Trotz enttäuschender Aktie: Der Amrize-Chef Jan Jenisch verteidigt Abspaltung von Holcim

«In den USA geht die Post ab»: Trotz enttäuschender Aktie verteidigt der Amrize-Chef Jan Jenisch die Abspaltung von HolcimDas frühere Nordamerika-Geschäft von Holcim wächst schnell, aber nicht an der Börse. Don...

  • 5 min read
Trotz enttäuschender Aktie: Der Amrize-Chef Jan Jenisch verteidigt Abspaltung von Holcim

«In den USA geht die Post ab»: Trotz enttäuschender Aktie verteidigt der Amrize-Chef Jan Jenisch die Abspaltung von Holcim

Das frühere Nordamerika-Geschäft von Holcim wächst schnell, aber nicht an der Börse. Donald Trump macht dem Zementkonzern das Leben schwer.

08.08.2026, 05.31 Uhr

4 Leseminuten


In den USA wird viel gebaut: ein Gerüst vor dem Capitol in Washington.

In den USA wird viel gebaut: ein Gerüst vor dem Capitol in Washington.

Mark Schiefelbein / AP

Rundum gab es nur strahlende Gesichter. Unter grossem Applaus läutete Jan Jenisch im Juni 2025 die berühmte Glocke zum Handelsbeginn der New Yorker Börse. An jenem Tag brachte Jenisch, der frühere Chef des Zementriesen Holcim, ein neues Unternehmen an den Aktienmarkt: Amrize, das von Holcim abgespaltene Geschäft in Nordamerika. Jenisch war von Amrize so überzeugt, dass er gleich als CEO und Verwaltungsratspräsident übernahm.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Etwas mehr als ein Jahr später gibt es für Amrize-Anleger noch nicht viel zu feiern. Amrize ist zwar der grösste Zementkonzern der USA und neben der New Yorker auch an der Schweizer Börse kotiert. Deswegen ist das Unternehmen trotz seinem Fokus auf Nordamerika auch im Swiss-Market-Index (SMI) enthalten. Doch nach einem Zwischenhoch im Februar notierten die Titel an beiden Handelsplätzen jüngst etwa dort, wo sie im Juni 2025 begonnen hatten.

Kalte Dusche an der Börse

Am Freitag sackten die Amrize-Aktien sogar regelrecht ab und verloren an der Schweizer Börse 9 Prozent auf 38 Franken. Der Grund waren die Geschäftszahlen, bei denen Jenisch viel Licht, aber auch Schatten präsentierte: Amrize hat von Anfang April bis Ende Juni zwar deutlich mehr Baumaterial verkauft, aber die Kosten sind stark gewachsen. Deshalb wurde die Prognose für den Umsatz im Gesamtjahr etwas nach oben korrigiert, musste aber für den Betriebsgewinn etwas gesenkt werden. Solch eine negative Überraschung sei man von Jenisch nicht gewohnt, kommentierte die Helvetische Bank.

Von Jan Jenisch selbst wird man kein negatives Wort hören. Er verweist im Gespräch auf das Umsatzplus von 7 Prozent auf 3,5 Milliarden Dollar, das Amrize im zweiten Quartal aus eigener Kraft (organisch) erreicht hat: «Es gibt wenig Firmen ausserhalb der Tech-Branche, denen das gelingt. Wir haben mit der Abspaltung die Weichen auf Wachstum gestellt», sagt er. Die Auftragslage sei hervorragend, Amrize laufe auf allen Zylindern.

Von den aus Sicht der Aktionäre verlorenen zwölf Monaten lässt sich Jenisch nicht beeindrucken: Man solle den Aktienkurs nicht kurzfristig beurteilen, betont er. Die Seitwärtsbewegung sei auch den Veränderungen im Aktionariat geschuldet, bei denen Schweizer Investoren ausstiegen und amerikanische hinzukamen. Ausserdem sei der Kurs immer eine Motivation für das Management, ergänzt der deutsche Manager ganz ohne Ironie.

Trotz Zöllen gibt es keinen Auftragsboom der Industrie

«Der Zeitpunkt für die Abspaltung war richtig», sagt Jenisch zur Verteidigung des Spin-offs: «In den USA geht wirtschaftlich die Post ab.» Es sind vor allem Grossprojekte, die bei Amrize die Auftragsbücher füllen. Der Konzern liefert Zement und Beton, aber auch hochwertige Bauelemente wie Dachmaterial unter anderem für Datenzentren, Halbleiterfabriken, Kraftwerke und Infrastrukturprojekte.

Jan Jenisch läutet die Glocke zum Handelsstart an der New Yorker Börse (Nyse) am 23. Juni 2025.

