«Im Ausgang sehen wir überall Kokain»: Jetzt reden Schweizer Drogenfahnder über den «Coci»-Boom
Eine Kokainwelle überrollt die Schweiz. Exklusiv erzählen Fahnder aus drei Kantonen, wie Kokain, Freebase und Crack ihre Arbeit verändern. Und was das mit Mafia-Netzwerken zu tun hat.
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«Im Ausgang sehen wir überall Kokain – entweder in der Hosentasche oder im Blut»: Schweizer Drogenfahnder reden über den «Coci»-Boom
Eine Kokainwelle überrollt die Schweiz. Exklusiv erzählen Fahnder aus drei Kantonen, wie Kokain, Freebase und Crack ihre Arbeit verändern. Und was das mit Mafia-Netzwerken zu tun hat.
11.07.2026, 21.48 Uhr
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Insbesondere bei den Jungen nimmt die Gier nach Kokain zu, und der Nachschub reisst nicht ab.
DW Photos / Getty
Auf dem Tisch liegt eine harte, weisse Platte im A4-Format in einem transparenten Beutel. Es ist gepresstes Kokain. Daraus hätten Hunderte Portionen für Süchtige werden sollen. Doch die Drogenfahnder waren schneller. Es ist mittlerweile ein alltäglicher Fund: «Selbst die unterste Charge der Dealer hat teilweise ein oder zwei Kilo zu Hause», sagt der Chef der Zürcher Betäubungsmittelfahndung. Nicht nur Zürich wird vom weissen Stoff geflutet. «Seit drei, vier Jahren ist alles anders – jetzt sind wir praktisch nur noch Kokainfahnder», erzählt ein Aargauer Polizist. Und in St. Gallen sagt ein Ermittler: «Fast jeder Mittelmeerhafen ist heute ein Einfallstor für Kokain, das dann über die serbische oder albanische Mafia seinen Weg in die Schweiz findet.»
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Drogenfahnder und Ermittler sprechen kaum je öffentlich über ihren Kampf gegen Betäubungsmittel, nun machen sie eine Ausnahme. Sie gewähren der «NZZ am Sonntag» exklusive Einblicke in ihren Alltag. Er ist geprägt von einer Kokainschwemme, die den Schweizer Drogenmarkt umkrempelt.
Mengen, die früher undenkbar waren
Ein heisser Morgen Ende Juni in Zürich-West im ersten Stock des Hauptgebäudes der Stadtzürcher Kriminalpolizei. Bernhard Stettler, Chef der Betäubungsmittelfahndung, sitzt in einem Besprechungszimmer mit Bunkeratmosphäre: kühle Betonwände, keine Fenster. Vor ihm sind verschiedene Säcke und Säckchen mit beschlagnahmten Drogen aufgereiht, er tippt auf die grosse, schneeweisse Kokainplatte: «Das ist unser allergrösstes Problem.»
Stettler ist seit Jahrzehnten an der vordersten Front der Drogenbekämpfung dabei und erinnert sich noch an andere Zeiten, als es vor allem um Heroin ging. «In den Jahren nach der Schliessung der offenen Drogenszene am Letten machte der zuständige Polizeioffizier jeweils noch einen Champagner auf, wenn wir ein Kilo Kokain sicherstellen konnten.»
Doch das habe sich radikal verändert. «Heute sehen wir praktisch nur noch Kokain. Und das in Mengen, die früher undenkbar gewesen wären», sagt Stettler. «Selbst die unterste Charge der Dealer hat teilweise ein oder zwei Kilo Kokain zu Hause. Das fanden wir früher nur bei den wirklich grossen Fischen.» Alle befragten Fahnder beobachten zudem einen massiven Preiszerfall. Das Kilo Kokain kostet heute zwischen 15 000 und 20 000 Franken. Vor vier Jahren waren es noch rund 45 000 Franken.
Beunruhigende Schätzungen
Die Zürcher Fahnder bestreiten den Kampf gegen das weisse Gift in zivil, wechseln ständig die Quartiere. Sie observieren einschlägige Orte wie die Bäckeranlage, gehen Hinweisen von Anwohnern nach, überwachen Dealer, durchsuchen Wohnungen. Taucht ein neuer Dealer auf, kaufen sie verdeckt Kokain und versuchen so, sich zu den Hintermännern vorzukämpfen.
