Small-Plate-Menüs: Wenn nur das Auge satt wird
Small-Plate-Dinner sind die größte Mogelpackung unter den gastronomischen Trends. Sie locken mit kulinarischer Offenheit und Freundschaft. Was bleibt, sind 62 Euro pro Person, leere Mägen und passive Aggressivität unter Freunden. Trotzdem rennen alle weiterhin dorthin – getrieben von einem ganz anderen Hunger.
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Kolumne Was war das denn?
Small-Plate-Menüs: Wenn nur das Auge satt wird
Kennt ihr das, wenn man hungrig in eine schickere Veranstaltung reingestolpert ist und versucht, sich irgendwie nonchalant an diesen Mini-Häppchen satt zu essen? Das, aber dann 54 Euro dafür zahlen, so habe ich sogenannte Small-Plates-Restaurants erlebt.
Von außen sieht es so malerisch aus: Freunde in Restaurants reichen sich kreuz und quer kleine, hübsch angerichtete Teller, teilen, reden, lachen, wirken glücklich. Man will direkt dazugehören und auch soetwas Leckeres essen.
Also bin auch ich mit Freunden in solche Restaurants gegangen, auch, weil sie mir andauernd auf Instagram vorgeschlagen werden. Rausgegangen bin ich pleite und hungrig, genährt war nur der Groll untereinander.
Die Rede ist von dem gastronomischen Trend der kleinen Teller zum Teilen. Small Plates stürzen vielerorts die Heilige Dreifaltigkeit aus Vorspeise, Hauptgang und Nachtisch. Gemeinsame Gerichte gibt es seit jeher, von spanischen Tapas über persische Mezze bis zu italienischen Antipasti.
Small-Plates-Restaurants sind jedoch eine neue Gattung: nicht zwingend kulturell verwurzelt, dafür streng durchgestyled. Einrichtung und Gäste müssen teuer sein, aber lässig aussehen. Das Auge isst hier nicht nur mit, es wird wohl als Erstes satt.
Die Gerichte verbindet vor allem ihre kleine Dimension: mal gehobene Küche mit "Bamberger Hörnchen, wildem Knoblauch & Molkenbutter", mal Mini-Burger und Mini-Schnitzel (für mich ein Widerspruch in sich). Die Kellner:innen sprechen meist Englisch, sehen einschüchternd cool aus, und irgendwann fällt der Satz: "The concept of the dishes is to share them."
Weitere Regel: Man kommt nicht zu zweit. Bei den Preisen könnte man dann nur drei Speisen teilen. Man muss schon beliebt genug sein, um als Gruppe zu reservieren.
Eigentlich klingt der Sharing-Trend ganz sinnvoll. Man kann Verschiedenes von der Karte probieren, statt sich nur auf ein Gericht festzulegen. Man kann kulinarisch etwas wagen, ohne gleich einen ganzen Teller Fehlentscheidung essen zu müssen. Man kann die Rechnung gleich aufteilen und Fressneid ist damit auch adé. Vor allem aber versprechen Small-Plates-Dinner ein Miteinander.
Small-Plates-Dinner aus der Bibel
Schon Jesus wusste das: Am Vorabend seiner Hinrichtung lud er zu einem gemeinsamen Abendessen mit seinen Jüngern ein, nicht zu einem einfachen Treffen.
Und was gab es? Geteiltes Brot und geteilten Wein. Einzelmenüs findet man in der biblischen Überlieferung nicht.
Nur enden Sharing-Konzepte 2026 Jahre später in meiner Erfahrung vor allem in geteiltem Leid. Ganz so dramatisch wie beim letzten Abendmahl ist es nicht. Aber auch hier droht Verrat à la Judas: Nämlich, wenn man als Einzige in der Gruppe, ein eigenes Gericht bestellen will. Ohne zu teilen. Wie asozial! Ich wäre diese Person. Ich esse halt sehr langsam.
