„Im Büro zwei Flaschen Wein dabei“: Münchnerin war jahrelang Alkoholikerin – und sah sich als „Sklave der Sucht“
tzMünchenStadtBogenhausenStand: 25.07.2026, 17:08 UhrKommentareUns auf Google folgen20 Jahre lang hatte Carolin Wehrend aus München mit einer starken Alkoholsucht und dutzenden Rückschlägen zu kämpfen. Was ihr ...
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Stand: 25.07.2026, 17:08 Uhr
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20 Jahre lang hatte Carolin Wehrend aus München mit einer starken Alkoholsucht und dutzenden Rückschlägen zu kämpfen. Was ihr letztlich das Leben gerettet hat.
München – Carolin Wehrend war 31 Jahre alt, als sie anfing, zu viel zu trinken. Obwohl ihre Tante im Alter von 41 Jahren daran gestorben war und sie seitdem immer Angst hatte, selbst abhängig zu werden. Und doch wurde sie es. Zwei Jahrzehnte hatte sie mit ausuferndem Alkoholkonsum und etlichen Rückschlägen zu kämpfen. Heute erzählt die 58-Jährige ihre Geschichte – und von dem steinigen Weg zur Abstinenz.

„Durchgehend versucht, den Pegel zu halten“: Münchnerin trank drei Flaschen Ouzo am Tag
„Ich bin da schleichend reingerutscht“, erinnert sich Wehrend im Gespräch mit unserer Redaktion. Der große Auslöser war, als sie ihr ungeborenes Baby verlor. „Der Schmerz war so groß – da habe ich zu trinken begonnen.“ Anfangs griff sie nur zum Alkohol, um ihre Gefühle zu betäuben. „Das Ziel war nie der Rausch, sondern der Funktionsmodus. Ich dachte mir, dass das Leben ohne Gefühle leichter ist.“ Rückblickend weiß sie, dass sie als Kind nie gelernt hat, mit Problemen umzugehen. Immer wurden diese entweder gar nicht erst angesprochen oder unter den Teppich gekehrt. Schon als Sechsjährige bekam Wehrend Cognac von ihrer Großmutter, wenn sie traurig war. „Ich habe dadurch früh gelernt, unangenehme Gefühle positiv mit Alkohol zu verbinden“, reflektiert sie.
Von Beginn der Sucht an war ihr klar, dass sie ein Alkoholproblem hatte – ein Problembewusstsein, das bei Abhängigen keineswegs selbstverständlich ist, wie sie später erfahren würde. Die Münchnerin entwickelte sich zur Spiegeltrinkerin. Das bedeutet, dass sie kontinuierlich über den Tag verteilt konsumierte. „Ich habe bereits morgens angefangen und dann durchgehend versucht, den Pegel zu halten.“ Nach zwei Jahren brachte sie es oft schon auf drei Flaschen Ouzo an einem Tag. Selbst nachts stand sie auf, um weiterzutrinken. Nicht, weil sie wollte. Doch zu diesem Zeitpunkt war sie längst körperlich abhängig. „Sobald der Alkoholspiegel sank, setzten Entzugserscheinungen ein, sodass ich trinken musste, um überhaupt wieder schlafen zu können.“
Auch ihre Arbeit hielt sie nicht vom Konsum ab. Morgens stellte sie sich jedes Mal die Frage, wie viel Alkohol sie mitnehmen musste, um den Tag ohne Entzugserscheinungen zu überstehen. „Im Büro hatte ich dann meistens zwei Flaschen Wein dabei.“ Die trank sie mit Pausen auf der Toilette und spülte dann mit Pfefferminzöl hinterher, um den Mundgeruch zu verschleiern. Niemand merkte irgendetwas. Jahrelang. Die 58-Jährige weiß einen Grund dafür: „Alkoholiker sind Meister darin, ihre Sucht zu vertuschen.“
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Alkohol beschädigte bereits Bauchspeicheldrüse und Leber – „Es war ein Albtraum“
Es ging so weiter, bis sie zehn Tage in einer Klinik entgiftet wurde. Sieben Jahre lang war sie danach trocken. Bis zu dieser einen Firmenfeier. „Ich habe nur ein Glas Rotwein getrunken.“ Und dann ging Stück für Stück wieder alles von vorne los. Ein paar Monate lang trank sie nur hin und wieder ein Glas. Erst als massiver Liebeskummer dazukam, griff sie auf ihr altes Bewältigungsmuster zurück. Heute ist ihr klar, dass sie damals noch keine neuen Strategien gelernt hatte, um mit belastenden Gefühlen umzugehen.
