In Libyen herrschen Folter und Chaos – doch Europa setzt auf Kooperation

Von Samantha Dixon22.08.2026, 17:29 UhrBevorzuge uns auf GoogleKI-Stimme. InfoDie Metalltür fällt ins Schloss. Das Geräusch hallt durch den Raum. Drinnen ist es stickig, überfüllt. Männer sitzen dicht an dicht ...

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In Libyen herrschen Folter und Chaos – doch Europa setzt auf Kooperation
Von Samantha Dixon22.08.2026, 17:29 Uhr

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Die Metalltür fällt ins Schloss. Das Geräusch hallt durch den Raum. Drinnen ist es stickig, überfüllt. Männer sitzen dicht an dicht auf dem Boden, einige seit Tagen, andere seit Wochen. Es gibt kaum Wasser und medizinische Versorgung. Solche Szenen schildern internationale Hilfsorganisationen immer wieder. Wer hier landet, hat oft schon Gewalt erlebt – auf der Flucht, auf See, jetzt erneut.

In Libyen sind solche Haftzentren kein Ausnahmefall. Internationale Helfer dokumentieren seit Jahren Folter, Zwangsarbeit und sexuelle Gewalt. Trotzdem bleibt das Land für Europa ein wichtiger Partner.

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Europa handelt mit Libyen – trotz Menschenrechtsverletzungen

Nur wenige Hundert Kilometer nördlich, auf der anderen Seite des Mittelmeers, verlaufen Pipelines und fahren Tanker. Öl und Gas aus Libyen gelangen nach Italien und auf europäische Märkte. Gleichzeitig versuchen europäische Staaten, Migration über das Mittelmeer einzudämmen. Der Widerspruch ist offensichtlich: Europa kooperiert mit einem Land, dessen staatliche Strukturen kaum in der Lage sind, Menschenrechte zu schützen – und profitiert zugleich von dieser Zusammenarbeit.

Wie Libyen nach Gaddafis Sturz zerfiel

Um das zu verstehen, muss man Libyens politische Realität kennen. Seit dem Sturz von Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 ist das Land von rivalisierenden Machtzentren geprägt. Im Westen sitzt in Tripolis eine international anerkannte Regierung. Im Osten konkurrieren andere politische und militärische Akteure um Einfluss. Dazwischen kontrollieren Milizen Territorien, sichern Einnahmen und beeinflussen politische Prozesse.

Viele Migranten versuchen, von Libyen aus über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen – und erleben Gewalt und Misshandlungen.

Viele Migranten versuchen, von Libyen aus über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen – und erleben Gewalt und Misshandlungen.© AFP | Johanna De Tessieres

Eine zentrale Staatsgewalt, die das gesamte Land kontrolliert, gibt es nicht. Das hat direkte Folgen: Sicherheitsapparate, Justiz und politische Entscheidungen funktionieren nicht landesweit. Für ausländische Akteure bedeutet das, dass sie mit unterschiedlichen libyschen Gruppen zusammenarbeiten können – und müssen.

Libyen ist dadurch zu einem geopolitischen Schauplatz geworden. Die Türkei und Russland unterstützen unterschiedliche Akteure politisch, wirtschaftlich und militärisch. Auch europäische Staaten sind diplomatisch, wirtschaftlich und vor allem in der Migrationspolitik involviert.

Moammar Gadhafi

Muammar al-Gaddafi regierte Libyen mehr als vier Jahrzehnte lang mit harter Hand. Nach seinem Sturz zerfiel der Staat, doch die Macht blieb.

Jahrzehntelang kontrollierte Muammar al-Gaddafi Libyen mit Gewalt und Patronage. Bild: © picture alliance/AP Photo | Sergei Grits

Warum Libyens Öl und Gas für Europa so wichtig sind

Für Europa erfüllt Libyen somit zwei zentrale Funktionen: Energielieferant und Pufferzone. Libyen besitzt die größten nachgewiesenen Ölreserven Afrikas. Das Land liegt nahe an Südeuropa und ist über bestehende Infrastruktur mit europäischen Märkten verbunden. Selbst in Phasen politischer Instabilität wird weiter Öl gefördert und exportiert.