Zusammen ist man weniger allein - und weniger satt
Das Gegeneinander im Miteinander beginnt schon beim Bestellen. Alle müssen ja mit allem einverstanden sein. Wo ist dann die Grenze zwischen "ich bin total locker und Teilen macht Spaß" und "auf der anderen Seite zahle ich gleich 60 Euro und will, dass auch meine Wahl auf den Tisch kommt"? Selbst wenn man sich durchsetzt, bekommt man vom eigenen kleinen Gericht einen noch kleineren Anteil (Teilen!).
Auch die geteilten Werte stehen auf dem Prüfstand. Wenn Vegetarier:innen mit Karnivoren bestellen, bekommen die Fleischverzichter:innen weniger Teller, bei denen sie mitessen können. Beim Teilen der Rechnung wird das selten berücksichtigt.
Dann sind da noch die Gerichte selbst. Vieles lässt sich kaum teilen, weil es architektonisch filigran angerichtet ist. Oder weil man zu viert is(s)t, auf dem Teller aber drei Kroketten liegen. Etwa eine Taktik, damit man sich einen zweiten Teller Kroketten bestellt?
Ein paar Blätter Eisbergsalat für 16 Euro
Das Nachbestellen ist die größte Lüge dieses Konzeptes. Weil niemand einschätzen kann, wie viel man braucht um satt zu werden, einigt man sich auf den Satz: "Wenn es nicht reicht, bestellen wir einfach mehr." Habe ich noch nie erlebt.
Nicht, weil doch alle satt werden. Sondern weil man für drei Kroketten bereits zwölf Euro bezahlt hat. Der Eisbergsalat mit Buttermilchdressing, der wenigstens an Volumen füllen soll, kommt als schmale Salatspalte für 16 Euro. Auch das 21-Euro-Ceviche entpuppt sich als wenige nanometerdünne Blättchen Fisch, auftoupiert mit essbaren Blumen und Kleeblättern. Geteilt durch vier. Daran zu riechen, macht ungefähr so satt wie es zu essen.
Die Insta-Story ist voll - Magen und Portemonnaie leer
Viele Fotos und wenige Bissen später kommt die Rechnung und es dreht sich einem der halbleere Magen um. Aber man muss cool tun. Denn die Small Plates sind inzwischen Ideologie. Die Revolution gegen die großen Portionen der Einzel-Esser hat, wie so oft in der Geschichte, ihren eigenen Extremismus entwickelt.
Es ist der Kommunismus des Essen-Gehens: alle vereint und hungrig, nur die satte Summe ist sehr kapitalistisch. Warum ist dieses Konzept trotzdem so erfolgreich?
Es geht mir nicht darum, die ohnehin gebeutelte und hart arbeitende Gastronomie zu verunglimpfen. Im Kern dieses Trends liegt für mich ein tieferer Hunger nach Gemeinschaft. Small Plate-Dinner sind eine Gegenbewegung zur zunehmenden Vereinsamung im spätkapitalistischen Alltag. Wir wollen zusammenkommen, zusammen essen, zusammen leben.
Vielleicht sind wir isoliert durch die Hyper-Unabhängigkeit der Wohlstandsverwahrlosung. Vielleicht sind wir ausgeschlossen, weil uns die Mittel fehlen. In jedem Fall sind wir ausgehungert nach Nähe.
Und anscheinend sind viele bereit, dafür einen hohen Preis zu zahlen. Selbst wenn sie danach noch Pommes brauchen.
In der Reihe "Was war das denn?" gehen rbb|24-Autorinnen von konkreten Momenten aus – beiläufigen Gesprächen, irritierenden Beobachtungen oder stillen Szenen aus dem Alltag. Die sehr subjektiven Texte nehmen kleine Irritationen ernst und fragen, was sie über größere Verschiebungen verraten: Was verändert sich gerade? Was wiederholt sich? Und warum fühlt sich manches plötzlich so schief an?
Sendung: rbb|24, 02.08.2026, 16:58 Uhr
Audio: rbb|24, 02.08.2026, Anna Severinenko
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