Weitere zwölf Jahre lang hielt ihre Sucht an – mit „ganz extremen Phasen“, aber auch immer wieder trockenen Wochen oder Monaten. „Engel und Teufel haben auf meiner Schulter ständig gestritten.“ Jedes Mal gewann letztlich doch der Teufel und sie wurde erneut rückfällig – ungefähr 30-mal in dieser Zeit, schätzt Wehrend. „Es war ein Teufelskreis.“
Hier finden Sie Hilfe
Für akute und anonyme Hilfe steht die SuchtHotline München unter der Telefonnummer 089/282822 täglich von 6 bis 24 Uhr zur Verfügung. Anlaufstellen wie das Blaue Kreuz (089/388888-73 oder -74) bieten zudem kostenfreie, vertrauliche und professionelle Beratung sowie Therapievermittlung an. Telefonsprechzeiten sind Montag bis Donnerstag von 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr sowie Freitag von 10 bis 13 Uhr.
Dann wurde auch noch ihre Mutter schwer krank. „Ich habe nur noch getrunken, um zu funktionieren, während ich über Jahre die Pflege meiner Eltern neben meinem Beruf bewältigen musste. Mein eigenes Leben existierte quasi nicht mehr.“ Ihr Konsum wurde immer heftiger. „Es war ein Albtraum.“ Als sie schließlich in eine Klinik kam, weil der massive Alkoholkonsum zu einer schweren Bauchspeicheldrüsenentzündung geführt hatte, bekam sie dort eine eindringliche Warnung des Arztes. „Er hat gesagt, wenn ich wieder anfange zu trinken, ist das mein Todesurteil.“
Natürlich hatte Wehrend längst selbst bemerkt, dass ihr Körper nicht mehr so funktionierte, wie er sollte. „Ich hatte oft Bauchschmerzen, fühlte mich ständig schwach, hatte keinen Appetit mehr und war überall aufgedunsen.“ Trotzdem war das noch nicht das Ende der Sucht. Nach einer halbjährigen Abstinenz wurde sie durch die extreme Belastung durch ihre Eltern rückfällig und kam letztlich wieder bei sechs Flaschen Wein pro Tag an. „Ich wäre so gerne in eine Entgiftung gegangen.“ Doch sie konnte ihre Eltern nicht sich selbst überlassen.
Als diese anderthalb Jahre später kurz nacheinander verstarben, fing sie an, auf ihren Körper zu hören. Sie war völlig am Ende, als sie aus ihrer Verzweiflung heraus die Münchner Suchthotline anrief. Dort bekam sie den entscheidenden Tipp zu einer Klinik etwas außerhalb. „Die darauffolgenden 16 Tage Entgiftung waren meine Rettung.“
„Ich war ein Sklave der Sucht“ – Doch Selbsthilfegruppe veränderte Wehrends Leben
Zu der Zeit hatte sich die Münchnerin eigentlich schon selbst aufgegeben. „Ich war psychisch ein Wrack.“ Doch die Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes München, zu der sie sich dann endlich traute, veränderte ihr Leben. Erstmals ist ihr wirklich klargeworden, dass Alkohol eine Droge ist. Dass sie auch ohne Alkohol auf Partys und im Leben Spaß haben kann. Dass sie Bedürfnisse haben und auch Nein sagen darf. Und – am wichtigsten – dass sie auf sich stolz sein konnte, es hierher geschafft zu haben. „Ich hatte so viele Aha-Erlebnisse und verständnisvolle Gespräche.“
Nun, rund fünf Jahre später, fehlt ihr der Alkohol nicht mehr. „Aus ‚Ich darf nichts trinken‘ ist ‚Ich will nichts trinken‘ geworden.“ Doch Wehrend weiß aus eigener Erfahrung, wie schnell es gehen kann, rückfällig zu werden. Deswegen besucht sie die Selbsthilfegruppe immer noch regelmäßig – „man darf nicht übermütig werden“. Selbst nach all den Jahren kann sie stets etwas daraus mitnehmen und auch selbst mit ihrer Geschichte etwas zurückgeben.
Wenn sie an die harte Zeit zurückdenkt, wird ihr wieder klar: „Ich war ein Sklave der Sucht.“ Heute lebt sie nicht mehr in einem Gefühl des Verzichts, sondern ist glücklich abstinent. „Für mich bedeutet das Freiheit, Selbstwert und Lebensqualität.“ Wehrend hat gelernt, ihre Gefühle auszuleben. „Heute bestimme wieder ich selbst über mein Leben.“ (Quelle: eigenes Gespräch) (res)
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