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine und dem damit verbundenen Umbruch der europäischen Energieversorgung hat Libyens Bedeutung zugenommen. Die EU sucht nach zusätzlichen Lieferanten, gleichzeitig lassen sich neue Energiequellen nicht kurzfristig erschließen. Libyen ist nah, rohstoffreich und strukturell angebunden.

Seeds Silos in Misrata, Libya - 24 Dec 2022

Libyens Häfen sind mehr als Umschlagplätze für Öl und Gas. Sie verbinden Europas Energieinteressen direkt mit einem Staat, dessen Instabilität seit Jahren dokumentiert ist.

Während Regierungen wechseln und Konflikte andauern, bleibt die Energieproduktion in Libyen ein stabiler Machtfaktor. Bild: © picture alliance / ZUMAPRESS.com | ISLAM ALATRASH

Für europäische Staaten bedeutet das: Die Stabilität der libyschen Energieproduktion ist ein strategisches Interesse. Konflikte, Blockaden von Ölfeldern oder Machtkämpfe zwischen Milizen können die Produktion beeinträchtigen. Menschenrechtsfragen verschwinden dadurch nicht; sie konkurrieren jedoch mit einem anderen politischen Ziel: Versorgungssicherheit.

Energiekonzerne in Europa sehen keine Schuld

Auch die wirtschaftliche Bedeutung Libyens wächst. Seit Anfang 2026 öffnet das Land seinen Energiesektor nach fast zwei Jahrzehnten wieder für internationale Explorationslizenzen. Der italienische Energiekonzern Eni bezeichnet Libyen weiterhin als „strategische Priorität“ für die Energiesicherheit im Mittelmeerraum. Auf Anfrage der Redaktion erklärt das Unternehmen, ausschließlich mit anerkannten Stellen zusammenzuarbeiten und internationale Menschenrechtsstandards einzuhalten.

Auch Wintershall Dea verweist auf die Einhaltung internationaler Menschenrechtsstandards und darauf, sich an alle geltenden Gesetze zu halten.

Libyen möchte seine Erdgasproduktion in den kommenden Jahren steigern, um langfristig mehr Gas nach Europa exportieren zu können. Der Öl- und Gassektor ist das Rückgrat der libyschen Wirtschaft und macht etwa 85 bis 97 Prozent der Exporteinnahmen aus. Doch Energie ist nur eine Hälfte der europäischen Beziehung zu Libyen. Die andere heißt Migration.

Das dokumentierte System der Gewalt

Ein Teil der Menschen, die versuchen, Europa über das Mittelmeer zu erreichen, wird von der libyschen Küstenwache abgefangen und nach Libyen zurückgebracht. Europäische Staaten unterstützen die Küstenwache finanziell, logistisch und durch Ausbildung.

Offiziell soll die Zusammenarbeit Menschenleben retten und Schleusenkriminalität bekämpfen. In der Praxis werden Menschen dadurch in ein Land zurückgebracht, in dem ihnen schwere Menschenrechtsverletzungen drohen.

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Migranten und Geflüchtete werden in Libyen häufig unter prekären Bedingungen festgehalten. © Nicolas Koutsokostas/Shutterstock | Nicolas Koutsokostas/Shutterstock

„Die Lage der Migranten und Asylsuchenden in Libyen bleibt unverändert“, sagt Hanan Salah, stellvertretende Direktorin für Nahost und Nordafrika bei Human Rights Watch. „Männer, Frauen und Kinder sind weiterhin der Gefahr schwerwiegender Misshandlungen und Verstöße durch bewaffnete Gruppen und die Küstenwache ausgesetzt.“

Menschen berichten von Schlägen, Erpressung, Zwangsarbeit. In Bani Walid, einem Knotenpunkt auf den Schmuggelrouten Richtung Mittelmeer, dokumentierten internationale Organisationen über Jahre sogenannte Foltercamps. Andere Betroffene erzählen von sexueller Gewalt, wochenlanger Haft ohne Anklage und Lösegeldforderungen an Angehörige.