Was die Fahnder im Alltag sehen, widerspiegelt sich in den Statistiken. Gemäss dem neuesten Bericht von Sucht Schweiz nimmt der Kokainkonsum stetig zu, und das mit Folgen. Sowohl die Zahl der Spitalaufenthalte mit Diagnose Kokain als auch jene der Behandlungen in Suchteinrichtungen steigt seit Jahren an.
Ivo Krizic, Mitautor der Studie, sagt im Gespräch zudem, dass die gängige Angabe von rund 60 000 Kokain-Konsumierenden in der Schweiz massiv zu tief liegen dürfte; kombiniere man frühere Studien komme man eher auf 150 000 Personen. Doch auch diese Daten seien schon einige Jahre alt, sagt Krizic. «Seit der Durchführung dieser Studien hat sich die Lage eher verschärft, weshalb die reale Zahl noch darüber liegen könnte.»
Das sind beunruhigende Schätzungen – doch für die Polizeibeamten ist das wenig überraschend. Im Sitzungszimmer der Kripo der Stadtpolizei Zürich liegen neben der Kokainplatte auch weitere beschlagnahmte Kokainprodukte wie Crack und Freebase. Der Unterschied liegt in der Herstellungsart und im Konsum: Das weisse Kokainpulver wird geschnupft, das ist die bei weitem verbreitetste Methode. Freebase und Crack werden geraucht. Die öffentliche Debatte dreht sich derzeit vor allem um das sichtbare Elend rund um Crack. Für die Zürcher Fahnder sind die Süchtigen bei der Bäckeranlage aber nur die Spitze des Eisbergs.

Die Bäckeranlage ist nur die Spitze des Eisbergs: «Würde jeder Kokainkonsument im Züri-Tram rot aufleuchten, würden wir alle vermutlich erschrecken.»
Andrea Zahler / CH Media
«Kokain ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen», sagt Yves Schlittler. Der Chef des Kommissariats Fahndung der Stadtpolizei Zürich sitzt ebenfalls am Tisch. «Würde jeder Kokainkonsument im Züri-Tram rot aufleuchten, würden wir alle vermutlich erschrecken.» Gemäss Sucht Schweiz gibt es Hinweise darauf, dass Branchen mit hoher Belastung, etwa das Baugewerbe oder die Gastronomie, besonders betroffen sind. Laut Schlittler sticht hingegen keine Berufsgruppe besonders heraus. «Vor kurzem flog ein Dealer-Netzwerk im Umfeld mehrerer Krankenpfleger auf. Das war Zufall, es hätte genauso gut eine andere Berufsgattung betreffen können.»
Vom Mittelmeerhafen nach St. Gallen
Von der Drogenmetropole Zürich an den äussersten Rand der Ostschweiz nach St. Gallen. Die Stadt sei ein Dorf, sagen die Einwohner oft. Doch die offene Kokainszene könnte städtischer nicht sein. An einem Mittag Anfang Juli drehen in einem Park in der Nähe des Klosterviertels Dealer auf Velos ihre Runden, Freebase- und Crack-Süchtige beschaffen sich hier ihren Stoff.
Ein paar Schritte entfernt befindet sich die Betäubungsmittelabteilung der Kantonspolizei St. Gallen. «Es ist alles viel extremer geworden», sagt ein Drogenfahnder, der anonym bleiben möchte. Er ist jeden Tag auf der Strasse unterwegs. Früher, so erzählt er, habe es unter den Abhängigen noch so etwas wie einen Ehrenkodex gegeben. «Nun nimmt man sich gegenseitig aus, wenn man kann. Und wenn einer sein Crack-Steinchen einmal nicht auf Pump bekommt, dann schlägt er zu.» Die Süchtigen der Stadt erinnerten ihn an «Duracell-Häschen», sagt der Fahnder. «Die Wirkung von gerauchtem Kokain dauert nur wenige Minuten – dann sind sie wieder am Beschaffen, die stehen nie still.»
Neben der offenen Szene blüht auch in St. Gallen der private Konsum von Kokainpulver zum Schnupfen. Das sieht Roger Graf, der Leiter Betäubungsmitteldelikte der Kapo St. Gallen, anhand der beschlagnahmten Mengen: «Pro Jahr vernichten wir mehrere hundert Kilo Drogen, ein grosser Teil davon sind Kokainprodukte, wir finden jedes Jahr mehr davon.» Was Graf neben der Menge vor allem auffällt, ist die Reinheit. «Früher wurde Kokain noch mit Rattengift oder Waschmittel gestreckt – doch heute streckt schon längst niemand mehr, die Schweizer Konsumenten sind sich höchste Reinheit gewohnt.»
