. Nicht ein einziges Mal tat ich irgendetwas davon.

Zu Beginn haben Sie erzählt, wie sich die Alpen über die Via Alpina verändert haben. Wie haben Sie sich über die Via Alpina verändert?

In der ersten Woche war ich total geschwollen und hatte starke Schmerzen. Ich dachte, mir würden alle Muskeln im Körper reissen. In der zweiten Woche gingen die Schwellungen etwas zurück, doch der Muskelkater blieb. Dann kam die dritte Woche, unter anderem in der Schweiz, da fühlte ich mich einfach stark und dachte nur: Her mit den Bergen! Wenn Zoe und George mich begleiteten, hatten sie Mühe, mit mir mitzuhalten. Mein Körper schien zu sagen: Wenn wir das machen, dann machen wir es richtig. Gegen Ende, in der vierten Woche, kamen wir an unsere Grenzen. Ich wollte unbedingt am Samstag in Monaco ankommen, damit wir alle einen freien Sonntag haben.

In der letzten von vier Wochen, in Frankreich, ist Sophie Woods bis zu 18 Stunden am Tag unterwegs.

In der letzten von vier Wochen, in Frankreich, ist Sophie Woods bis zu 18 Stunden am Tag unterwegs.

Wie haben Sie den Moment des Ankommens erlebt?

Am Samstagabend bin ich nach 22 Uhr in Monaco eingelaufen. Stinkend, schmutzig, mit eingeschalteter Stirnlampe. Es war schwül, und der Schweiss lief mir nur so runter. Da waren all diese Leute in ihren schicken Kleidern, die richtig gut rochen, bereit für ihren Abend in Monaco – sie dachten wohl, was ist das für eine Gestalt, die da an uns vorbeischlurft? Es war ein ziemlicher Schock für mich und meinen Organismus, so plötzlich wieder im echten Leben zu stehen.

Lieben Sie nun Ihren Körper wieder?

Ja, das tue ich. Ich hatte schon vorher Respekt vor meinem Körper, aber jetzt habe ich noch viel mehr Respekt vor «ihr», wie ich sie nenne. Die Tatsache, dass sie mir erlaubt hat, das zu tun, und dass sie es so durchgehalten hat, wie sie es getan hat, das ist unbeschreiblich. Aber ich glaube, so eine Reise verändert einen grundlegend. Ich weiss nur noch nicht, wie. Ich bin erst seit einer Woche zurück – es muss erst noch zu mir durchdringen, dass wir es geschafft haben. Vielleicht kommt es, wenn wir den Camper ausräumen. Den haben wir nämlich einfach abgeschlossen und stehen gelassen – mit dem ganzen Chaos drin.

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