Flucht ist für Libyen ein Geschäftsmodell

„Internationale Organisationen und Experten sprechen inzwischen von einer ‚detention industry‘“, sagt Julia Winkler, Sprecherin von der Seenotrettungsorganisation Sea Watch. Die Inhaftierung von Menschen auf der Flucht sei faktisch zu einem Geschäftsmodell geworden.

Libya Europe Migrants

Für viele Migranten ist Libyen nur eine Zwischenstation. Für Europa ist das Land längst Teil seiner Migrationspolitik geworden.

Das Mittelmeer trennt Europa von Libyen geografisch nur wenige hundert Kilometer. Politisch ist die Distanz oft deutlich größer. Bild: © picture alliance/AP Photo | Felipe Dana

Die europäische Rolle dabei ist umstritten. Hanan Salah spricht von einer „Komplizenschaft“ europäischer Staaten mit libyschen Behörden und bewaffneten Gruppen. Die Zusammenarbeit ermögliche Aufgriffe und Rückführungen und verfestige Strukturen, die „missbräuchlich und nicht rechenschaftspflichtig“ seien.

Damit entsteht ein System, in dem mehrere Akteure unterschiedliche Interessen verfolgen. Libysche Gruppen kontrollieren Territorien und Haftzentren, europäische Staaten wollen Migration begrenzen und Energieversorgungen sichern. Internationale Organisationen dokumentieren die Folgen, haben aber nur begrenzte Möglichkeiten, das System zu verändern.

Warum hält Europa also die Zusammenarbeit trotzdem aufrecht?

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Das Paradox der europäischen Libyenpolitik

Die Antwort liegt auch in einem besonderen Verständnis für Stabilität. Für europäische Staaten bedeutet Stabilität in Libyen nicht unbedingt demokratische Ordnung oder funktionierende staatliche Institutionen. Gemeint ist vor allem operative Verlässlichkeit. Grenzen sollen kontrolliert, Migrationsbewegungen begrenzt, Förderungen gesichert und Lieferketten aufrechterhalten werden.

Und das ist das Paradox der europäischen Libyenpolitik. Ein stabiler, demokratischer libyscher Staat wäre langfristig für alle Beteiligten wünschenswert. Kurzfristig können jedoch auch fragmentierte Machtstrukturen funktionieren, solange Öl gefördert wird und Migranten von der Weiterreise nach Europa abgehalten werden.

News Bilder des Tages RUSSIA    JULY 30, 2022: Offshore platforms at the Grayfer oil and gas field operated by Lukoil in

Libyens Öl- und Gasreserven zählen zu den größten Afrikas. Für Europa macht genau das das Land trotz aller Krisen strategisch unverzichtbar.

In Libyen gilt bis heute ein Prinzip: Öl fließt, auch wenn der Staat zerfällt. Bild: © IMAGO/ITAR-TASS | IMAGO/Dmitry Dadonkin

Dass sich daran seit Jahren wenig ändert, hängt auch mit der Geschichte der internationalen Interventionen zusammen. Der Sturz Gaddafis 2011 sollte den Weg für einen politischen Neuanfang ebnen. Stattdessen folgten Instabilität, rivalisierende Machtzentren und ein Machtvakuum, das bis heute zu spüren ist.

Eine erneute tiefgreifende Intervention birgt für europäische Staaten deshalb größere Risiken. Sie könnte bestehende Konflikte verschärfen oder neue Konfrontationen auslösen. Der Status quo ist problematisch. Für diejenigen, die ihre unmittelbaren Interessen sichern wollen, offenbar kalkulierbarer.

Libyen bleibt damit ein Beispiel für einen politischen Widerspruch, der sich nicht leicht auflösen lässt. Europa fordert Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit, arbeitet zugleich aber mit Akteuren zusammen, deren Strukturen diesen Prinzipien widersprechen. Solange Libyen für Europa zugleich Energiequelle und Puffer gegen Migration bleibt, dürfte sich daran wenig ändern.