Jan Jenisch läutet die Glocke zum Handelsstart an der New Yorker Börse (Nyse) am 23. Juni 2025.

Brendan McDermid / Reuters

Nur zwei Schönheitsfehler trüben das Bild: Erstens werden im amerikanischen Wohnungsbau, der rund einen Fünftel zum Umsatz beiträgt, wenig neue Gebäude errichtet. Das ist unter anderem dem hohen Zinsniveau geschuldet. Umso wichtiger sind für Amrize Renovationen und Sanierungen. Zweitens gibt es keinen breiten Boom beim Bau von Fabriken oder Werkstätten – anders als es sich Präsident Donald Trump mit seiner protektionistischen Zollpolitik erhofft hat.

Ungeachtet der Ankündigungen aus dem Weissen Haus über Milliardeninvestitionen ausländischer Konzerne sind die Bauausgaben des verarbeitenden Gewerbes rückläufig – und das seit Trumps Wiederwahl. Sie liegen heute rund 30 Prozent tiefer als im November 2024. Unter Trumps Vorgänger Joe Biden, der die Industrie mit Förderprogrammen unterstützt hatte, waren die Bauausgaben für Produktionsstandorte stark gewachsen.

Das Öl trübt die Gewinnaussichten

Jan Jenisch ist auch hier optimistisch und sagt, dass der Aufbau von Fabriken und Werken jetzt Fahrt aufnehme: «Das wird uns über viele Jahre hohe Wachstumsraten bescheren.» Kurzfristig hat er ein wichtigeres Problem, das ebenfalls mit Trump zusammenhängt: Dessen Krieg gegen Iran hat die Preise für Rohöl und Diesel stark verteuert. Das spürt Amrize beim Kauf sowohl von Rohstoffen, etwa zur Produktion der Dachmaterialien, als auch von Treibstoff für den Transport der schweren Baustoffe Zement und Beton.

Die gestiegenen Kosten durch den höheren Ölpreis waren der wesentliche Grund, warum Amrize im zweiten Quartal mit einem bereinigten Betriebsgewinn (Ebitda) von 986 Millionen Dollar die Erwartungen der Analysten verfehlte. Zwar steuert der Konzern mit Preiserhöhungen gegen, aber diese wirken erst verzögert. Deshalb sah Amrize keine andere Möglichkeit, als zum Leidwesen der Investoren etwas weniger Gewinn für das Gesamtjahr in Aussicht zu stellen.

Jan Jenisch wird weiterhin Überzeugungsarbeit an der Börse leisten müssen. Schon vor dem jüngsten Kursrutsch war Amrize günstiger bewertet als manch andere Firmen aus dem Bausektor in den USA. Viele Analysten hielten den tiefen Kurs angesichts der guten Geschäftsaussichten für nicht gerechtfertigt. Zum Beispiel sah die Zürcher Kantonalbank bereits vor der Korrektur vom Freitag ein Wachstumspotenzial für die Aktie von 30 Prozent. Die Helvetische Bank empfiehlt, auf den tieferen Niveaus zuzukaufen – auch wenn nun vorerst wieder Geduld gefragt sei.

Nicht gedulden möchte sich der Optimist Jenisch, der Amrize operativ von Chicago aus lenkt, während der Konzernsitz nach der Abspaltung von Holcim in Zug geblieben ist. Amrize will dieses Jahr 900 Millionen Dollar in neue Werke für Zement, Dachschindeln oder in Steinbrüche in den USA investieren. Früher, als Teil von Holcim, seien 500 bis 600 Millionen Dollar üblich gewesen. «Wir haben Luft geholt, jetzt geben wir Gas», sagt Jenisch. Die Anleger müssen nur noch folgen.

Passend zum Artikel

Sika ist der gefallene Star am Aktienmarkt. Jetzt gibt es Hoffnung auf eine Wende zum Besseren. Aber der Zementkonzern Holcim ist in der Gunst der Anleger weit enteilt.

Holcim hat mit der Abspaltung des Nordamerikageschäfts die Deglobalisierung vorweggenommen. Amrize, die als Schweizer Firma nur in den USA und Kanada tätig ist, profitiert massiv vom Bauboom bei Datenzentren.

Erst hat Schmidheiny den Zementkonzern Holcim aufgebaut, dann regte er die Aufspaltung an. In einer der grossen Schweizer Unternehmerdynastien ist Grösse nicht mehr alles.

Erst bei Sika, dann bei Holcim: Jenisch gilt als Brachialgewalt. Doch das will er gar nicht sein. Sondern mehr so wie Buddha.