Längst erfolgt die Verteilung nicht mehr nur auf der Strasse. «Die Drogen werden online via Instagram oder Snapchat verkauft», sagt Graf. «Dann bringt sie ein Dealer zu einer Privatwohnung nach Hause, oder er verschickt den Stoff mit der Schweizer Post – das kommt viel häufiger vor, als man glaubt.»
Ins Land gelangen die Drogen meist unbemerkt. Erst vor einigen Wochen entdeckten Schweizer Zöllner in Basel-Land vierzehn Kilogramm Kokain unter einer Stossstange. Doch wer orchestriert das Ganze? Wer bringt all diesen Stoff in die Schweiz?
Roger Graf spricht von einem «hochprofessionellen System». Früher sei das Kokain von den Anbauländern in Mittel- und Südamerika vor allem in niederländische und belgische Häfen verschifft worden. «Heute ist fast jeder Mittelmeerhafen ein Einfallstor für Kokain, das dann mit Autos von der serbischen oder albanischen Mafia in die Schweiz transportiert wird.»
Kokain sei ein Milliardengeschäft. «Es verdienen sehr viele Leute sehr viel Geld damit», sagt Graf. «Bei unseren Fällen arbeiten wir oft mit ausländischen Behörden zusammen, und da sehen wir: Die Mafiagruppen funktionieren wie Firmen; mit Logistikern, Buchhaltern, Fahrern oder Lageristen.»

Mittelmeerhäfen werden unter Drogenbanden immer beliebter. Bei Razzien, wie hier am Hafen von Valencia, stossen Ermittler teilweise auf riesige Mengen Kokain.
Robert Solsona / Europa Press / Getty
Gefasst werden meist nur die untersten Mitglieder. «In der St. Galler Innenstadt halten wir den klassischen Läufer an, vielleicht einen serbischer Studenten, der für ein paar Wochen ein Zimmer mietet und dort ein bis zwei Kilo Kokain hortet», sagt Graf. «Der verdient gutes Geld, kann für sich ein paar hundert bis ein paar tausend Franken pro Woche abziehen. Aber der hat keine nachweisbare Verbindung nach ganz oben. Das sind blosse Soldaten, austauschbare Nummern. Nehmen wir einen rein, steht gleich ein neuer da.» Arbeitet sich die Polizei dann eine Ebene höher, wartet häufig nur eine nächste Handynummer, ohne Namen. «Die Dealer wissen oft selbst gar nicht, wer ihr Auftraggeber ist und wem sie das Geld abliefern.»
Die Ermittlungen werden zusätzlich dadurch erschwert, dass die Drogenbanden in Fremdsprachen und in Codewörtern kommunizieren und dies vermehrt digital tun. Beliebt für die Kommunikation untereinander ist beispielsweise die App Potato, ein verschlüsselter Messengerdienst.
Heute müssen die Beamten die Datenmengen und Chats, die sie auf Handys finden, noch mühsam von Hand und mit Dolmetschern auswerten. Das trage zum «massiven Ungleichgewicht» zwischen Staat und Drogenmafia bei, sagt Silvan Duft, der Leiter Ermittlungsdienste der Kapo St. Gallen. Er fordert deshalb neue Instrumente. «Wir brauchen Möglichkeiten, um künstliche Intelligenz bei der Auswertung von Daten bei Drogenermittlungen zu nutzen.»
Gewalt und Geiselnahmen
Kriminelle Gruppen, die hochprofessionell agieren und immer noch mehr Stoff in die Schweiz bringen – das sind keine guten Nachrichten für die innere Sicherheit des Landes. Die Polizeikorps berichten von einer Zunahme der Brutalität im Umfeld der Banden. «Bei Hausdurchsuchungen finden wir regelmässig Waffen. Pistolen sind längst Teil der Selbstinszenierung der Dealer wie teure Autos oder Luxusuhren», sagt der Zürcher Fahndungschef Yves Schlittler.
Mit der Kokainschwemme der letzten Jahre sei ein neuer Typ Drogendealer entstanden. «Der typische Coci-Dealer ist zwischen 18 und 25 Jahren alt, männlich, hat Migrationshintergrund und fährt ein gutes Auto. Er ist etwas verwegen – und meist selber schon ‹gut parat› wie seine Kunden.» Ein grosser Unterschied zu früher sei nämlich, dass die heutigen Dealer oft selbst Kokain konsumierten.
Die Aargauer Kantonspolizei berichtet Ähnliches. Bei einem Treffen Mitte dieser Woche erzählen zwei Beamte anonym am Stützpunkt Buchs von der neuen Kokain-Realität im Kanton. «In fast jeder Dealerwohnung stehen mittlerweile Schusswaffen und Messer herum, wir finden aber auch kugelsichere Westen», sagt ein Drogenfahnder. Immer wieder höre man von Gewalttaten und sogar Geiselnahmen innerhalb der Drogenszene. «Zur Anzeige bringt das aber meistens niemand.» Die Polizei beobachtet zudem Überschneidungen mit der Glücksspielszene. Es gehe längst nicht mehr nur um Drogen, sondern auch um Geldwäsche, Immobilienkäufe oder Waffenhandel.
Der Kanton Aargau ist wegen seiner Zentrums- und Grenzlage besonders interessant für das Kokaingeschäft. «Früher waren unsere Tätigkeitsfelder noch diverser. Seit drei, vier Jahren ist alles anders – jetzt sind wir praktisch nur noch Kokainfahnder», sagt ein Beamter. «Wir haben immer wieder Fälle, bei denen grössere Mengen Koks zuerst von Deutschland oder Frankreich in den Aargau geschafft werden, um sie dann nach Zürich, Basel oder Bern zu verteilen.»
Ein Kanton, der zum Logistik-Hub der Drogenmafia zu werden droht. Was kann die Polizei dagegen tun? «Es braucht auch eine gesellschaftliche Diskussion», sagt ein Ermittler. «Irgendjemand konsumiert ja diese Unmengen an Stoff.» Tatsächlich dürfte der Konsum insbesondere bei den jungen Erwachsenen viel verbreiteter sein, als viele annehmen. Gemäss Sucht Schweiz zeigen Kohortenstudien, «dass in bestimmten jungen, urbanen Teilgruppen zweistellige Prozentwerte real sind».

Wer hat noch nicht? Kokain ist auch immer noch eine Partydroge und ist gemäss Fahndern in gewissen Kreisen «komplett enttabuisiert».
Henglein and Steets / Getty
Diese Realität wird am Wochenende in Aarau, Baden oder Wettingen sichtbar. «Bei Kontrollen im Ausgang sehen wir überall Kokain. Es taucht fast bei jeder Person auf, die wir kontrollieren – entweder direkt in der Hosentasche oder später im Blut», sagt einer der Aargauer Fahnder. «Die Droge ist in gewissen Kreisen komplett enttabuisiert. Früher kiffte man einen Joint. Heute probieren Junge eher einmal Kokain.»
Gegen «gesellschaftliche Experimente»
Die Gier nach Kokain nimmt zu, und der Nachschub reisst nicht ab. Wäre es angesichts der Schwemme und des Elends der offenen Crack-Szenen nicht klüger, Kokain legal und kontrolliert abzugeben? Manche der befragten Polizisten warnen vor dieser Idee, die in den Städten kursiert. Er würde «keine gesellschaftlichen Experimente mit einer derart süchtig machenden Substanz durchführen», sagt ein Fahnder.
Ein Aargauer Ermittler sagt: «Die Schweiz hat schon beim Heroin in den 1990er Jahren sehr spät reagiert. Auch jetzt lässt man die Kokainschwemme einfach über sich ergehen.» Er würde sich eher mehr Polizeistärke statt Liberalisierung wünschen. «Wenn alle Menschen in der Schweiz sehen könnten, wie viel Kokain jeden einzelnen Tag ins Land kommt, wie gross die finanzielle Wucht und die kriminelle Energie hinter dem Handel sind – dann würde die Politik die Zahl der Drogenfahnder sofort verdoppeln.»
Während die Schweizer Drogenpolitik inmitten einer der grössten Drogenschwemmen der Geschichte einmal mehr am Scheideweg steht, machen die Fahnder weiter ihren Job und stellen ein Kilo Kokain nach dem anderen sicher. Ein Ende ist nicht in Sicht.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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